„Die Kartoffel ist eine Edelfrucht“

Alperstedt  Auf sechs Hektar wachsen die Erdäpfel bei der Amberg & Rothe Agrarhof GmbH in Alperstedt. Geschäftsführer Alexander Amberg spricht von einer dank Bewässerung guten Ernte. der Sorten Laura, Gala und Satina. Ertrag dennoch geringer als üblich

Miroslaw Mrowiec bindet einen Kartoffelsack nach dem Befüllen mit 25 Kilogramm „Laura“ zu – ganz traditionell mit einem Knoten.

Miroslaw Mrowiec bindet einen Kartoffelsack nach dem Befüllen mit 25 Kilogramm „Laura“ zu – ganz traditionell mit einem Knoten.

Foto: Jens König

Der Herbstwind pfeift über den Acker bei Alperstedt. Es riecht nach frisch aufgebrochener Erde. Auf dem Feld, das gleich hinter dem Dorf Richtung Stotternheim liegt, schiebt sich eine Maschine langsam über den Boden. Von weitem sieht es aus, als stehe der Kartoffelroder auf der Stelle, doch er nimmt Meter für Meter die zu einem Damm aufgehäufelte Reihe Erde und Kartoffeln auf.

Mit 1,5 Kilometer pro Stunde fährt Günter Garthof den rot-gelben Roder über den Schlag. Er ist Mitarbeiter der Amberg & Rothe Agrarhof GmbH in Alperstedt, einem der wenigen Kartoffelanbauer im Landkreis Sömmerda. Ganze 200 Hektar Kartoffel-Fläche weist das Thüringer Landesamt für Statistik in seinen aktuellsten Zahlen für das Jahr 2018 im Landkreis Sömmerda aus. In ganz Thüringen sind es noch 1600 Hektar. Im Jahr 1999, so weit geht der Zeitstrahl der Statistik zurück, waren es im Landkreis immerhin noch 338 Hektar und in Thüringen 4039 Hektar gewesen.

Seither wachsen die Erdäpfel auf immer weniger Ackerfläche. Neben Amberg & Rothe bauen die Geratal Agrar GmbH & Co. KG in Andisleben als größter Kartoffelerzeuger im Landkreis, die Am Weinberg Pflanzen- und Tierproduktion AG Großbrembach und einige wenige andere die Marktfrucht noch an.

Anbaufläche schrumpfte kontinuierlich

Auch die Alperstedter haben ihre Kartoffel-Fläche in den vergangenen Jahren stark verkleinert. Vor der Wende waren es in der LPG mehr als 200 Hektar, erinnert sich Klaus-Dieter Rothe, der 1993 den Amberg & Rothe Agrarhof gemeinsam mit Ralph Amberg gründete. Danach schrumpfte die Fläche auf 135 Hektar und wurde kontinuierlich weniger. Das Preisdiktat der Marktwirtschaft nennt Klaus-Dieter Rothe als Grund.

Heute bewirtschaftet Amberg & Rothe 6 seiner insgesamt 1300 Hektar Ackerfläche mit Kartoffeln, ausschließlich für den Hofverkauf. „Das ist unser Hobby“, sagt Geschäftsführer Alexander Amberg, „die Kartoffel ist eine Edelfrucht, die letzte echte Marktfrucht, die wir anbieten“. An der Kartoffel hänge viel Herzblut, bekennt der 38-Jährige, der den Agrarhof vor dreieinhalb Jahren nach dem plötzlichen Tod seines Vaters übernahm. Er hatte Betriebswirtschaft studiert, war bei einem Automobilzulieferer angestellt und entschied sich für den Familienbetrieb. Klaus-Dieter Rothe stand damals kurz vor der Rente, sagte aber Rat und Hilfe bei Bedarf zu – und es sollte auf alle Fälle weitergehen.

Alexander Amberg liebt es die Früchte seiner Arbeit zu sehen. Vergangene Woche stellte er sich für eine Stunde mit auf den Kartoffelroder, auf dem zwei Saisonkräfte Steine und faule Erdäpfel aussortieren, bevor die Erntemaschine die guten zwischenbunkert. Sabine Garthof und Heinz Weber tun dies mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Sie hilft in der Erntezeit, weil ihr Mann den Roder fährt, und mag die Kartoffeln selbst am liebsten in Klößen oder Kartoffelbrei. Heinz Weber ist Rentner, war aber in der Landwirtschaft tätig und unterstützt die Berufskollegen noch heute gern.

Wie sind die Kartoffeln in diesem Jahr? Sehr klein wegen der Trockenheit? „Sie sind perfekt!“, sagt der Geschäftsführer mit Nachdruck. Allerdings nur, weil die Alperstedter den Acker bewässern. Bei weniger als 600 Millimeter Niederschlag im Jahr könnte man sonst keine Kartoffeln anbauen, erklärt Alexander Amberg. Im vergangenen Jahr seien gerade mal 313 Millimeter Regen gefallen, dieses Jahr war ebenfalls sehr trocken. Da ist die Beregnung entscheidend.

Insgesamt hat der Agrarhof 450 Hektar unter Beregnung. Die Kartoffeln sind jedes Jahr dabei. Das ist auch deshalb notwendig, weil sich rund um Alperstedt Kiesböden befinden. Schon nach 30 Zentimeter Mutterboden stößt man auf die Kiesschicht, weiß Klaus-Dieter Rothe. Deshalb wurde zu DDR-Zeiten in die Beregnung investiert. Amberg & Rothe profitiert noch heute von den Anlagen.

Die Erntemaschine nähert sich dem Ende der rund 500 Meter langen Kartoffel-Reihe. Am Feldrand stehen zwei Hänger bereit. 8 Tonnen fassen sie. Der erste ist schon gefüllt mit der rotschaligen Laura, in den zweiten schüttet Günter Garthof nun die gerade gebunkerte Gala.

Auf drei Sorten konzentriert der Agrarhof den Kartoffelanbau. Die vorwiegend festkochende Laura ist die Premiumsorte und bei den Kunden am beliebtesten. „Sie schmeckt wunderbar, hat nicht so tiefe Augen und ist ideal für Bratkartoffeln, Salat oder auch als Pellkartoffel“, schwärmt Klaus-Dieter Rothe. Auch die gelbe Gala ist vorwiegend festkochend, die Satina etwas mehliger.

Die Hänger am Feldrand sind voll, Volker Brodkorb holt sie mit dem Traktor in den Agrarhof zur Sortierung. Auch er ist schon Rentner und hilft in der Saison gern bei Amberg & Rothe. „Ich bin vom Dorf und wohne jetzt in der Stadt. Dort auf dem Sofa zu sitzen und Däumchen zu drehen, das liegt mir einfach nicht“, erzählt er.

25-Kilo-Säcke für die Kunden

In der Sortierhalle werden die Kartoffeln in den Aufnahmebehälter geschüttet und über ein Rüttelsieb geschickt, das Schmutz und die ganz kleinen Erdäpfel unter 3,5 Zentimeter entfernt. Dann kommt der Sortiertisch, an dem zwei Männer faule oder angeschnittene Kartoffeln auslesen. Was verkaufsfähig ist, läuft über ein Förderband in den großen Bunker. Letzte Station ist die Absackwaage, an der die Kartoffeln in 25-Kilo-Säcke abgefüllt werden. Knoten rein und fertig.

Gerodet, sortiert und abgefüllt wird im Agrarhof in Intervallen je nach Bedarf. Besonders bei Wärme lagern die Kartoffeln in der kühlen Erde auf dem Acker am besten, begründet der Geschäftsführer. Die ersten Reihen wurden Anfang September herausgeholt, noch etwa zwei Wochen dauert die Ernte.

In einer leeren Garage liegen die Kartoffel-Säcke für die Abholung bereit. Während der Öffnungszeiten Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr und Samstag 9 bis 2 Uhr kommen die Kunden und holen sich ihre Einkellerungsware. Manche kaufen zwei, andere 25 Säcke. Fast alle sind Stammkunden und etwa 80 Prozent Rentner, weiß Alexander Amberg. „Wer hier kauft, kommt bewusst her“, sagt er. Das sei eine Freude.

Und in diesem kleinen Rahmen könne man sich den Luxus Kartoffelanbau auch leisten. Auch wenn man mit einem Mann 200 Hektar Getreide bewirtschaften könne, während man sechs Mann für 6 Hektar Kartoffeln brauche. Und auch wenn der Ertrag in trockenen Jahren trotz Beregnung weit unter den üblichen 400 Doppelzentner pro Hektar liegt.

Das Geld verdient der Agrarhof, der sechs festangestellte Mitarbeiter und etliche Saisonarbeitskräfte beschäftigt, mit verschiedenen Sorten Getreide.

Wenn in zwei Wochen alle Erdäpfel gerodet sind, werden indes schon die Weichen gestellt fürs nächste Kartoffeljahr. Ein Feld muss ausgesucht werden, das in der Fruchtfolge passt. Es wird tief gepflügt, denn es braucht genug Krume für den Damm. Die Dämme werden im Herbst schon vorgeformt. Zumeist Mitte März wird gedrillt, dann Pflanzenschutzmittel unter anderem gegen Kartoffelfäule und -käfer ausgebracht. Ende August wird das Kraut abgeschlagen, danach bleiben die Kartoffeln noch ein paar Tage liegen.

Dann dreht der Kartoffelroder wieder langsam seine Runden.

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