Landkreis. Gedanken zum Wochenende: Felicitas Kühn, Pfarrerin der Evangelischen Regionalgemeinde Kölleda, über Meinungsaustausch und -streit

Liebe Leserin, lieber Leser, kennen Sie das? Auf einmal schlägt die Stimmung um und Sie finden sich mitten in einer erhitzten Debatte wieder? Mir ging das neulich so unter guten Bekannten, wir haben schon einiges miteinander erlebt. Im Rückblick kann ich gar nicht mehr sagen, wo wir abgebogen sind, dass wir uns dann so die Köpfe heißgeredet haben …

Und wir waren alle überrascht und erstaunt, dass wir solche Differenzen hatten. Es ging, wie in vielen Gesprächen in diesen Tagen und Wochen, um Politik – im Großen und Kleinen.

Im Nachhinein fiel mir auf, dass ich wohl so überrascht war, weil ich stillschweigend davon ausgegangen bin, dass wir alle einer Meinung sind. Und das lag wohl daran, dass ich in vorigen Gesprächen nicht genau hingehört oder nachgefragt hatte. Eine Person habe ich durch unser „Streit-Gespräch“ etwas besser verstanden, weil sie mir gesagt hat, was sie schon lange stört, worüber sie sich Sorgen macht – das hatte ich so noch nicht gehört. Was für ein Glück, dass das möglich war!

In unserer Gesellschaft höre ich seit Jahren, dass der Ton rauer wird, im privaten und im öffentlichen Raum. Vielleicht teilen Sie diese Beobachtung und Einschätzung. Ich möchte Sie bitten: Was ich jetzt schreibe, soll keine Belehrung oder Anklage sein! Mir haben diese Ideen in meinem Nachdenken geholfen, denn ich habe mich an meine Giraffen-Ohren erinnert!

Kennen Sie Marshall Bertram Rosenberg? Er ist bekannt geworden durch das Konzept der „Gewaltfreien Kommunikation“. Darin hat er ganz viele Einsichten über unsere Kommunikation, unser Sprechen und Hören zusammengetragen. Vieles ist nicht neu und das meiste machen wir oft intuitiv richtig. Vor allem, wenn es mir gut geht, kann ich eine „Giraffe“ sein: mit freundlichen, offenen Ohren, die sich nicht aufregt, wenn jemand zum Beispiel in der Schlange vordrängelt. Die Giraffe in mir denkt sich vielleicht: „Ach, er wird es eilig haben, muss schnell zum Termin oder es wartet der Hund zu Hause.“ Rosenberg erinnert uns: Ganz oft tun Menschen nicht etwas, um andere zu ärgern oder zu stören, sondern sie tun es, weil es gerade das für sie Einzige und Bestmögliche ist.

Na ja, aber ich kenne mich, in mir lebt nicht nur eine Giraffe mit freundlichen Ohren. Oft genug tobt der Wolf in mir: „Frechheit! Ich stehe hier auch ordentlich an und habe es doch so eilig!“ Sie können sich vorstellen, wie es aussieht, wenn Wölfe aufeinander treffen! Obwohl Rosenberg gleich einwenden würde: Wir sind nicht nur ausschließlich Wölfe oder Giraffen – wir haben beides in uns. Und wir können immer mehr üben, mit Giraffen-Augen und -Ohren in der Welt zu sein.

Ja, das ist nicht einfach. Ehrlicherweise muss ich sagen: Am tollsten wäre mein Gespräch neulich gewesen, wenn wir uns nicht die Köpfe heiß geredet hätten. Aber so war es nicht und so wird es auch nicht immer sein können. Einer der Bibeltexte für dieses Wochenende gibt mir eine Hoffnung mit: „Wir sind oft ratlos, aber wir verzweifeln nicht.“ (2. Brief an die Gemeinde in Korinth, Kapitel 4).

Ja, liebe Giraffe, hallo du Wolf, lasst es uns so machen: Nicht verzweifeln, nicht verzagen – auch wenn ihr beide immer mal aneinandergeratet. Lieber Leser, liebe Leserin, ich wünsche Ihnen eine gute Woche und große, freundliche Giraffen-Ohren bei sich und anderen!