Sense, Saftpresse und singende Steine

Kannawurf  Auf dem Schlosshof in Kannawurf sind zum Erntedank alte Ernte- und Haushaltsgeräte in Aktion zu erleben

Wie damals Sensen gedengelt und damit auf Feldern Getreide gehauen wurde, demonstrierte Swen Hartwig auf dem Kannawurfer Schlosshof.

Wie damals Sensen gedengelt und damit auf Feldern Getreide gehauen wurde, demonstrierte Swen Hartwig auf dem Kannawurfer Schlosshof.

Foto: Jens König

Auf der Streuobstwiese bei Kannawurf stehen mehr als 100 Obstbäume, doch die Ernte war in diesem trockenen Jahr sehr gering. Fürs Mosten beim Erntedank am Samstag auf dem Schlosshof kam dennoch ein Zentner Obst zusammen, auch wenn manche Äpfel nur klein waren wie Hagebutten, wie Peter Moltmann vom Künstlerhaus Thüringen feststellte.

Die Äpfel wurden gewaschen, geschreddert und in der mobilen Presse zerquetscht, der Saft anschließend auf 78 Grad erhitzt und in 5-Liter-Plastikbeutel abgefüllt. Für die Apfelpresse hatte sich Peter Moltmann eine telefonische Einweisung vom Besitzer Holger Neumaier aus Weimar geholt, der das Gerät in den vergangenen Jahren selbst bediente, diesmal aber verhindert war.

Biosaft im Plastikbeutel? Ja, das sei nicht so schön, räumt Peter Moltmann ein. Glasflaschen wären besser, doch es seien nicht genug im Schloss vorhanden. Bis zum nächsten Jahr werde man fleißig sammeln...

Erstmals beschränkte sich die Aktion zum Herbstbeginn auf dem Schloss nicht auf das Mosten. Vielmehr beteiligten sich mehrere Kannawurfer am Erntedank. Joachim Wolf kam mit seinen zwei Haflingern und dem Pferdewagen und bot Touren an. Maurice Koppo und Lukas Noritz demonstrierten, wie gebuttert wird. Katharina Scherre lud zu Schlossführungen ein.

Jan Maczka hatte mit seinem Freund Nick Rieser aus Etzleben eine mobile Feldschmiede, 1917 in Berlin gebaut, aufgestellt und schmiedete Nägel und Spitzen. Das Werkzeug habe er vom Vater geerbt, versuche es in Schuss zu halten und forme und bearbeite gern das Eisen, erzählte er.

Gleich neben ihm zeigte Swen Hartwig, wie eine Sense funktioniert, wie man sie dengelt und schwingt. Das Sensen hat er vom Großvater gelernt und hält das traditionelle Handwerk hoch. Ein bisschen Wiese und Straßengraben haut er und freut sich, dabei Zeit und Ruhe zu haben und kein zusätzliches CO2 zu erzeugen. Vielleicht, so hofft Swen Hartwig, könne er bald die Wiesen ums Schloss mit der Sense behauen und mal ein Schauhauen oder einen kleinen Wettbewerb organisieren.

Neben Kannawurfern beteiligten sich auch Gäste aus anderen Orten am Erntedank. Andreas Kestner aus Kölleda zum Beispiel lud zum Gespräch ein unter dem Titel „Nach der Dürre kommt die Flut“. Dabei wolle er darauf aufmerksam machen, dass durch die heutige Agrarkultur mit nur sehr wenigen verschiedenen Anbaupflanzen die Verdunstung auf den Feldern steigt und wegen der geänderten Bodenbearbeitung die abgeernteten Äcker bei Regen viel stärker ausgeschwemmt werden als früher. Durch die EU-Förderrichtlinien werde dies verstärkt.

Abed Zarei stammt aus dem Iran, wohnt jetzt in Sömmerda und lud Besucher des Erntedankfestes ein, sich von ihm porträtieren zu lassen.

Der Kannawurfer Hartmut Hochheim, der im Schloss gern mit hilft, rückte den neuen Lautsprecherwagen aus der Garage. Nachdem der Anhänger mit Lautsprechern versehen und mit weißen Holunderblüten bemalt worden war (Das Lied „Weißer Holunder“ lief früher beim Kannawurfer Dorffunk immer vor den Nachrichten), wurde er am Samstag erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

Natürlich brachte sich auch der Heimatverein am Samstag ein. Es gab einen Krempelmarkt, Vereinsmitglieder hatten Kuchen gebacken, und das Heimatmuseum war geöffnet. Die dort stehenden Gerätschaften wie ein Butterfass oder eine Schaukelbadewanne (die am Samstag ausprobiert werden durfte), hatten das Künstlerhaus zu der Erntedank-Idee inspiriert. Man wollte gemeinsam mit den Kannawurfern etwas machen und die Utensilien aus dem Museum in Aktion zeigen, sagt Peter Moltmann.

Während Hausrat, Geschirr, Körbe, Bilder, Bücher und vieles mehr vor dem Museum für den Markt aufgebaut waren, zeigte die Vorsitzende des derzeit 28 Mitglieder umfassenden Vereins, Margot Berghof, den Besuchern gern auch die vielen Museumsstücke im Inneren. Eine Idee von ihr ist, vielleicht im nächsten Jahr zusätzlich eine kleine DDR-Ecke einzurichten.

Für den Abend hatte Heinz Barth vom Künstlerhaus die Präsentation seiner singenden Steine angekündigt. Diese sind ein Konglomerat aus gebranntem Ton, Ziegelbruch, Lehm. Aus verschiedenen Böden und Gegenden. Wenn man sie ins Wasser taucht, erlebt man das Phänomen der Aquäkustik, des Klanges unter Wasser, erklärt Heinz Barth. Mit dem Stethoskop kann man den Klang der Bläschen hören, die entstehen, wenn das Wasser den Stein durchdringt und die Luft aus diesem verdrängt. Es entwickle sich ein Klangkosmos mit vielfältigen Tönen vom röhrenden Hirsch bis zum Flugzeug oder Traktor, schwärmt Heinz Barth.

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