Warum ist Politik im Südharz meist in Männerhand?

Südharz.  Wenige Frauen arbeiten im Kreis Nordhausen in Gemeinderäten mit oder haben im Rathaus das Sagen. Es gibt mehrere Gründe.

„Durch den Spagat aus Kind und Beruf müssen Frauen schon für Politik brennen, um sich einzubringen.“ Das sagt Nicole Bettge-Winsel, die parteilose Ortsbürgermeisterin in Rehungen.

„Durch den Spagat aus Kind und Beruf müssen Frauen schon für Politik brennen, um sich einzubringen.“ Das sagt Nicole Bettge-Winsel, die parteilose Ortsbürgermeisterin in Rehungen.

Foto: Nicole Bettge-Winsel

„Jetzt können wir keinen Schnaps mehr trinken, die Frau Rinke kommt.“ Allein dieses Satzes wegen kann Nordhausens vormalige Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD) sich an ihren ersten Besuch beim Thüringer Gemeinde- und Städtebund noch gut erinnern. In der von männlichen Stadtchefs und Gemeindeoberhäuptern dominierten Runde habe sie damals herausgestochen, erinnerte sie sich kürzlich an die Machobegrüßung aus dem Jahr 1994.

Freilich, seitdem sind zweieinhalb Jahrzehnte vergangen. Die Politik hat sich gewandelt: Mit Angela Merkel (CDU) sitzt eine Frau im Bundeskanzleramt. Parteikollegin Ursula von der Leyen ist siebenfache Mutter und zugleich EU-Kommissionspräsidentin. Derweil besetzen auch auf Landesebene Frauen so manches Spitzenamt.

Doch Politik wird nicht nur in Brüssel, Berlin oder von Manuela Schwesigs Kabinett in Schwerin gemacht. Auf kommunaler Ebene, die für so manche wichtige Fragen des alltäglichen Lebens zuständig ist, bleibt der Frauenanteil weiter niedrig. Nach Zahlen des Gemeinde- und Städtebundes wird lediglich jedes zehnte Rathaus in Deutschland von einer Frau geführt. Auch die weibliche Repräsentanz in kommunalen Parlamenten mit 27 Prozent macht Frauen in Gemeindegremien deutschlandweit zur Minderheit.

Der Südharz bildet da keinen Hort der Emanzipation. Als Heringens Stadtrat vor der Kommunalwahl im vorigen Jahr zusammenkam, waren die Männer gar unter sich. Einzig Andrea Jendricke war als Protokollantin zugegen. Frauen im Stadtrat gab es in der Helmestadt nicht, bis Gabriele Napierata für die Wählergemeinschaft Grün-Weiß Uthleben (GWU) in den 16-köpfigen Rat gewählt wurde.

Durchschnittlich sitzen seit der jüngsten Wahl in den hiesigen Gemeinderäten sowie im Kreistag rund 26 Prozent Frauen, von 276 Mandaten sind 71 weiblich besetzt. Doch dabei unterscheiden sich die Anteile in den Gemeinden immens. So ist Sollstedt mit einer paritätischen Verteilung von sieben Männern und sieben Frauen im Gemeinderat neben den ebenfalls ausgeglichenen Räten von Kehmstedt und Lipprechterode sicher Leuchtturm der Region. Woran das liegen mag, kann aber auch Sollstedts Gemeinderatsvorsitzende Nicole Bettge-Winsel nicht so recht erklären.

Ist es die offenherzige Politik des Bürgermeisters? Sind es die besonders engagierten Damen des Westkreises, die es vermehrt in die Politik treibt? Für Letzteres würde zumindest sprechen, dass gleich drei Frauen aus dem kleinen Rehungen wie Nicole Bettge-Winsel in den Gemeinderat fanden. Im vergangenen Jahr wählten die Wahlberechtigten Sollstedts die Parteilose für die Linke in die Bürgervertretung. Derweil kandidierte die damals 38-Jährige als Rehunger Ortschaftsbürgermeisterin. Und gewann. Krumm angesehen, nur weil sie Frau ist, habe sie bei beiden Schritten in die Politik keiner, erinnert sich Nicole Bettge-Winsel.

Ob es Heringen oder Ellrich ähnlich gut mit ihr gemeint hätten? In der nördlichsten Stadt Thüringens etwa werden die Bürger zwar von einem 20-köpfigen Stadtrat vertreten. Doch nur jeder Zehnte – also zwei Mitglieder – dort ist eine Frau.

Nicole Bettge-Winsels Erklärungsversuch für das statistische Ungleichgewicht vielerorts ist die Mehrfachbelastung von Frauen: Den Spagat aus Kinderbetreuung und Berufsleben wolle wohl nicht jede Frau noch durch die vorrangig abends stattfindende Gremienarbeit belastet wissen, vermutet die Mutter einer Tochter. „Frauen müssen deshalb schon für Politik brennen, um sich tatsächlich einzubringen“, sagt sie, fügt aber sogleich hinzu: „Aber wenn sie das einmal tun, sind sie wahrscheinlich auch organisierter als Männer, um alles unter einen Hut zu bringen.“

Mehr Herz, besseres Fingerspitzengefühl und deutlich diplomatischeres Herangehen – wer die männlichen Politiker der Region zum Thema Frauen aushorcht, bekommt eine ganze Liste möglicher Vorteile auf Seiten der Frauen.

Richtig in Szene setzen das aber bisher nur die wenigsten Fraktionen. Spitzenreiter bei der Frauenpower ist Die Linke. Über alle Gemeinde- und Stadträte sowie den Kreistag hinweg, ist mehr als jeder dritte linke Mandatsträger eine Frau. Dicht gefolgt von den Sozialdemokraten, die 28 Prozent an Frauen in die Parlamente ausgesendet haben. Fast gleichauf sind CDU und AfD mit einer Quote von 26 und 25 Prozent. Schlusslichter dieser Gegenüberstellung sind Bündnisgrüne und FDP. Die Grünen haben einen Frauenanteil von 22 Prozent. Bei den Liberalen ist nur jedes fünfte Ratsmitglied vom vermeintlich schwächeren Geschlecht.

Dass Frauen tatsächlich anders Politik machen als Männer, wird zumindest von Angela Simmen (parteilos) bezweifelt. „In der Politik sehe ich mich nicht als Frau, sondern als Mensch“, sagt Görsbachs Bürgermeisterin. Zudem komme es nicht darauf an, ob einem nun Männlein oder Weiblein gegenüberstünden, sondern ob da jemand sei, der zielführend und auf Augenhöhe mit ihr diskutiere. Sie tue das.

Vorurteile ihres Geschlechts wegen seien Angela Simmen jedenfalls nie entgegengeschlagen, resümiert sie ihre Amtszeit. Als sie antrat, in die Fußstapfen eines Mannes im Bürgermeisteramt zu treten, habe sie sogar folgende Vorschusslorbeere ernten können: „Endlich mal eine Frau“, wiederholt Angela Simmen den damaligen Zuspruch.

Von den 15 Gemeinden im Südharz wird neben Görsbach nur noch Niedergebra von einer Frau regiert. Ob Bürgermeisterin Burgunde Krumm (CDU) sich da je als Henne im Korb gefühlt hat? „Eher wie die Hexe auf dem Besen“, kokettiert die Gemeindechefin bei dieser Frage mit ihrer Streitbarkeit. Zwar könne man sich als Frau in der Politik schon Gehör verschaffen. „Aber wenn ich Kritik übe, wird diese anders aufgenommen, als wenn ich diese als Mann geäußert hätte, und zwar negativer“, sagt Krumm. Ihrer Beobachtung nach würden Frauen gern in eine Ecke gestellt. „Frei nach dem Motto: Die hat ja immer etwas zu meckern.“ Doch wenn Kritik notwendig sei, müsse man sie auch unverblümt äußer.“ Dabei muss man sich immer wieder durchsetzen, um seine Ziele zu erreichen“, erzählt Krumm.

Diese Durchsetzungsstärke braucht es wohl bereits vor der Wahl, glaubt Kreistagsmitglied Dagmar Becker. Die SPD-Frau hat Politik über Jahrzehnte und auf vielen Ebenen beobachten dürfen, war seit 1994 schon Landtagsabgeordnete, Fraktionschefin im Kreistag, Gemeinderätin und Bürgermeisterin ihres Heimatortes Wülfingerode. „Sind wir Frauen erst in diesen Gremien, ist alles gut.“ Wegen ihres Geschlechts angefeindet worden sei sie in den 26 Jahren Politkarriere jedenfalls nie, erzählt Becker. „Aber dort erst einmal hinzukommen, kann schon schwierig werden. Frauen müssen mehr kämpfen als Männer, um überhaupt gewählt zu werden“, beschreibt Becker das Mühen, als kompetent wahrgenommen zu werden.

Eine Analyse der Bundeszentrale für politische Bildung macht deutlich, dass der Frauenanteil in Kommunalparlamenten mit der Einwohnerzahl zunimmt. Dementsprechend ist beispielsweise der Nordhäuser Stadtrat deutlich weiblicher als der Durchschnitt im Kreisgebiet. Jeder dritte Mandatsträger im Stadtrat ist eine Frau.

Aus Beckers Sicht ist aber noch mehr als die Einwohnerzahl entscheidend für das bestehende und teils gar zunehmende – im Kreistag sank der Frauenanteil von 26 auf 24 Prozent – Ungleichgewicht. „Frauen“, sagt Becker, „sind nachdenklicher, vielleicht zögerlicher.“ Bevor eine Frau abgewogen habe, zu kandidieren, habe ein Mann mitunter schon selbstbewusst den Finger gehoben. Selbst 50-50-Quoten für aussichtsreiche Listenplätze helfen dann nur bedingt. Denn der dritte gute Platz auf dem Wahlzettel gehe da oft schnell an einen Herren der Schöpfung. Beckers Rat ist daher schnell zusammengefasst: Nur Mut, ihr Frauen.