Wir bauen auf und reißen nieder – Wie sich Nordhausens Antlitz wandelt

Nordhausen  Nicht nur das Bombardement 1945 und der Wiederaufbau haben die Rolandstadt grundlegend verändert, auch der Bauboom der Nachwende hinterlässt immer mehr Spuren. In einer neuen Serie blicken wir in das Bau- und Abrissgeschehen der vergangenen fünf Jahre – in Nordhausen wie auch im Landkreis.

So wie auf dem Areal der ehemaligen Kaffeefabrik Drei Streif, ändert sich Nordhausens Stadtansicht derzeit an vielen Stellen.

So wie auf dem Areal der ehemaligen Kaffeefabrik Drei Streif, ändert sich Nordhausens Stadtansicht derzeit an vielen Stellen.

Foto: Christoph Keil

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Der Bauboom in Nordhausen hält an. Dieser Tage sticht er besonders ins Auge: Am Hagentor schwenken gleich mehrere Kräne durch die Lüfte. Der Landkreis tüftelt am Neubau des Humboldt-Gymnasiums. Und nur einen Steinwurf entfernt lässt Feuerland Immobilien ein Mehrfamilienhaus mit 27 Wohnungen errichten.

Weichen muss derweil der alte Intershop am Bahnhof. Statt einen Blick auf einen Schandfleck will Investor Axel Heck künftigen Hotelgästen eine angenehme Innenhofatmosphäre ermöglichen, sieht den einstigen HO-Markt daneben gar als potenziellen Erweiterungsbau.

Viele Abrisse in 2016 und 2017

Und das sind nur aktuelle Projekte. Blickt man auf die vergangenen fünf Jahre, werden wohl besonders 2016 und 2017 als abrissträchtig in die Annalen eingehen: So verschwinden das Fahrradwerk, Teile der früheren Stielwerke und der Bäckerei Wernecke sowie die Kaffeefabrik Drei Streif.

Gerade diese Maßnahme bezeichnet Bürgermeisterin Jutta Krauth als einen der wichtigsten Abrisse der jüngeren Vergangenheit. Für die gewerbliche Entwicklung des Areals sei sie mit Fördermitteln abgerissen worden, sagt sie, spricht man mit ihr über die Stadtentwicklung. „Nordhausen ist eine der Städte in Thüringen, die eine der größten städtebaulichen Transformationen erlebt hat. Uns wird dies vor allem auch durch die derzeit laufende Fotoausstellung in der Flohburg zum Wiederaufbau nach 1945 mehr als deutlich“, betont sie.

Künftige Großbaustellen

Und die Entwicklung ist nicht vollendet: „Mit den IBA-Projekten in Nord und im Altendorfer Kirchviertel oder dem Quartier Bäckerstraße haben wir neben vielen anderen Bereichen weiteren Entwicklungsbedarf, der das Stadtbild in den nächsten Jahrzehnten wandeln wird“, ist Krauth sicher. Bereiche wie das Gaswerk und die ehemaligen Schachtbau­gebäude in Geseniusstraße und Grimmelallee habe das Stadtplanungsamt ebenso auf dem Schirm wie etwa die Weiden- oder die Rothenburgstraße. Worauf der Fokus der Stadtplaner noch liegen wird, lesen sie in der kommenden Woche an dieser Stelle.

Haben auch Sie interessante Vorher-Nachher-Aufnahmen von Abrissen und Neubauten im Landkreis, dann senden Sie uns diese an nordhausen@thueringer-allgemeine.de

Florentinischer Palazzostil in der Altstadt

Im Februar 2017 rollten die Bagger an und rissen mit Altendorf 30 ein Gebäude ab, das baugeschichtlich als besonders wertvoll gilt. Verkörperte es doch um 1850 den ersten Wohnhausbau massiver Bauart in der Rolandstadt, der zudem im florentinischen Palazzostil daherkam. Proteste vieler Nordhäuser nützten nichts, die Stadt stimmte 2014 dem Abriss zu. Beim 2018 fertiggestellten Neubau hat Architekt Tobias Winkler versucht, wesentliche Elemente des Vorgängerbaus aufzugreifen. Entstanden sind sechs zwischen 90 und 138 Quadratmeter große Mietwohnungen, die bereits alle bezogen sind.

Wo früher Kaffee geröstet wurde, entsteht Gewerbegebiet

Bis 1999 wurde in der Rösterei Drei Streif an der Salza Kaffee hergestellt. Marken wie Mona, Mokka-Fix oder Rondo hatten in der DDR einen guten Ruf. Nach der Einstellung der Produktion standen die Gebäude leer, verfielen immer mehr und verkamen zur Müllhalde. Im Jahr 2016 entschloss sich die Stadt, die das Gelände bereits 2008 erworben hatte, zum Abriss und zur Entwicklung eines Gewerbegebietes. Mit dessen Erschließung wurde 2018 begonnen, derzeit stehen die Arbeiten vor dem Abschluss. Anfragen für die Gewerbe­flächen seien bereits vorhanden, so die Stadtverwaltung.

Zoohaus Allner weicht Parkflächen

Im Januar sind die Tage des Zoohaus Allner endgültig gezählt. Schon im Dezember 2018 beginnt der Abriss, nun zerlegen Bagger die letzten Mauerreste und läuten damit für ein kleines Tierparadies die letzten Stunden ein: Susan und Otto Allner führen hier ab 1993 ein Zoogeschäft, das sich zunächst auf selbst hergestellte Terrarien spezialisiert hatte. Ihr Repertoire soll in den Folgejahren wachsen, genauso wie Strompreise und das Angebot im Internet. Im Oktober 2014 kommt daher das Aus für das Zoohaus, wo nun die Firma Obermann Nutzfahrzeuge Lkw-Stellplätze und eine TÜV-Halle schaffen will.

Neues Georgsquartier

Mit attraktivem Wohnraum die Altstadt beleben. Das war die Vision des Unternehmers Oliver Wönnmann. Dank seiner Initiative stehen seit September 2015 auf der einstigen Brache im Georgsquartier sechs Einfamilienhäuser. Ziel dieses Projektes war es ursprünglich, angemessenen Wohnraum für Mitarbeiter des Kurbelwellenwerkes Feuer Powertrain zu schaffen. Im März 2015 begannen die Bauarbeiten für dieses Bauvorhaben, und seit Oktober 2015 werden die neuen Häuser bereits bewohnt.

Für einstiges Fahrradwerk gibt es einen Interessenten

Hinter dem IFA-Fahrradwerk in der Freiherr-vom-Straße liegt eine bewegte Geschichte. So wird Bike Systems 2001 vom Hersteller Biria übernommen. Wegen finanzieller Probleme erfolgt 2005 der Verkauf an eine Tochtergesellschaft der Fondsgesellschaft Lone Star. Schließung 2007. Zwei ehemalige Mitarbeiter gründen dann Strike Bike, die Insolvenz folgt 2010. Ein Teil des Werkes wird daher 2016 abgerissen. Nun wird ein Käufer gesucht. „Es laufen Gespräche mit einem Interessenten“, sagt Holger Wiemers, Sprecher der Landesentwicklungsgesellschaft.

Abriss ermöglicht freie Sicht auf Apparatehaus

Das zu DDR-Zeiten erbaute Nordbrand-Bürogebäude in der Erfurter Straße gehört seit 2016 der Vergangenheit an. Das vierstöckige Haus wurde vollständig abgerissen. Früher diente es dem Unternehmen als Verwaltungsgebäude. Zuletzt hatten dort auch der Modellbahnclub Nordhausen, die Stadt- und Gästeführergilde, eine Musikergruppe sowie die Firma Wajo ihren Sitz. Sie mussten sich ein neues Domizil suchen. Die Fläche, auf der das Gebäude stand, ist nun Wiese. Zudem wird jetzt laut Nordbrand-Chef Robert Becke der Blick auf das historische Apparatehaus aus dem Jahr 1884 nicht mehr verdeckt. Dessen Fassade werde nun saniert und soll an die Geschichte der Kornbrennerei in Nordhausen erinnern.

Wohnen an der Stadtmauer

In einem traurigen Zustand befand sich viele Jahre die mittlere Pfaffengasse in der Nordhäuser Altstadt. Bis sich Investor Nick Bröder im Jahr 2012 dazu entschloss, die Grundstücke Nr. 5 bis 8 zu erwerben. Die Fassade von Nr. 5 sollte erhalten bleiben, lautete die Auflage der Denkmalschutzbehörde. Also sicherte er die Fassade, lagerte sie ein, um sie anschließend in sein Projekt „Wohnen an und auf der Stadtmauer“ zu integrieren. Der Abriss erfolgte 2016, mit dem Neubau startete er 2017. Entstanden ist ein neues Gebäude, das optisch aber wie drei Gebäude daherkommt. Mittlerweile sind bereits neun der zwölf Wohnungen vergeben.

Pflegeheim steht auf Dombrauerei

Nach zwei Jahren Bauzeit ist im Januar 2019 der Neubau des Caritas-Altenpflegezentrums St. Josefshaus im historischen Zentrum von Nordhausen eröffnet worden. An dieser Stelle an der Kranich- und Domstraße befand sich die ehemalige Dombrauerei. „Der Erweiterungsbau sollte straßenbegleitend erfolgen und damit die durch den Abbruch der Gebäude der Dombrauerei entstandene innerstädtische Brache in Form einer Blockrandbebauung wieder schließen“, berichtet Architektin Kathrin Rembe, die mit dem Vorhaben betraut war. Die Kelleranlagen der Brauerei sind im Zuge der Quartiersentwicklung im Auftrag der Stadt Nordhausen denkmalgerecht verfüllt worden. Drei ehemalige Lagerbierkeller wurden erhalten und können zu bestimmten Terminen besichtigt werden. Zum Quartier gehört auch ein Spielplatz.

Predigerstraße 1 bröckelt

Nicht mehr stabil genug – so lautet im November 2017 die ernüchternde Feststellung über den Zustand des Mauerwerks in der Predigerstraße 1. Bereits 1997 ist das 1954 gebaute – und damit eines der ältesten der nach dem Krieg errichteten Mehrfamilienhäuser – durch den schlechten Baugrund so stark geschädigt, dass die Städtische Wohnungsbaugenossenschaft (SWG) eine Sanierung startet. Doch ohne Erfolg: Ab 2005 steht es leer, dient kurz vor seinem Abriss nur noch dem Technischen Hilfswerk als Bühne für eine Rettungsübung. Das Haus ist nicht mehr zu retten und hat mittlerweile einem Parkplatz Platz gemacht.

Kommentar: Blind und vergesslich

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