Uwe Steimle: „Mein Wunsch ist, dass bei der Goldenen Henne alle Erika Schirmers Friedenstaube singen“

Herreden.  Uwe Steimle im Interview über das Ergebnis der Dreharbeiten in Nordhausen, seinen Wunsch nach Frieden und Vorwürfe der Medien gegen ihn.

Der Kabarettist Uwe Steimle weilte Ende Oktober in Herreden, um für seine neue Folge von „Steimles Welt“ zu drehen. Um über die Menschen an der sibirischen Trasse zu recherchieren, besuchte er den Nordhäuser Michael Samel.

Der Kabarettist Uwe Steimle weilte Ende Oktober in Herreden, um für seine neue Folge von „Steimles Welt“ zu drehen. Um über die Menschen an der sibirischen Trasse zu recherchieren, besuchte er den Nordhäuser Michael Samel.

Foto: Peter Cott

Der Kabarettist und Schauspieler Uwe Steimle drehte kürzlich mit einem Herreder. Im Interview spricht er über seine geplante Sendung zu ehemaligen Trassenarbeitern wie Michael Samel, über Vorwürfe des Spiegels und sein persönliches Wendefazit.

In „Steimles Welt“ besuchen Sie Trassenmitarbeiter aus der DDR, die an der Erdgasleitung aus der Sowjetunion nach Europa gearbeitet haben. Was hat Sie zu dem Thema gebracht?

Unser kleines Fernsehkollektiv hatte vor einiger Zeit das Angebot, zu einer Feier der Trassenbauer zu gehen. Mein Redakteur hat mit 30 Leuten gerechnet. Plötzlich waren da 500 und mir ist das Herz in die Hose gerutscht: Die Menge war von solch unbändiger Freude, dass sie nicht vergessen wurde. Das hat mich beeindruckt, hat mich an beste DDR-Zeiten erinnert, als man sich miteinander gefreut hat, nicht immer war das ja alles verordnete Solidarität. Aus dieser Stimmung und den tollen Einzelschicksalen wollten wir etwas machen. Etwas, dass wir sonst nie machen: eine thematische Sendung.

Was war das beeindruckendste Schicksal der acht interviewten Trassenarbeiter?

Das kann ich so gar nicht sagen, ohne jemandem Unrecht zu tun. Die Mischung macht’s: Vom heutigen Barbecue-Meister bis zum Knoblauchzüchter. Ein Generaldirektor mit einst 2400 Leuten unter sich sagte mir: Im Endeffekt standen wir dort unten zwischen Verbannung und Nationalpreis. Solche Sätze – das ist doch Wahnsinn. Die mussten damals ihre Pässe abgeben. Wenn dort etwas schiefgelaufen wäre, wärst du in den 80ern in Verbannung geraten. Fasziniert hat mich auch, dass die Trasse zwar lebensnotwendig war, sich für die DDR aber nicht getragen hat. Nichtsdestotrotz ist sie ein unglaubliches Gemeinschaftswerk gewesen. Ich fürchte fast, sowas fehlt uns heute: Eine Aufgabe, bei dem unsere ganze Nation an einem Strang zieht. Ideen dafür hätte ich jede Menge.

Die da wären?

Man könnte dafür sorgen, dass die Rüstungsindustrie die Menschen im Land nicht spaltet. Schwerter zu Pflugscharen hieß es früher, heute geht es andersherum. Man sagt: Wer Wind säht, wird Sturm ernten. Und wer Kriege säht, wird Flüchtlingsströme ernten. Wer an Krieg und der Waffenproduktion partizipiert, den müssen wir zur Rede stellen. Auch Lernpatenschaften unter Kindern könnten gestärkt werden. Uns fehlt etwas, auf das alle stolz sein können. Es gäbe so vieles.

Für Ihre Sendung haben Sie Michael Samel interviewt. Welchen Eindruck hat der Herreder bei Ihnen hinterlassen?

Der brennt ja, der brennt von morgens bis abends. Egal, ob er nach Gambia runter fährt wie jetzt gerade und dort die Autos für einen guten Zweck versteigert, um den Kindern ein besseres Lernen und eine neue Perspektive zu bescheren, oder ob er sich zu Hause um abgehängte Jugendliche kümmert und mit ihnen in die KZ-Gedenkstätte Dora fährt. Das finde ich bewundernswert, dafür habe ich allergrößten Respekt. Er ist jemand, der in seinem Heimatort angesehen ist. Michael Samel hat nicht viel, aber das teilt er, so mein Eindruck. Solchen Leuten könnte ich stundenlang zuhören.

Und doch könnte es Ihre letzte Sendung sein: Wenn man der Wochenzeitschrift Spiegel glauben darf, überdenkt der MDR die Zusammenarbeit mit Ihnen. Angeblich hätten Sie Deutschland als „besetztes Land“ bezeichnet und einen staatsfernen Rundfunk bestritten. Was entgegnen Sie solchen Berichten über sich?

Man sagt ja immer, man solle nicht nachtreten und dreckige Wäsche waschen. Der Spiegel macht aber genau das und bezieht sich auf ein Interview von vor einem Jahr. Ich empfehle denen Sorgfaltspflicht.

Ihnen wird auch vorgeworfen, verleumderische Gerüchte über Flüchtlinge verbreitet zu haben.

Ich bin ein Linker, den Sie nie dabei erwischen werden, wie er reaktionäres Gedankengut verbreitet oder sich auf die rechte Seite stellt. Aber ich bin auch ein freier Geist, der sich von niemandem vorschreiben lässt, wie er zu denken hat. Auch dafür bin ich 1989 auf die Straße gegangen: Kunst- und Meinungsfreiheit sind Errungenschaften der friedlichen Revolution. Wer dann mit der Argumentation aufhört und sofort mit der Nazi-Keule droht, muss sich fragen, ob er wirklich Demokrat ist. Ich bin auch entsetzt und traurig, dass der eigene Sender sich in dieser Situation nicht schützend vor einen stellt. Aber ich bin lieber schwierig als schmierig. Ende der Debatte.

Angenommen, der MDR überdenkt seine Pläne: Hätten Sie schon Ideen für eine weitere Folge „Steimles Welt“?

Wir haben viele Zuschriften mit Vorschlägen, die Themen gehen uns also nicht aus. Die nächste Sendung wird uns jedenfalls zum Fernsehturm nach Dresden führen. Da oben ist es wunderschön, er ist ein Wahrzeichen der Stadt. Es ist ein großes Ziel, dass der Fernsehturm wieder öffnet. Und wir dürfen schon mal hochfahren.

Von Dresden zurück nach Nordhausen: Ihr Interview mit Michael Samel war nicht der erste Besuch: Sie haben auch schon mit Erika Schirmer gedreht. Verdichtet sich langsam Ihr Bild der Stadt?

Frau Schirmer – schöne Grüße bitte an sie – erzählte uns damals, wie stark Nordhausen vom Krieg zerstört war und wie sie, sicher auch davon inspiriert, ihr Lied „Kleine weiße Friedenstaube“ schuf. Das ist ein lebendiges Zeugnis, das man nicht hoch genug einschätzen kann. Dieser noble Gedanke der Friedenstaube, die heute übrigens noch in Russland im Unterricht gesungen wird, – das ist einfach wunderbar. Mein Wunsch wäre ja, dass beim MDR-Publikumspreis „Goldene Henne“ alle gemeinsam die Friedenstaube singen. Wir im Osten sind ja nicht der Hort des Bösen, sind nicht alle rechts. Das kann man auch mal rüberbringen. Aber zurück zu Ihrer Frage mit Nordhausen: Ich bin zur Hälfte Thüringer, mein Vater stammt aus Suhl. Der Menschenschlag ist mir also sehr vertraut, wenn Sie das meinen.

Letzte Frage im Jubiläumsmonat des Mauerfalls: Wie ist Ihr persönliches Resümee von 30 Jahre friedliche Revolution und wie lassen sich die Gräben zwischen Ost und West überwinden?

Es fehlt mir noch zu sehr an Mitgefühl und an einem Einlassen aufeinander, wir hören uns zu wenig zu. Die Einheit ist gescheitert, jetzt fangen wir noch einmal an. Denn als Deutschland hätten wir eine riesige Chance, wenn wir beispielsweise nicht nur nach dem Klimawandel schielen – das ist nur die halbe Wahrheit –, sondern wenn wir anfangen, nach Bedarf zu produzieren und nicht allein nach Gewinn. Ist doch irre, was wir hier alles wegschmeißen jeden Tag. Jetzt hab‘ ich es gesagt.

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