Wie Ellrich kampflos an die Amerikaner übergeben wurde

Ellrich  Zeitzeugenbericht eines Ellricher Schülers wirft neues Licht auf Schicksalstage der Stadt Ende des Zweiten Weltkriegs.

Museumsmitarbeiter Andreas Friese präsentiert die originale Armbinde des Ellricher Bürgermeisters aus dem Jahr 1945.

Museumsmitarbeiter Andreas Friese präsentiert die originale Armbinde des Ellricher Bürgermeisters aus dem Jahr 1945.

Foto: Hans-Peter Blum

Ein erst jetzt aufgetauchter Zeitzeugenbericht zum Einmarsch der Amerikaner am 12. April 1945 in Ellrich wirft ein neues Licht auf die Besetzung der Stadt in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges.

„Die Reportage vom Kriegs­ende und der Besatzungszeit stammt aus 1948 und wurde von Horst Kellner verfasst, der in Ellrich lebte und zur Schule ging“, sagt Jens Koppe, Chef der Interessengemeinschaft des Ellricher Stadtmuseums. Der Bericht sei sehr lebendig geschrieben und schildere anschaulich die letzten Kriegstage mit den Augen eines Schülers.

Natürlich sei diese Reportage nicht historisch verifiziert wie etwa das Buch von Peter Kuhlbrodt über „Das alte Ellrich“. Und doch sei es interessant, eine weitere Variante über den Einmarsch der Amerikaner und die Übergabe durch Ellrichs Bürgermeister zu erfahren.

Im Folgenden Auszüge aus Kellners Reportage: „So war der 11. April herangekommen. In der Nacht hatte im Rathaus eine heftige Beratung stattgefunden. Am Schluß hatten die Kräfte den Sieg errungen, die Ellrich nicht opfern wollten. Bürgermeister und Ortsgruppenleiter der NSDAP, Herr Petri, hatte sich in sein Auto gesetzt und war davongefahren. Die Geschäfte des Bürgermeisters hatte Herr Nuthmann übernommen. Schon am frühen Morgen konnte man es auf Plakaten an allen Straßenecken lesen. Er gab bekannt, daß er alles mögliche zum Wohle unserer Stadt tun werde. Er forderte die Ellricher Bevölkerung auf, die Ruhe zu bewahren und in der Stadt zu bleiben... Dann wurden alle Einwohner aufgefordert, ihre Waffen abzugeben.“

Bei Peter Kuhlbrodt liest sich dies etwas anders. „Am 10. April verbreitet sich die Nachricht, dass amerikanische Truppen nicht mehr weit entfernt seien. Jetzt handelt Otto Nuthmann, um die bewaffnete HJ und den Bürgermeister auszuschalten. Auf seinen Befehl hin hat die Kampfgruppe auf dem Hof des Rathauses anzutreten und sofort die Waffen niederzulegen. Dann lässt er Bürgermeister Petri verhaften und im Stadtgefängnis bewachen. In der folgenden Nacht wird Nuthmann von einem Wachposten geweckt. Er berichtet, Kreisleiter Nentwig sei mit einigen Bewaffneten im Rathaus erschienen und habe befohlen, den Bürgermeister sofort freizulassen. Dann seien alle in ein Wehrmachtsauto gestiegen und davongefahren.“

Zum Einmarsch der Amerikaner schreibt Kellner: „In der Nacht zum 12. April befand sich kein deutscher Soldat innerhalb Ellrichs... Als wir am nächsten Morgen auf dem Heimweg vom Galgenberg waren, sahen wir plötzlich ein kleines Auto über den Tonberg gefahren kommen... Das Auto sahen wir von Gudersleben her zum Markt fahren. Es hielt am Schwarzen Adler. Fünf schwerbewaffnete Amerikaner saßen im Wagen. Sie fragten nach dem Bürgermeister und fuhren zum Rathaus weiter. Dann kam Bürgermeister Nuthmann und übergab Ellrich den US-Truppen.“

Auch hier schildert Kuhlbrodt einen anderen Verlauf: „Bald nähern sich aus Richtung Woffleben die ersten amerikanischen Panzer. Otto Nuthmann und zwei Begleiter überbringen das Angebot zur Kapitulation. Das gleiche wiederholt sich an der Walkenrieder Landstraße. Ge-gen 14 Uhr ist Nuthmanns Plan geglückt. Der Krieg ist für Ellrich mit seinen 9000 Einwohnern zu Ende... Nuthmanns Rolle als Retter Ellrichs wird später im Gespräch mit amerikanischen Offizieren gewürdigt.“

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.