Andacht zum Wochenende: Die Pferde scheu machen – das Krokodil in uns allen?

Juliane Baumann, Pfarrerin in der evangelischen Regionalgemeinde Sömmerda

Pfarrerin Juliane Baumann

Pfarrerin Juliane Baumann

Foto: Jens König

Niemand hat mit ihm gerechnet. Und es selbst weiß bis heute nicht, wie es in die Unstrut gelangt ist, beziehungsweise dass das Gewässer, in dem es nun schwimmt, Unstrut heißt. Es ist halt ein Krokodil, und darum ist’s nicht sein Part, darüber zu reflektieren. Und so tut es das, was man (nicht nur) als Krokodil eben so macht. Hunger stillen gehört dazu, scharfe Zähne sind hierbei hilfreich.
Zusammen mit seiner Körpergröße machte es Pferde scheu, stand zu lesen. Und versetzt Menschen in Angst und Schrecken, so wie der Wolf, der in diesen Breiten wieder eingezogen ist und Schafherden samt ihren Besitzern schlaflose Nächte bereitet.
In der Bibel ist das Krokodil („Leviathan“) eine Art Sammelbegriff für eine Gegenwelt, die den Menschen bedroht. Im Buch Hiob lese ich, dass ein Kampf mit ihm als lebensgefährlich gilt, daher sollte man ihn möglichst vermeiden. Besser ist das, doch für diese Erkenntnis braucht man als vernunftbegabtes Wesen die Bibel eigentlich nicht.
„Die Pferde scheu machen“ – das ist auch sprachliches Bild, ein Sprichwort, von dem jeder weiß, was es bedeutet, und von dessen Auswirkungen man eine Ahnung hat. Anderen Angst einjagen, im übertragenen Sinne: einem anderen zum Krokodil werden. Ich nehme dies in unserer Welt verstärkt wahr, in den verschiedensten Kontexten.
Das Krokodil in uns selbst – es gefährdet ein friedvolles Zusammenleben: durch bissigen Umgangston in Familien. Durch Angiften anderer, öffentlich vor laufenden Kameras oder anonym in sozialen Netzwerken, oder laut im Supermarkt. Übergriffig werden. Zähne fletschen als Vorzeichen eines Angriffs. Wer lauter brüllen kann, schlägt sein Gegenüber in die Defensive. Wer Autos anzündet, markiert, wer hier eigentlich der Chef ist. Wer Steine schmeißt, will Macht demonstrieren aus vermeintlicher Überlegenheit heraus. Menschen in Angst und Schrecken versetzen und verletzen, Machthunger stillen: die Menschheit weiß ziemlich gut, wie das geht.
Liebe Leserinnen und Leser, auch ohne die Sichtung eines Großreptils im heimischen Gewässer ist es für mich ein Gebot der Stunde: Tun und handeln wir nicht auf die Art und Weise, wie es in der Tierwelt Naturgesetz ist. Denn im Unterschied zu ihr sind wir Menschen von Gott mit Verstand ausgestattete Wesen. Bestenfalls setzen Sinn und Verstand ein respekt- und verantwortungsbewusstes Handeln aus sich heraus (so ist’s jedenfalls von Gott unserm Schöpfer gedacht). Dies gilt für persönliche Beziehungen gleichermaßen wie in einer Gesellschaft.
Dass dies oft nicht gelingt, wird uns immer wieder in Schlagzeilen und Bildern vor Augen geführt. Jesus hat einen Satz zu den Menschen gesagt, den man die „Goldene Regel“ nennt: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ (Matthäus 7,12). Auch bekannt in der Variante „Was Du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Eine ethische Handlungsgrundlage.
Also: Schauen wir das nächste Mal zuvor in den Spiegel, bevor wir einem anderem bissig und verletzend entgegentreten und ihn gleich mal so richtig zur Sau machen wollen. Fragen wir uns: Würde der, der mich da gerade im Spiegelbild ansieht, es wollen, gleich derart angegangen zu werden, wie ich’s vorhabe? Mal ausprobiert könnte es sein, dass man sich im Spiegel plötzlich lächeln sieht, und in diesem Moment aus Wut Mut werden kann. Sanftmut, und das heißt: Mut zur Nächstenliebe – als echte Handlungsalternative.

Zum Schluss, und um Missverständnissen vorzubeugen: Ich habe alle Tiere dieser Welt tierisch gern, große wie kleine – Wölfe, Schafe, Problembären, Leseratten, Bürohengste, Dreckspatzen, Sparschweine, Ohrwürmer, Leithammel, Spaßvögel, Meckerziegen – und auch das Unstrutkrokodil.

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