Unterwegs auf dem Dampfloksteig (Teil 2): Sieben auf einen Streich

Ilfeld  Zwischen Netzkater und Ilfeld geht es nur durch den Wald. Doch säumen die Etappe ungeahnt viele Aussichtspunkte.

Wer auf dem ersten Kilometer der Etappe 120 Höhenmeter überwunden hat, hat vom Dreitälerblick einen fantastischen Blick auf die Bahnstrecke. Und kurz vor 11 Uhr sowie kurz nach 17 Uhr fährt dort sogar der Dampfzug.

Wer auf dem ersten Kilometer der Etappe 120 Höhenmeter überwunden hat, hat vom Dreitälerblick einen fantastischen Blick auf die Bahnstrecke. Und kurz vor 11 Uhr sowie kurz nach 17 Uhr fährt dort sogar der Dampfzug.

Foto: Kristin Müller

Das habe ich nun davon, dass ich dieses Mal beide Töchter mit auf Wandertour genommen habe. „Lahme Ente“, schallt es mir entgegen. Ein frech lachendes Mädchen schaut mir von oben zu, wie ich Schritt um Schritt den Pfad von Netzkater hoch zum Drei-Täler-Blick nehme. Die Kleine hatte sich gegen den Schlängelweg entschieden, nahm den Hang direkt nach oben auf allen Vieren.

Das „Schlimmste“ der Etappe werde man nach 1,2 Kilometern „geschafft“ haben, heißt es in den offiziellen Infos zum Südharzer Dampfloksteig. Stunden später – bei Ankunft in Ilfeld nach fast 16 Kilometern – werde ich nicht widersprechen.

Auch ist nicht zu viel versprochen: Der Blick ins Kalte Tal, ins Beretal und ins Brandesbachtal ist grandios. Wer früh genug gestartet ist, kann unten den einzigen Dampfzug des Tages gen Eisfelder Talmühle und Brocken schnaufen sehen. Ungeduldige Kinder lassen sich schnell mit der Verlockung des ersten Stempelkastens der Harzer Wandernadel beruhigen.

Zwei weitere Stempelstellen werden folgen auf dieser Etappe: am Poppenbergturm und an der Ilfelder Wetterfahne. Dazwischen wartet auf den Wanderer Wald, Wald, Wald. Der Weg bleibt meist schmal, die Steigung wird angenehmer. Mehr als kniehohe Brennnesseln am Wegesrand und rankende Brombeeren lassen erahnen, wie aufwendig es für die beiden Waldarbeiter vom Naturpark Südharz ist, diesen Wanderweg freizuhalten.

Wandern ist hier ein Genießen der Natur

Die Mühe lohnt, Wandern ist hier kein Vor-sich-Hintrotten wie auf Forststraßen, sondern ein Genießen der Natur. Liegt ein Baum quer über dem Weg, ist er den Kindern willkommen zum Drunter-Durch-Robben. Der Brockenblick ist was für die Fotografen. Aber so schön dieser Rastplatz ist, es wartet der höchste Punkt des Dampfloksteigs: der Poppenberg in 599 Metern Höhe.

Hier steht Ilfelds Eiffelturm: ein 33,5 Meter hoher Koloss aus Eisen, einzig durch Nieten zusammengehalten. 1894 hatten ihn Mitarbeiter der Nordhäuser Maschinenfabrik Schmidt, Kranz & Co. errichtet. Wegen Korrosionsschäden sperrte man ihn 1955, ein zweites Mal wurde er 1991/92 rekonstruiert.

Hier oben ist es die Tochter, die schwächelt, und zwar genau in jener Höhe, in der man über den Baumwipfeln steht. In der es windig wird. Wer sich bis nach oben traut, kann zum Kyffhäuser auf der einen und zum Brocken auf der anderen Seite schauen.

Ein Blick auf die Wanderschilder unten an der Schutzhütte irritieren etwas: Allein bis zur Wetterfahne sollen es noch knapp sieben Kilometer sein? Mehr noch als hinter uns liegen? Weiter geht‘s also zum nur etwa einen Kilometer entfernten Falkenstein, der nächste Aussichtspunkt unter knorrigen Eichen. Und einer – im Gegensatz zum Drei-Täler-Blick –, an dem kein Motorengeräusch heraufdringt. Die innere Ruhe allerdings fehlt für das Schauen in die Landschaft: Beide Töchter können das Klettern auf den Felsen nicht lassen.

Bergan, der Wetterfahne entgegen

Vom Falkenstein geht es steil ins Tal hinab. Hätte ich mir nur vorher das Höhenprofil angeschaut! Nun werde ich überrascht und muss hinnehmen, dass es bald auch wieder einen Anstieg gibt. Doch damit nicht genug: Ein Wegweiser im Tal lässt mich wissen, dass es bis zum Ilfelder Bahnhof als Etappenziel noch 8,3 Kilometer sind. Die Etappe sollte etwa zwölf Kilometer umfassen. Ich habe doch aber nicht erst vier Kilometer geschafft!

Ich zweifle erstmals an der Streckenbeschreibung. Aber ans Verzweifeln denke ich nicht.

Während die jüngste Tochter mit ihren Großeltern auf direktem Weg ins zwei Kilometer entfernte Wiegersdorf läuft, geht es für die Erstgeborene und mich wieder bergan, der Wetterfahne entgegen.

Anfangs ist der Weg breit, mündet er auf einer großen Kreuzung mit ebensolchen Wegen. Wer aber der Versuchung des kürzesten Wegs widersteht und der roten Dampflok folgt, wird belohnt: Wieder ist es ein Pfad im Schatten von Buchen, auf dem Wandern Spaß macht. Nicht erst von den Machern des Dampfloksteigs, sondern schon vor Jahrzehnten vom Harzklub angelegt, führt er zum Oberen Bielstein, der erneut den Blick auf Nordhausen, Niedersachswerfen mit Kohnstein und Ilfeld unten im Tal freigibt.

An der Wetterfahne schließlich liegt einem Ilfeld regelrecht zu Füßen. Kein Wunder, dass jedes Brett der Schutzhütte mit Namen von Gästen versehen ist. Der Harzklub reagierte mit einem Gästebuch auf die „Ich-war-hier-Mentalität“. Allein von diesem Sonntag datieren sechs Einträge: „Den inneren Schweinehund überwinden, mit super Aussicht und tollem Wetter belohnt“, schrieben K.+S.+W.

„Das Wandern ist des Müllers Lust“, notierte Siggi aus Niedersachsen. Ich denke lächelnd an meinen arbeitenden Gatten. Auch er wird bald hier oben stehen an jener Fahne, die 1872 zum Sieg im Franzosenkrieg errichtet wurde. Freilich steht nicht mehr die ursprüngliche: 2015 wurde ein neuer stählerner Mast aufgestellt.

Noch ein Aussichtspunkt

Im Tal sehe ich den Bahnhof Ilfeld. Noch knapp drei Kilometer liegen vor mir, versehen – man mag es kaum glauben – mit noch einem Aussichtspunkt: dem Gänseschnabel. Der Sage nach hatte sich „Gänseliesel“ in einen Mönch des Ilfelder Klosters verliebt. Und über den hatte eine böse Hexe außerhalb der Klostermauern Gewalt: Sie verzauberte ihn in eine Steinsäule, die irgendwo auf der anderen Seite des Tals im Wald stehen soll. Auch das Gänseliesel erstarrte zu Fels, dem Gänseschnabel. Beide warten bis heute auf die Erlösung vom bösen Zauber – ich indes sehne auf dem Pfad mit jedem Schritt ins Tal die Bere in Ilfeld herbei.

Die Füße lassen sich im Wasser an der Brücke nahe der Weidentalwiese bestens abkühlen.

Unterwegs auf dem Dampfloksteig (Teil 1): Im Zick-Zack durch den Südharz

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