Neuer, höher, näher, mehr Windräder bei Roldisleben

Rastenberg.  Rastenbergs Stadtrat hat eine befürwortende Position zu Windpark-Ausbauplänen von Betreiber Boreas eingenommen. Was bewog die zwei Nein-Sager?

Einige der jetzt 43 Windkraftanlagen im Windvorranggebiet W8. Im Vordergrund der Olberslebener Kirchturm.

Einige der jetzt 43 Windkraftanlagen im Windvorranggebiet W8. Im Vordergrund der Olberslebener Kirchturm.

Foto: Jens König

„Also ich werde jetzt niemandem einen Strauß Blumen vor die Füße werfen. So bin ich nicht“, sagt Rainer Siegmund. Im Stadtrat hat er zuletzt eine Abstimmungsniederlage erlitten. Sie war deutlich. Nur er und seine Fraktionskollegin Kristin Gyza (beide Wählergemeinschaft Gemeinsam für Rastenberg, WGR) stimmten gegen eine Befürwortung einer Erweiterung des Windparks hinter Roldisleben. Andreas Grabe (ebenfalls WGR) enthielt sich der Stimme. Was nun nicht heißt, dass die WGR Sammelbecken der Windkraft-Gegner war oder ist. Das Gros der Fraktion stimmte dafür.

„Damit muss ich leben“, sagt Siegmund. „Wenn alle davon überzeugt sind, dann ist das halt so!“ Kristin Gyza stimmt zu. Auch sie kennt die demokratischen Spielregeln. Der von VG-Chef Sebastian Goldhorn in der Stadtratssitzung dazu vorgenommenen Belehrung hätte es aus Sicht beider nicht bedurft. „Wenn er meint, er müsste uns sagen, dass wir als Abgeordnete, Verzeihung, den Arsch in der Hose haben müssten, Entscheidungen zu treffen ... Bitte. Ich nehme für mich in Anspruch, mehr Rückgrat bewiesen zu haben, indem ich gegen den Beschluss gestimmt habe!“, sagt Siegmund.

Er und Gyza werfen Bürgermeisterin Beatrix Winter (ebenfalls WGR) und der Ratsmehrheit vor, die Öffentlichkeit in eine extrem wichtige Zukunftsentscheidung nicht ausreichend eingebunden zu haben. Mehr, neue, höhere, nähere Windkraftanlagen, so die zwei auf Gegenkurs, das hätte offener kommuniziert werden müssen. Mit einer Einwohnerversammlung zum Beispiel. Corona könne da nicht als Hinderungsgrund angeführt werden. Zwischen der nicht öffentlichen Behandlung des Themas in der Ratssitzung vom 6. Juli und der öffentlichen vom 9. November hätte sich ein regelkonformer Termin, und sei es unter freiem Himmel, wohl finden lassen.

Siegmund: „Da hätten alle Fakten auf den Tisch gehört. Und wenn danach die Mehrheit gesagt hätte, das ist gut so, damit können wir leben, dann wäre es auch gut gewesen. Ich bin nicht prinzipiell gegen Windkraft oder die Betreiberfirma.“ Schlecht ausgehandelt sei der Beschluss, schätzen Siegmund und Gyza ein. Die voreilige Zustimmung beschneide den Verhandlungsspielraum unnötig. Und Verbindliches habe die Stadt obendrein nicht geerntet. Eine Absichtserklärung.

Viel sinnvoller, so die Kritiker, wäre es gewesen, wenn sich die Windparkanrainer-Kommunen auch mal miteinander abgestimmt hätten. Sie hadern damit, dass sie nicht gehört werden wollten, dass von ihnen initiierte Visualisierungen, Darstellungen des künftigen Landschaftsbildes aus diversen Blickwinkeln, nicht breiter zur Kenntnis gegeben wurden.

Auch halten sie das Thema nicht für erschöpfend behandelt. Bürgermeisterin Winter hatte im Stadtrat darauf verwiesen, dass man schon neun Stunden dazu gesprochen habe. Kristin Gyza: „Neun Stunden? Ich habe allein 40 Stunden darauf verwendet, mich in Unterlagen einzuarbeiten, die ich auch noch zunächst suchen und finden musste...“

Sie sind überzeugt, dass man in Rastenberg, ist die Befürwortung erst einmal bei der Regionalen Planungsgemeinschaft, nur noch warten müsse. Es sei der Lauf der Dinge, dass, wer laut „Hier!“ rufe, wenn es um die Verteilung von etwas gehe, das nicht nur auf Gegenliebe stoße, bestimmt bedacht werde. „Wer will sich schon Ärger auf den Hals laden, wenn er ihm aus dem Weg gehen kann“, fragt Siegmund rhetorisch.

„Es gibt nur einen, der in der Sache alles, aber auch wirklich alles, richtig gemacht hat“, sagt Siegmund. „Das ist Boreas. Wenn ich die wäre, genau so hätte ich es gemacht!“

Rainer Mietsch, der die Visualisierungen erstellt hat, kam über Hoyerswerda, Halle und Leipzig nach Rastenberg. Wollte raus aus der Stadt. Mehr Ruhe haben. „Wenn mich jetzt Verwandte aus Brandenburg besuchen und sie kommen gegen Abend, dann ist ihnen der ,Ufo-Landeplatz’, so nennen sie den Windpark mit seinen Lichtern, letzter Hinweis, dass sie am Ziel sind.“ Irgendwann, so fürchtet auch er, werden sie die Lichter noch viel eher sehen.