Gedanken zum Wochenende: Felicitas Kühn, Pfarrerin in der Evangelischen Regionalgemeinde Kölleda, sinniert

Wie geht es Ihnen an diesem Sonnabend-Vormittag? Oder wann lesen Sie diese Zeilen? Ich versuche mir das vorzustellen, wer Sie sind und wie es Ihnen geht. Waren Sie auf einer Demonstration in diesen ersten Wochen des Jahres? Es war ja kein Mangel an Möglichkeiten: mit den Bauern. Für einen Wandel in der Agrarpolitik. Gegen die Kürzung von Subventionen. Für eine offene Gesellschaft. Gegen menschenverachtende Positionen in Politik und Gesellschaft. Vielleicht atmen Sie jetzt schon tief ein? Ich habe den Eindruck, es ist gerade schwer, über solche Themen zu sprechen, ohne dass unser Blutdruck in die Höhe geht. Zu schnell verhaken wir uns in einem Wort oder einem Ausdruck einer Gesprächspartnerin. Ich sollte lieber persönlich sagen: zu schnell fühle ich mich angegriffen oder missverstanden, bin ungeduldig.

Felicitas Kühn, Pfarrerin der Evangelischen Regionalgemeinde Kölleda.
Felicitas Kühn, Pfarrerin der Evangelischen Regionalgemeinde Kölleda. © Felicitas Kühn

Mir macht das Sorge – bei mir persönlich und für unsere Gesellschaft. Das ist kein falscher Satz und doch reicht das nicht. So viele Menschen haben das schon öffentlich und privat festgestellt. Vielleicht haben wir früher gedacht: „Mutig, das so deutlich zu sagen.“ Aber wir haben dann weitergeredet, es wurde weitergemacht. Wenn sich Sorgen nicht vertreiben lassen oder ihr Grund ausgeräumt wird, können sie in Ärger und Wut umschlagen. Das ist gut! Schlau eingerichtet von der Natur oder von Gott. Denn wenn wir uns nur sorgen, bleiben wir sitzen, nichts ändert sich. Wut und Ärger lassen uns aufspringen, nachdenken, sprechen, aktiv sein. So weit, so gut.

Sie ahnen: Ich will ein „aber“ schreiben. Ja, muss ich, denn ich kann und will nicht Wut und Sorgen gegeneinander ausspielen. Beides hat seine Berechtigung und seine Zeit, wie die Bibel sagt: „Alles hat seine Zeit. Eine Zeit zum Klagen und zum Tanzen. Eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen. Eine Zeit zum Schweigen und eine zum Reden“ (Buch Kohelet/ Prediger, Kapitel 3). Vielleicht haben wir einander zu wenig zugehört. Sorgen nicht ernst genug genommen. Vielleicht sind wir in Nachbarschaften, Familien, auf der Arbeit auseinandergedriftet. Vielleicht ist sogar etwas zerrissen. Mein Eindruck ist, dass wir uns jetzt nicht mehr darüber sorgen können. Nun ist die Zeit zum Handeln, fürs Zusammennähen. Wir sollten unsere Nähkünste (wieder-) entdecken: Suchen wir Nadel und Faden, Geduld und offene Ohren. Und wählen wir sorgsam aus, welches Muster wir uns weben wollen. Manches Zerrissene lässt sich vielleicht nicht wieder verbinden. Aber das ist kein Grund, alles lose hängen zu lassen. Wir brauchen in unserer Gesellschaft, in Familie und Nachbarschaften Verbindungen, Verbindendes, Gemeinsames, das uns über Unterschiede und Risse hinweg bleibt. In der vergangenen Woche schrieb ich von Marshall B. Rosenberg und seinem Konzept der „Gewaltfreien Kommunikation“. Er sagt: „Frieden erfordert etwas weitaus Schwierigeres, als Rache auszuüben oder nur die andere Wange hinzuhalten. Es erfordert empathisch mit den Ängsten und unerfüllten Bedürfnissen umzugehen, welche den Antrieb liefern, sich gegenseitig anzugreifen.“

Die Bibel sagt: „Es gibt eine Zeit zum Lieben und zum Hassen. Eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.“ Unsere Zeit ist jetzt. Ich wünsche eine gute Woche, mit Nähkunst und friedvollen Momenten!