Wer hat an der Uhr gedreht?

Andacht zum Wochenende Pfarrerin Juliane Baumann aus Sömmerda zum Erkennen der Endlichkeit

Juliane Marit Baumann ist evangelische Pfarrerin in Sömmerda.

Juliane Marit Baumann ist evangelische Pfarrerin in Sömmerda.

Foto: Juliane Baumann

Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät…? – So beginnt der Titelsong einer der liebsten Zeichentrickserien meiner Kindheit. Paulchen Panther, die rosarote Großkatze mit ihren aberwitzigen Ideen, das Leben der Menschen durcheinanderzubringen, sie hat mich begleitet. Hauptcharakter ist ein rosaroter Panther mit recht menschlichen Zügen. So schläft er in einem Bett, zerschlägt den nervigen Wecker mit einer Schraubzwinge und kommt prompt zu spät zur Arbeit. Er soll als Schaffner Fahrscheine in einem Zug kontrollieren, doch der fährt ihm vor der Nase ab. Deshalb kauft er eine Kuckucksuhr – aber bereits am nächsten Morgen verstrickt er sich in einen Abnützungskampf mit dem Kuckuck, der die Uhr bewohnt und alle Register zieht, um den Herrn im rosa Pelz aus den Federn zu kriegen. Heute ist das Lied zur Serie die Weckmelodie auf meinem Handy:

Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät…?

Ja, die Zeit, sie ist schon etwas Rätselhaftes. Sie kann zu kurz sein oder zu lang. Etwas kann zur Unzeit passieren. Und dann wieder zur richtigen Zeit. Oder gefühlt viel zu spät. Und das alles, obwohl die Zeit immer gleich schnell vergeht. Wer hat an der Uhr gedreht?, frage ich mich, wenn Schönes den Tag erfüllte – und er schneller verging als mir lieb war. Schon vorbei, schade.

Wer hat an der Uhr gedreht?, frage ich mich manchmal, wenn die Zeit nicht zu vergehen scheint, wenn irgendwas länger dauert.

Wer hat an der Uhr gedreht? – Warum musste das Leben eines Angehörigen so plötzlich vorbei sein? Warum habe ich ein Stück Lebenszeit verpasst oder vertrödelt? Warum habe ich die Zeichen der Zeit nicht erkannt?

Wer hat an der Uhr gedreht? – Keiner von uns kann es, die Zeit zurückdrehen, oder gar nach vorn. Sie ist gesetzt, jede einzelne Minute, jede Stunde. Sie zu nutzen für das, was wichtig, dringend und geboten ist, in dieser Welt zu tun, ist unsere Aufgabe im Hier und Jetzt.

„Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ – so steht es in einem Psalm in der Bibel. Für mich ist es ein Lernsatz. Aus der Tatsache, dass wir einst sterben müssen, etwas lernen können – und zwar etwas Gutes, Lebensförderliches, das mit der Wendung „klug werden“ angezeigt ist. Klugheit bedeutet für mich, dem eigenen Leben Qualität und Tiefgang zu geben, ihm Sinn und Erfüllung zu ermöglichen.

Das Leben nicht verplempern mit nichtigen Dingen

Ich lasse mich aufgrund meiner Endlichkeit daran erinnern, dass ich von Gott Zeit geschenkt bekommen habe, die eine begrenzte ist auf Erden. Eine Zeit, über die ich mich freuen kann und die ich bewusst füllen will: mit Leben, mit Intensität, und sie jedenfalls nicht mit Nichtigem, Sinnlosem verplempern.

Solche Klugheit, eine begrenzte Zeit nicht einfach verstreichen zu lassen, erleben viele im Umgang mit kranken, erst recht mit sterbenden Menschen, so auch ich. Einerseits bei Betroffenen selber, die die verbleibenden Wochen besonders intensiv und oft als Geschenk erleben und sie nutzen für Gespräche und Klärungen, für Regelungen für den Todesfall, oder in der sie sich bewusst von Dingen trennen und sie verschenken. Aber auch auf Seiten der Angehörigen ist man sich oft bewusst, dass dies der letzte Urlaub, das letzte Weihnachtsfest, die letzte Möglichkeit zu einer entspannten Unterhaltung sein könnte. Die Beziehung zu Mitmenschen und damit die Liebe, die man sich gegenseitig schenken kann, stehen plötzlich im Mittelpunkt und lassen einen erkennen, was im Leben zählt.

Der Beter des Psalms gibt mir mit: Sei in allem, was du tust, zugleich vorbereitet auf das Ende. Unser Leben ist einzigartig, unwiederholbar. Gerade deswegen gilt es, solange wir auf Erden leben, achtsam zu denken, zu reden und zu handeln.

Die dunkle Jahreszeit bietet Gelegenheit, über all das nachzudenken. Viele tun dies, wenn sie dieser Tage rund um den Ewigkeitssonntag/Totensonntag die Gräber ihrer Angehörigen besuchen und sich erinnern an gemeinsame Tage, gute wie schlechte, und sich fragen: Wo ist nur die Zeit geblieben? Wer hat an der Uhr gedreht?

Vielleicht ist’s auch das dunkle Corona-Jahr, das man gern hinter sich hätte und die Uhr vorstellen mag auf den Moment, an dem der ganze Spuk vorbeisein könnte. Aber wir sind halt nicht bei Paulchen Panther und können uns die Welt und uns selbst rosarot malen. Wir leben im Hier und Jetzt, mit aller Verantwortung – für uns, für andere, für unsere Zeit auf dieser Welt. Ich bitte Gott um Klugheit für alles, was jetzt gerade zu tun ist.