Sömmerdas kleiner Bürgermeister

Sömmerda.  Simeon Reimer ist Vorsitzender des Sömmerdaer Kinder- und Jugendparlaments. Ein Film zeigt nun sein Engagement und seine Sicht auf die Welt.

Simeon Reimer ist Vorsitzender des Kinder- und Jugendparlaments Sömmerda. Wenn er nicht gerade Briefe an den Bürgermeister schreibt, kommt er ins Schmöckereck, um zu lesen.

Simeon Reimer ist Vorsitzender des Kinder- und Jugendparlaments Sömmerda. Wenn er nicht gerade Briefe an den Bürgermeister schreibt, kommt er ins Schmöckereck, um zu lesen.

Foto: Jens König

Simeon Reimer ist ein ganz gewöhnlicher Dreizehnjähriger. Er macht Sport, trägt ein cooles Käppi, geht in die siebte Klasse des Albert-Schweitzer-Gymnasiums in Sömmerda. Die Liebesszenen in spannenden Büchern überblättert er, sie sind ihm zu langweilig. Auf den zweiten Blick aber ist Simeon doch nicht ganz gewöhnlich. Geht man mit ihm durch Sömmerda, grüßen ihn die Leute. „Wenn ich mit meinen Freunden unterwegs bin, sagen die immer, Mensch, jetzt hör doch mal auf, alle zu grüßen“, sagt Simeon. Aber es sei eben wichtig, einen guten Draht zu den Menschen zu haben. Manchmal spricht Simeon wie ein Politiker. Und im Grunde ist er das auch.

Simeon ist der Vorsitzende des Kinder- und Jugendparlaments (KJP) in Sömmerda, das es seit 2013 gibt. Als Simeon in der dritten Klasse war und Klassensprecher, wurde er ins KJP gewählt, und er übernahm direkt den Vorsitz, 2017 war das, da war er zehn Jahre alt. Zufällig sei das passiert, sagt er, er hatte nicht damit gerechnet, dass ihm die anderen Schülerinnen und Schüler so viele Stimmen geben würden.

Seitdem leitet er die monatlichen Sitzungen des Parlaments, unterzeichnet Briefe an den Bürgermeister, bereitet Aktionen und Projekte vor. Den Spielplatz im Stadtpark haben die Mitglieder des KJP mitgestaltet, auch an den Planungen für das Freibad sind sie beteiligt. „Simeon kann sich gut durchsetzen und tritt souverän im Stadtrat auf, wenn es Fragen zur Arbeit des Kinder- und Jugendparlaments gibt“, berichtet Julia Ansorg, die die Ansprechpartnerin der Kinder in der Stadtverwaltung ist. „Ich stehe gern in der Öffentlichkeit und im Mittelpunkt“, sagt Simeon. Woher das komme, könne er nicht sagen, der Rest seiner Familie sei eher schüchtern.

Schüchtern ist Simeon wirklich nicht, und so blieb sein Engagement in Sömmerda auch Anne Meißner nicht verborgen. Die freischaffende Filmemacherin aus Leipzig plante vor den Landtagswahlen im Oktober 2019 ein Filmprojekt über die Sicht auf die Welt aus Kinderperspektive. Gefördert von der Thüringer Staatskanzlei, porträtierte sie fünf Mädchen und Jungen aus Thüringen, die sich auf verschiedene Weisen engagieren, um den Themen der Kinder Aufmerksamkeit zu verschaffen. „Kinderstimmen“ nannte sie das Projekt, zwei der Filme sind bereits fertig und auf der Videoplattform „YouTube“ zu sehen. So auch der über Simeon.

„Simeon war das einzige Kind, das mich von sich aus kontaktiert hat“, erinnert sich Anne Meißner. Ein Casting brauchte sie nicht, schon während des ersten Telefonats habe sie gemerkt, dass er der Richtige sei für den Film. Meißner und ihr Partner Cristian Faur kamen nach Sömmerda und begleiteten und filmten Simeon in seinem Alltag: Beim KJP, beim Tanzen, in seinem Lieblingsbuchladen. „Simeons Interessen sind so vielfältig, die konnten wir im Film gar nicht alle zur Sprache bringen“, sagt Meißner. Und tatsächlich: Simeon singt im Jugendchor in der Kirche, übt Büttenreden im Faschingsverein. Tanzen ist sein Sport, „dabei kann man frei sein und so viele Gefühle in den Tanz reinpacken“, findet Simeon.

Im Sessel seines Lieblingsbuchladens, dem Schmökereck von Holk Maisel, sitzt er regelmäßig, liest Bücher aus dem Antiquariat und gibt Empfehlungen ab. Mit ihm verbindet ihn die Faszination für das Lesen und auch das Engagement für die Stadt. Denn Maisel saß früher für die Linke im Stadtrat. „Früher ist Simeon öfter gekommen, aber jetzt ist er ja in der Kommunalpolitik“ sagt Holk Maisel und lacht. Tipps für die Politik, die könne er Simeon aber nicht geben, dafür sei er zu alt: „Ich habe nur Opa-Wissen“. Aber Simeon, ist er sich sicher, brauche die auch nicht, der gehe schon seinen eigenen Weg.

Sein Weg, geht es nach Simeon selbst, soll ihn aber nicht in die große Politik führen. Der Druck sei zu groß, man dürfe nicht lachen und müsse alle Regeln befolgen, so jedenfalls stellt er es sich vor, Politiker zu sein. Simeons Traum führt ihn aber dennoch hoch hinaus: zur Europäischen Weltraumagentur ESA und ins All. Simeon will Astronaut werden.

Nur wenn das nicht klappt, sagt er, dann könnte er sich vorstellen, Bürgermeister von Sömmerda zu werden.