Als der Brief noch der wichtigste Datenträger der Wirtschaft war

Landkreis  Wirtschaftsarchiv der Industrie- und Handelskammer (IHK) plant ausgewählte Briefköpfe online zu stellen

Tausende Akten stapeln sich im Thüringer Wirtschaftsarchiv (TWA). Die Hinterlassenschaften ehemaliger Unternehmen im Bereich der IHK Erfurt. Unterlagen von Unternehmen, von denen die Wirtschaft in Mittel- und Nordthüringen einst geprägt wurde. Seit nunmehr bereits neun Jahren wird das TWA kontinuierlich ausgebaut, Unterlagen werden gesichtet, ausgewertet, sortiert. Die Regale füllen sich inzwischen mit einem ansehnlichen Stück Thüringer Wirtschaftsgeschichte. Das Archiv bietet eine Möglichkeit vor allem die Zeitzeugnisse von Unternehmen zu bewahren, die es inzwischen nicht mehr gibt. Dokumente, die ohne diese Lagerkapazität vermutlich entsorgt worden wären, die nach Insolvenzen und Geschäftsaufgaben dem Reißwolf zum Opfer gefallen wären.

Bei der Sichtung der Bestände aufgefallen sind seit langem schon die auf Firmenpapier verfassten Korrespondenzen. Denn diese verfügen oft über Briefköpfe, die kleinen Kunstwerken gleichen. Deshalb wird derzeit von jedem archivierten Unternehmen ein Beispiel selektiert, das später digitalisiert und auf einem Portal online einsehbar gemacht werden soll. Wie Archivmitarbeiterin Lydia Schröder weiß, reicht der älteste gestaltete Geschäftsbrief bis ins Jahr 1870 zurück.

Er stammt aus der Zeit, in der damit begonnen wurde für Briefe und Rechnungen vorgedruckte Briefbögen zu benutzen, aus der Zeit des industriellen Aufschwungs, in der die Konkurrenz immer größer wurde, sich die Unternehmen um neue Märkte bemühen mussten. Erst waren es einzelne Ornamente oder Abbildungen der gefertigten Produkte, später wurde er komplette Briefkopf mit Grafiken gefüllt. Die Lithographie ermöglichte es auf kleinsten Raum bis ins Detail zu gehen, was zuerst zu einer Flut von Ornamenten nebst trompetenden Engeln führte.

Zur Jahrhundertwende wechselte dieser Trend dann zur Darstellung von Firmengebäuden und Produktionsstätten. Die Lithographien ermöglichte es, dass sich die Firmen von ihrer besten Seite zeigen konnten. Je nach Bedarf wurde die Dimension etwas kaschiert, wurden Gebäudeteile ergänzt, die erst gebaut werden sollten. Und die Kessel standen stets unter Dampf – es gibt keine Darstellung, auf der nicht dicker Qualm aus den Schornsteinen steigt. Und wenn es einen Gleisanschluss gab, musste dieser unbedingt mit auf die Abbildung. Zeugte dieser doch vom Erfolg und der Leistungsfähigkeit des Unternehmens. Es ging immer nur darum, die Geschäftspartner zu beeindrucken.

Anstelle der Ornamente wurden in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts bevorzugt Auszeichnungen abgebildet, die auf diversen Messen erhaltenen Medaillen. Der Wiedererkennungswert war aber trotzdem gegeben. Aus heutiger Sicht lohnt sich mitunter durchaus der Vergleich. Dank dieser Darstellungen lässt sich heute noch erkennen, dass dieses und jenes Gebäude einst zum Fabrikkomplex gehörte. Mit dem ersten Weltkrieg veränderte sich dann alles – auch das Briefkopf-Design. Es wurde wesentlich schlichter. Es wurden kaum noch Gebäude abgebildet, meist blieb es beim Logo der Firma.

Heute sind die alten Briefköpfe ein begehrtes Sammlerobjekt – vor allem für Heimatforscher. Denn sie verraten sehr viel. Vom Gründungsjahr bis zum Unternehmensprogramm – und sie zeigen, dass die Thüringer einst eine richtige Wirtschaftsmacht waren.

www.twa-thueringen.de

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