Vom Schweinestall zum Haus zu Ehren Gottes

Nordhausen.  Die Christuskirche der Nordhäuser Baptistengemeinden feiert in diesen Tagen ihren 110. Geburtstag.

Die Christuskirche in Nordhausen nahm ihre Anfänge als umgebauter Pferde- und Schweinestall, der erst allmählich zur modernen Kirche wurde, wie sie Autofahrer aus der Grimmelallee 51 kennen.

Die Christuskirche in Nordhausen nahm ihre Anfänge als umgebauter Pferde- und Schweinestall, der erst allmählich zur modernen Kirche wurde, wie sie Autofahrer aus der Grimmelallee 51 kennen.

Foto: Archiv Christuskirche

Der Schein trügt: Mag die Fassade der Nordhäuser Christuskirche auch noch so modern wirken, hinter ihr schlummert so manche historische Anekdote. Etwa die, wie sich vor einigen Jahrzehnten eine Maus auf dem Erntedanktisch verlief und dafür sorgte, dass die Möhren hinunterrollten und die Glaubensgemeinschaft in Unruhe verfiel. „Der Zustand der Kirche hat mich erschüttert, als wir nach Nordhausen kamen“, erzählt ein Gemeindemitglied über die Jahre, als erst allmählich aus dem ehemaligen Schweinestall ein Haus zu Ehren Gottes erwuchs.

Es sind Geschichten wie diese, die am Sonntag für so manchen Schmunzler sorgen, die in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen lassen: Mit einer Predigt des ehemaligen Pastors Siegbert Riecker und einem gemütlichen Beisammensein feiert ein Gros der rund 90-köpfigen Baptistengemeinde ihr 110-jähriges Bestehen. Gemeindemitglied Dirk Praetorius hat dafür eigens im Kirch- sowie im Familienarchiv nach Aufnahmen aller elf Jahrzehnte gesucht und lässt immer wieder staunen: Eines der ersten Bilder zeigt Samuel Knappe aus Einbeck. Er war es, der die Kirche mitbegründete.

Ihren exakten Startschuss erlebt die Gemeinde durch Knappe und Pastor Heinrich Braun am 9. Dezember 1909. „Nachdem schon zwölf Jahre zuvor baptistische Gottesdienste in verschiedenen Räumen der Stadt begonnen hatten, konnte die Gemeinde da auch ihr erstes eigenes Gemeindehaus in der Grimmelallee 51 beziehen“, erzählt der heutige Pastor Friedemann Heinrich über den damaligen Stall, der erst nach und nach zur echten Kirche wachsen sollte: So muss in den Fünfzigerjahren wie auch um 1965 unter Gemeindeleiter Siegfried Zeitz immer wieder an der maroden Bausubstanz saniert werden.

Nach der Wende wird der Ruf nach einem Neubau daher immer lauter, der zugleich auch einen Gemeindebeschluss von 1924 wieder aufleben lässt. Doch es soll noch bis 1997 dauern, bis dieser Traum tatsächlich in Erfüllung geht und der Gottesdienstraum mit dem hohen Spitzdach steht. Der wiederum wird einige Jahre später um den modernen kubischen Anbau an der Grimmelallee ergänzt, wie ihn viele Autofahrer kennen.

Die Nordhäuser Baptisten haben da schon einige Schikanen erlebt, erinnert Pastor Heinrich: Anfangs sei die in den 1830ern in Hamburg gegründete Gemeinschaft oft als „Sekte“ beargwöhnt worden. Doch die Repression der DDR ließ die Gläubigen, die keine Kinder, sondern nur gewillte Erwachsene taufen, enger mit anderen christlichen Glaubensströmungen Nordhausens zusammenrücken. „Heute sind wir deshalb ein anerkannter Partner in der Ökumene der Stadt“, sagt Friedemann Heinrich nicht ohne Stolz über seine Brüdern und Schwestern, die sehr heterogen aufgestellt sind: Man setze sich aus allen Altersgruppen zusammen, erzählt der Pastor, der oft auch Studenten der Hochschulen bei seinen Gottesdiensten begrüßen darf. Manche, weil sie ähnliche Gemeinschaften zu Hause kennengelernt haben. Andere, wohl weil sie die frische Herangehensweise schätzen: Eine klassische Liturgie suche man vergebens. „Wir haben zwar eine Orgel, aber meist spielt hier doch die Gitarre moderneres Liedgut“, sagt Heinrich lächelnd.

So bewegt wie die Geschichte der Nordhäuser Baptisten sei zudem ihre Arbeit, erzählt er dann. Während man sich in den frühen 90ern vor allem dafür engagierte, Aussiedler aus der Sowjetunion zu integrieren und sich für ein mosambikanisches Waisenhaus stark zu machen, verschiebe sich das Tun der Gläubigen derzeit mehr in Richtung der Flüchtlingsarbeit, erzählt der Pastor inmitten dieses ausgelassenen 110. Geburtstages.

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