Vorhang auf für den Südharz: Film einer Nordhäuserin läuft auf internationalem Festival

Nordhausen/Toruń.  Regisseurin Christina Friedrich setzt ihrer alten Heimat um Nordhausen ein filmisches Denkmal. Die Uraufführung ist auf einem namhaften Festival in Polen mit Johnny Depp als Stargast.

Die beklemmendsten Bilder des Films entstanden, als vorigen Sommer eine riesige Fläche Ackerland um Werna in Flammen stand und das Feuer nur Asche hinterließ.

Die beklemmendsten Bilder des Films entstanden, als vorigen Sommer eine riesige Fläche Ackerland um Werna in Flammen stand und das Feuer nur Asche hinterließ.

Foto: Christina Friedrich / Madonnenwerk

Kultregisseur Quentin Tarantino, Starschauspieler Johnny Depp und der Südharz. Diese Namen gehören ab Samstag zusammen. Dann nämlich steigt im polnischen Toruń das internationale Filmfestival Camerimage. Tarantino gehörte bei der Vorjahres-Auflage der namhaften Veranstaltung, zu der stets viele Hundert Filmemacher aus der ganzen Welt strömen, zu den Geehrten. Nun soll Johnny Depp ausgezeichnet werden, bevor sein Film „Minamata“ die wegen Corona diesmal nur virtuelle Camerimage beendet. Und der Landkreis Nordhausen? Der spielt im einzigen deutschen Film des Toruńer Programms eine Hauptrolle.

„Hurensöhne – Ein Requiem“ ist der provozierende Titel des mittellangen Spielfilms, mit dem der Regisseurin Christina Friedrichs vielerlei zugleich gelingt: Zunächst verortet die gebürtige Nordhäuserin ihre Heimatstadt und Umgebung erstmals auf der Landkarte des internationalen Kinos.

Denn die Camerimage ist nicht irgendein Festival: „Unter Verleihern gilt es als das Festival der Filme mit der besten und außergewöhnlichsten Bildsprache. Die Chancen, auf die große Leinwand zu kommen, steigen durch unsere Präsenz gewaltig“, erzählt Franz Liebig, der als Hauptdarsteller des Streifens unter anderem neben Charaktergesicht Deborah Kaufmann, bekannt aus der Netflix-Serie „Dark“, auftritt.

Zugleich setzt Multitalent Christina Friedrich, die schon den Roman „Feuchtgebiete“ fürs Theater uraufführte, mit ihren 68 Minuten Film dem Südharz und einer seiner Legenden ein Denkmal: Schon vielen Spaziergängern ist das am Neuen Weg in die Nordhäuser Stadtmauer eingelassene Sühnekreuz aufgefallen. Doch nur wenige kennen seine Geschichte.

Geschichtes eines Sühnekreuzes: Aus Gier nach dem Gelde meuchelt Ehepaar das eigene Kind

Der Stein erzählt das grausame Schicksal einer armen Handwerkerfamilie. Eines Tages soll deren Sohn in die Welt gezogen sein. Als er gut situiert zurückkommt, erkennen ihn seine Eltern nicht. Doch sie gewähren dem vermeintlichen Fremden ein Nachtlager. Der Sohn wiederum will sich Vater und Mutter erst am Tag darauf zu erkennen geben. Aber zu spät: Aus Gier nach dem Gelde meuchelt das Ehepaar ihren eigenen Sohn und gießt ihm siedendes Öl in den Mund. Ein Muttermal am Körper des Ermordeten bringt ihnen erst schaurige Gewissheit: Die Eltern müssen erkennen, dass sie ihr eigenes Kind ermordet hatten.

„Hurensöhne“ erzählt diese Geschichte in der fernen Vergangenheit des 30-jährigen Krieges. Die Zeitachse spanne sich allerdings bis in die Gegenwart, berichtet Friedrich. In düsteren, dystopischen Bildern muss der Zuschauer in ihrem Werk erkennen, dass die Menschen auch heute noch unfähig sind, aus den Erfahrungen der vorherigen Generationen und deren grausamen Spaltungen zu lernen.

Die Szenerien dieser Parabel sind mitunter die markantesten Flecken der Region: die Teiche bei Schiedungen, die Gipssteinbrüche bei Woffleben, auch der Rabensteiner Stollen lässt sich entdecken. „Zudem haben wir in Juliushütte, Mackenrode und Limlingerode gedreht“, beschreibt Friedrich die Arbeiten im vorigen Jahr. Die Thomas-Müntzer-Stele der ehemaligen Grundschule in Klettenberg spiele ebenfalls eine Rolle, verweist Franz Liebig in den Ort, in dem er einst selbst Schüler war.

Zudem agiert Neustadts Köhler Ibe im Film, ebenso wie die Nordhäuser Buchbinderei von Heike Pfeng, die Bäckerei Wieseler in Werningerode sowie Familien aus Limlingerode. Die beklemmendsten Bilder indes entstanden, als vorigen Sommer eine riesige Fläche Ackerland um Werna in Flammen stand und das Feuer nur Asche hinterließ.

„Getragen wird der gesamte Film übrigens auch von der Musik, die in direktem Zusammenhang mit Nordhausen steht“, verrät Christina Friedrich. Der Organist Carel Christiaan Schulz habe sie in nur einer Nacht auf der Orgel im Dom komponiert. „Mein Vater brachte nachts Gehacktesbrötchen und heißen Kaffee“, erinnert sich Friedrich lächelnd an diese besondere Entstehung.

Nächstes Filmprojekt wird Friedrichwieder in den Südharz führen

Wann Südharzer den Film zu Gesicht bekommen, ist allein schon wegen der Pandemie noch nicht klar. „Vor dem Verleih an Kinos kann ich mir aber gut eine Matinee mit Vorführung hier in der Region vorstellen“, denkt Friedrich über ein solches Heimspiel nach.

Das übrigens soll auch ihr nächster Film werden. Dann nämlich will Friedrich ihren in Limlingerode entstanden Roman „Der Keller“ verfilmen. Die Suche nach Drehorten führte sie im Sommer unter anderem in einen der Luftschutzkeller Nordhausens (wir berichteten). Geplant seien daher abermals Drehtage in der Region.

„Und für den Film werden wir mit den Kindern der fünften Klassen an der Lessing-Schule arbeiten“, blickt die Regisseurin voraus. Schon bei den ersten Treffen mit den Schülern sei sie begeistert gewesen von deren Klugheit und ihrem Auftreten, freut sich Christina Friedrich auf die Zusammenarbeit.