„Jedes Sterben ist anders“

Sömmerda.  Seit 21 Jahren kümmert sich Susanne List um Sterbende. Über die Arbeit mit dem Tod.

Susanne List koordiniert die Arbeit des ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienstes in Sömmerda, Artern und Sondershausen.

Susanne List koordiniert die Arbeit des ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienstes in Sömmerda, Artern und Sondershausen.

Foto: Friederike Vogel

Der Tod ist bei Susanne List immer nur einen Anruf entfernt. 24 Stunden, sieben Tage die Woche, ist ihr Telefon angeschaltet, erreichbar für Menschen, die ihre Beratung suchen. Susanne List ist Sterbebegleiterin und koordiniert hauptamtlich die Arbeit des Hospiz- und Palliativberatungsdienstes in Artern und Sondershausen und seit 2008 auch in Sömmerda.

Sie und ihre sieben ehrenamtlichen Sterbebegleiter in Sömmerda sind im Einsatz, um sterbenden Menschen und ihren Angehörigen ganz kurz vorm Lebensende beizustehen. Sterbebegleitung bedeutet, für Sterbende und ihre Angehörigen da zu sein, Rechtliches, wie den Inhalt von Patientenverfügungen zu klären, zwischen den Menschen am Sterbebett und ihren Angehörigen, Kindern, Partnern, Familie, zu vermitteln, wenn die eigenen Worte nicht ausreichen. Oder den Angehörigen einfach eine Nacht Schlaf zu ermöglichen und den sterbenden Menschen nicht alleinzulassen.

Psychische Stabilität ist eine Grundvoraussetzung

Seit 21 Jahren ist der Tod das Leben von Susanne List. 1999 war sie Gründungsmitglied der Hospizbewegung am Südharzkrankenhaus in Nordhausen. Später richtete sie den Hospizdienst in Sondershausen, Artern und Sömmerda ein. Sich heute um das kümmern, was morgen vielleicht nicht mehr geht, ist der Ansatz, den sie aus persönlichen Erlebnissen heraus als Leitbild in ihre Hospizarbeit übertragen hat. Denn die Begleitung in den Tod, die setzt im Leben an.

„Jeder psychisch stabile Mensch kann Sterbebegleiter werden“, ist sich Susanne List sicher. Über 500 Menschen in ganz Thüringen hat sie als Sterbebegleiter ausgebildet. Sieben von ihnen sind aktuell in Sömmerda im Einsatz. Zu wenige, denn der Bedarf steige.

Begleitung dauert zumeist drei Wochen

Die Ausbildung zum Sterbebegleiter dauert ungefähr ein Jahr. 100 Stunden Theorie, Praxis und Supervision beinhaltet sie. Wie rede ich mit fremden Menschen? Wie verabschiede ich mich? Wie ziehe ich Grenzen? Diese Fragen lernen die Sterbebegleiter in der Ausbildung, die zuallererst aber bei der eigenen Existenz beginnt. „Bevor ich anderen in der größten Krise ihres Lebens, dem Tod, beistehen kann, muss ich wissen, was meine eigenen Ängste sind“, erklärt Susanne List. Drei Wochen würden Sterbebegleiter einem Menschen im Durchschnitt beistehen und den Angehörigen oft bis nach der Beerdigung.

Welche Hilfe benötigt wird, darüber macht sich Susanne List als Koordinatorin immer selbst ein Bild. Jeden, der ihre Telefonnummer wählt, besucht sie persönlich, bevor sie einen ehrenamtlichen Sterbebegleiter vermittelt.

Sanftes Hinüberschlafen ist die Ausnahme

Seit der Corona-Pandemie hat sie die Arbeit allerdings weitestgehend auf das Telefon verlagert. Und helfen, meint Susanne List, sei nicht das richtige Wort. Gestorben werde alleine. „Sterben ist grausam, das kriegen auch wir nicht hin, dass das schön wird“, sagt Susanne List. „Es gibt beim Tod nichts Generelles. Jedes Sterben ist anders“.

Manchmal gebe es letzte Worte, manchmal ist das Sterben ein langer Kampf. Dass Menschen sanft hinüberschlafen, sei eher die Ausnahme. Die Aufgabe der Sterbebegleitung sei es, die Angst, die auch die Begleiter nicht nehmen könnten, in kleine Päckchen zu verpacken. Am besten stirbt es sich, wenn vorher alles geregelt sei. Es keine offenen Fragen mehr gibt und sich die Sterbenden fallen lassen können. Das jedenfalls ist die Erfahrung von Susanne List.

Der Tod, den Susanne List schon so oft gesehen hat, beeinflusst ihr eigenes Leben. „Hospizler regen sich über nichts auf“, sagt sie. Wenn der Tod so nah ist, merke sie, was im eigenen Leben wichtig sei. Und daraus erwachse eine Freude.

Sterbebegleiter müssen Leere, Ohnmacht, Hilflosigkeit und Leiden aushalten. Und doch, sagt Susanne List, liege in ihrer Arbeit eine Wahrhaftigkeit und eine Freude. Die Dankbarkeit der Angehörigen sei der Lohn. Kommentar

Die 24-Stunden-Rufbereitschaft des Hospizdienstes ist erreichbar unter Telefon: 0170/3 70 35 06.