Zu Himmelsleiter, Himmelspforte und Himmelgarten

Nordhausen.  In Nordhausens Altstadt wird Himmelfahrt mit einem „Gottesdienst t go(d)“ gefeiert. Ein großes Luftballonsteigen gibt es rund um Niedergebra.

Vor der Basilika von Münchenlohra verteilte Pfarrerin Annegret Steinke (vorn) mit Helium gefüllte Luftballons. In allen zehn Orten des Pfarrbereichs stiegen mehr als 200 Ballons punkt 11 Uhr in den Himmel. Im Bild hinten von links: Karl-Ludwig Köhn, Nora Engel, Liane Köhn und Ina Rehschuh.

Vor der Basilika von Münchenlohra verteilte Pfarrerin Annegret Steinke (vorn) mit Helium gefüllte Luftballons. In allen zehn Orten des Pfarrbereichs stiegen mehr als 200 Ballons punkt 11 Uhr in den Himmel. Im Bild hinten von links: Karl-Ludwig Köhn, Nora Engel, Liane Köhn und Ina Rehschuh.

Foto: Kristin Müller

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

„Ein Arbeitsunfall?“ Annegret Steinke sagt’s augenzwinkernd und reckt einen Zeigefinger in die Höhe, den mit der Schürfwunde obenauf. Nicht jeden Tag knotet die Niedergebraer Pfarrerin 120 mit Helium gefüllte Ballons zu. An diesem Himmelfahrtstags-Morgen schon.

In knapp zwei Stunden sollen insgesamt 240 Ballons von allen zehn Orten des Pfarrbereichs aus in den Himmel steigen. Die Pfarrerin bereitet die Ballons mit Helfern vor der Basilika von Münchenlohra vor, auf dass jeder, der mag, einen abholen kann.

„Etwas Fröhliches, Verbindendes sollte es sein“, erklärt Annegret Steinke die Idee der Ballon-Himmelsreise – eine Idee, die auch in Zeiten coronabedingter Pflicht-Abstände verwirklicht werden kann. In ihrem früheren Arbeitsort bei Gotha habe sie mit ihrem Mann, Pfarrer Michael Steinke, diese Aktion schon im Kleinen für Kinder auf die Beine gestellt, „von der Bienstädter Warte bis ins etwa 20 Kilometer entfernte Erfurt flogen die Ballons problemlos. Unsere Hoffnung ist, dass in Niedergebra zum Beispiel jemand aus Großberndten Post bekommt.“

„Eine schöne Aktion, das ist Kirche mal anders“, lobt Silvana Tetzel aus Großlohra. „Für die Kinder ist es toll und für die, die den Ballon finden, auch“, meint Steffi Becker. Wer mag, kann auf kleine Segenskärtchen am Ballon seine Adresse und auch eine Bitte oder einen Dank an Gott schreiben. Die Ballons selbst sind aus Naturkautschuk, die Schnur aus Jute, der Umwelt zuliebe haben die Steinkes auch auf die Schnellverschlüsse aus Plastik verzichtet – und knoten lieber von Hand.

Ihre Talare bleiben an diesem Himmelfahrtstag im Schrank – auf den klassischen Gottesdienst verzichten die Niedergebraer wie viele ihrer Amtskollegen noch. „Zu Pfingsten starten wir mit einer kleinen Andacht in der Basilika“, blickt Annegret Steinke voraus. Längst hat sich ein knappes Dutzend Kinder eingefunden, die Ballons zu empfangen. Wie sie den Kleinen Himmelfahrt erkläre? „Jesus kehrt zu seinem Vater zurück. Ab jetzt warten wir auf den Heiligen Geist.“

Spendekirchhofmauer wird zur Klagemauer

Während andere Himmelfahrt zum Männertag machen und in Herren-Gruppen oder in Familie in die Natur wandern, hat die Kirchgemeinde St. Blasii-Altendorf die Strecke zwischen beiden Kirchen in Nordhausens Altstadt zur „Gottesdienst-to-go“-Meile umfunktioniert. Es ist die corona-kompatible Alternative zum klassischen Gottesdienst in der Kirche, wobei der Gast hier weniger Konsument denn Entdecker ist.

Der Weg führt der Orgelmusik in St. Blasii zum „Himmelgarten“, dem Treffpunkt des Kinder-Kirchen-Ladens im Pfarrhaus am Blasiikirchplatz. Aus dem Fenster des nach dem nahen früheren Kloster benannten Raums reichen Jugendliche Sonnenblumensamen samt Erde und Wasser. Wer mag, kann hier „für andere Hoffnung säen“. Sebastian Knappe ist fasziniert von der Idee: wegen des Spiels mit dem Namen „Himmelgarten“ zum einen, zum anderen wegen des Gedankens an die, für die die Situation zurzeit schwierig ist. „Ich denke da zum Beispiel an meinen Opa, der mit Demenz im Heim ist.“

Im Bauernbrunnen liegen kleine runde Spiegel, die den Himmel „auf Erden“ bringen. Die Spendekirchhofmauer ist an diesem Tag die „Klagemauer“, ihre Ritzen bieten Platz für kleine Zettel. Jeder kann sich etwas „von der Seele schreiben“. „Wir klagen über die Klagenden“, meint Rolf Richter. Und er lenkt auf den Umweltschutz: „Die Natur leidet unter uns.“ Auch das sei ein Grund zur Klage.

Himmelschlüssel stehen gegenüber der Rosengasse in kleinen Vasen, um an Dinge, Lieder, Orte oder Menschen zu erinnern, die „uns den Himmel aufschließen“. Kreide liegt bereit, eben dieses bildlich festzuhalten. Im Altendorf folgt die Station „Himmelspforte“: Hinter einem leicht geöffneten Tor gibt’s den aus Gottesdiensten bekannten Segen des Matthäus-Evangeliums zum Mitnehmen auf Papier.

Das Danken steht in der Altendorfer Kirche im Mittelpunkt. Ein Laptop ist aufgebaut – die Tastatur mit einer Frischhaltefolie überzogen –, auf dass jeder Gast Dankesworte tippen kann. Projiziert werden diese in den Chorraum. „Danke für die coole Kirche…. für meinen wilden Garten… für die Zeit“, ist zu lesen.

Bleibt die „Himmels-Leiter“: Die Altendorfer Stiege konfrontiert mit einem Traum Jakobs, wie ihn die Bibel schildert: Engel gehen an einer Leiter herauf und herab. Dann Fragen: Was sind deine Träume? Auf welcher Stufe deiner „Lebensleiter“ stehst du? Und woran ist diese angelehnt?

„So viele Nachdenklichkeiten“, schwärmt Rolf Richter. Sophie Knappe sagt: „Ich mag die Idee des Unterwegsseins, dass man besondere Feste auch besonders feiert.“ der Blasii-Gemeinde ist das gelungen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.