Des Handwerks goldener Boden

Jens König
| Lesedauer: 8 Minuten
Paul Süpke (25) ist Bäckermeister in Orlishausen. Als „Bäcker Paul“ zeigt er in sozialen Medien vor allem Jugendlichen die Schokoladenseiten seines Handwerksberufs.

Paul Süpke (25) ist Bäckermeister in Orlishausen. Als „Bäcker Paul“ zeigt er in sozialen Medien vor allem Jugendlichen die Schokoladenseiten seines Handwerksberufs.

Foto: Jens König

Orlishausen/Schloßvippach.  Welche Anstrengungen Handwerksbetriebe unternehmen, um junge Menschen in sozialen Netzwerken für eine handwerkliche Berufsausbildung zu begeistern.

„Die Zeiten sind turbulent. Die gespannte Lage am Arbeitsmarkt und steigende Preise — 35 Prozent im Schnitt für so ziemlich alles — hängen wie ein Klotz am Bein“, sagt der 25-jährige Bäckermeister Paul Süpke, der in die Fußstapfen seines Vaters Wolfgang tritt und den Betrieb „Bäcker Süpke“ in Orlishausen, der 14 Filialen unterhält, einmal übernehmen will.

„Der Müller in Ingersleben, mit dem wir feste Verträge haben, leidet wie wir an den extrem gestiegenen Energiekosten“, ergänzt er. Das Getreide sei teurer geworden. Auch deshalb, weil die Betriebskosten der Landwirte gestiegen seien. „In dieser Lieferkette stehen alle mit dem Rücken an der Wand“, weiß Paul Süpke.

Die Erhöhung des zweifellos wichtigen Mindestlohns ab Oktober sei das nächste Kapitel in der Steigerung der Betriebskosten. In Bäckereien werden immerhin 50 Prozent des Umsatzes in die Löhne gesteckt, weiß Süpke. Berufsgenossenschaft, Steuern und Krankenversicherung der Mitarbeitenden, die zur Hälfte der Arbeitgeber zahlt, schlagen gewaltig zu Buche.

„Natürlich — es geht nicht anders — müssen wir auch unsere Kunden mit den steigenden Preisen konfrontieren“, bedauert Süpke. „Was wir in den vergangenen Jahren in moderne Technik investiert haben, um die Arbeitsbedingungen für unsere Mitarbeiter in der Backstube, aber auch das Produkt zu verbessern, fällt uns heute durch die hohen Strompreise auf die Füße“, berichtet der Bäckermeister.

Moderne Technik macht in Backstuben die Nacht zum Tag

Moderne Knetmaschinen wurden angeschafft, die nicht den Menschen ersetzen, sondern seine Arbeit erleichtern. Sie ebnen nicht den Weg zur Industriebäckerei, reduzieren aber den Einsatz von Muskelkraft und kompensieren Personalknappheit, erklärt Süpke. Kühltechnik, die den Teig einige Stunden länger frisch hält, verschafft den Bäckerinnen und Bäckern Nachtschlaf, indem sie die Arbeit in den Tag zu verlagern hilft, sagt er weiter. Nächtens müsse zwar weniger, aber dennoch gearbeitet werden — vor allem der beliebten Mischbrote wegen. Denn im Gegensatz zum Hefeteig würde das Treibmittel Sauerteig im Kühlschrank gelagerten Brotteig übersäuern.

Die Konzentration der Arbeit auf den Tag sei aber auch besser, um Auszubildende zu gewinnen. Denn für minderjährige Azubis ist Nachtarbeit nicht erlaubt. Die dürften selbst mit Ausnahmeregelung frühestens ab 4 Uhr mit der Arbeit beginnen. „Da ist in den Backstuben aber schon fast alles gelaufen“, sagt der Bäckermeister. Dass sich das meiste jetzt in der Frühschicht von sechs bis 14 Uhr abspielt, würde folglich auch die Attraktivität des Bäckerberufs steigern.

Trotz hoher Hürden gerät Süpke ins Schwärmen, wenn er über sein Handwerk spricht. „Der Beruf hat tolle Seiten. Sich für zufriedene Kunden stetig weiterzuentwickeln, neue Sorten zu kreieren und jeden Tag zu wissen, für wen und was man in der Backstube steht, sei mindestens ebenso wichtig und erfüllend wie Aufmerksamkeit und Anerkennung mit neuen Kreationen wie dem Brot ‚Schwarzer Hamster‘ sogar international zu erlangen“.

Nachhaltiger Lebensstil verändert Blick auf Handwerksberufe

Über soziale Netzwerke wie das Videoportal Tiktok (69.000 Follower) und Instagram (1516 Follower) trägt Süpke, der deutsche Vizemeister der Bäckerjugend, seit Anfang 2021 als „Bäcker Paul“ seine Botschaften in die Welt. Mit tausenden Menschen teilt er seine informativen, vor allem für Jugendliche aufbereiteten Videoclips über das traditionelle Bäckerhandwerk. Er rückt in seinen Kanälen, wie er sagt, die tollen Seiten seines Berufs, die er selber so liebt, ins rechte Licht.

Trotz aller medialer Werbung und der Tatsache, dass sich das Berufsbild durch den Lifestyle der letzten Jahre positiv verändert hat, backen total im Trend liegt und in der Corona-Pandemie viele zuhause buken bis die Hefe knapp wurde, sieht es dennoch in Sachen Nachwuchsgewinnung für Süpkes Backstube schlecht aus.

Der letzte Bäckerlehrling hat 2021 seine Ausbildung beendet. Dabei seien die Voraussetzungen für eine fundierte Ausbildung so gut wie nie zuvor. „Denn bei uns ist der Lehrling vom Tag Eins an fest ins Team integriert“, betont Süpke. Die Zeiten, in denen Azubis Pampelarbeiten verrichten, sind längst vorbei. „Als junger Bäckermeister würde ich gerne meinen ersten Lehrling ausbilden und ihn über seine gesamten Lehrjahre begleiten“. Die Fähigkeiten dazu habe Süpke, der bereits zahlreiche Preise gewann und den die Handwerkskammer zum Gesicht des Handwerks 2020 prämierte. Die Bäckerei hat seit Unternehmensgründung vor 30 Jahren 45 Lehrlinge ausgebildet. Für dieses Engagement bekam der Betrieb 2020 von der Handwerkskammer Erfurt den Ausbildungs-Award verliehen.

Aber auch in anderen Gewerken ist die Ausbildungssituation nicht rosig. So im Elektrohandwerk, wovon Firmenchef Mario Degel von der Firma „Elektro Degel“ Schloßvippach ein Lied singen kann. „Weil die Suche nach potentiellen Lehrlingen leider immer erfolgloser wird, beschlossen wir, mit erheblichem finanziellen Aufwand uns der Unterstützung einer Agentur zu versichern“, sagt Degel.

In Instagram und Facebook habe die Firma massiv für die Ausbildung zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik geworben — mit durchwachsenem Erfolg. Die Reichweite sei zwar groß gewesen, aber von den vielen Bewerbern seien nur wenige bei der Stange geblieben, bedauert der Firmenchef. Dennoch sei die Erfahrung aus dieser Kampagne lehrreich: „Denn, das ist jetzt klar, ohne soziale Medien läuft nichts“, betont er.

Die Gewinnung guter Fachkräfte sei ein generelles Problem geworden. Habe früher die Arbeitsbeschaffung große Anstrengungen gekostet und Auswahlmöglichkeit bei den Azubis bestanden, sei heute das Gegenteil der Fall. „Wir können uns vor Arbeit kaum retten, müssen uns aber nach Fachkräften strecken für deren Bewältigung“, sagt er.

Kampagne in sozialen Netzen ist erfolgreich

„Dank unserer Kampagne haben wir jetzt zwei Auszubildende“, freut sich Mario Degel. Aus dem Umland sind sie und haben ihre dreieinhalbjährige Ausbildung sogar angetreten. „So selbstverständlich ist das nicht mehr“, weiß der Firmenchef. Von den 20 Bewerbern, die ernstes Interesse bekundeten, seien fast alle nach anfänglichem Strohfeuer sang- und klanglos ohne Rückmeldung wieder abgesprungen. „Dabei hätte ein einfaches ‚ich will nicht mehr‘ als Absage genügt.“

Weiter verrät Degel, dass es eigentlich sogar drei Lehrlinge waren. Aber der dritte im Bunde hat am 31. August seine Absage verkündet, nachdem er den Ausbildungsvertrag schon in der Tasche hatte. Die in seiner Konfektionsgröße eigens angeschaffte Arbeitskleidung war ebenso für die Katz’ wie die Anmeldung in der Berufsschule und bei der Versicherung. Die Kampagne, die ein Vierteljahr lief, habe 20 Bewerber gebracht. „Eine große Auswahl hatten wir dennoch nicht, weil uns ein Bewerber nach dem anderen wieder wegbrach“, so Degels Fazit.

Wie es aus der Handwerkskammer Erfurt heißt, wurden im Landkreis Sömmerda im Handwerk (Stand 23. August) 89 Berufsausbildungsverträge mit Ausbildungsbeginn 2022 registriert. Zu den nachgefragtesten Berufen gehört das Elektroniker-Handwerk, das Kfz-Handwerk sowie der Heizungs- und Anlagenbereich mit je zwölf neu abgeschlossenen Verträgen. Tendenziell werden im Juli und August die meisten Verträge geschlossen, einige aber auch noch im September. Die Handwerkskammer Erfurt sei deshalb optimistisch, dass die Zahl der Neuverträge aus dem Jahr 2021 (91 Berufsausbildungsverträge) noch erreicht werden kann.