So alt wie Thüringen – Erlebnisse einer Hundertjährigen

Thalbürgel.  Wie eine Thalbürgelerin die vergangenen einhundert Jahre erlebte.

Ilse Hoppe wird im Juli 100 Jahre alt. Sie lebt mit Tochter und Schwiegersohn in ihrem Elternhaus in Thalbürgel im Saale-Holzland-Kreis.

Ilse Hoppe wird im Juli 100 Jahre alt. Sie lebt mit Tochter und Schwiegersohn in ihrem Elternhaus in Thalbürgel im Saale-Holzland-Kreis.

Foto: Conni Winkler / OTZ

Ilse Hoppe sitzt im Garten und lässt den Blick über die Wiesen vor ihrem Haus in Thalbürgel schweifen. Eine feine Perlenkette um den Hals, vor sich die Zeitung, die sie noch immer liest, wirkt sie ganz und gar nicht so, als werde sie demnächst 100 Jahre alt. Und ist damit so alt wie das Land Thüringen, in dem sie lebt. Unglaublich, aber wahr: In ihrem Pass steht als Geburtsjahr tatsächlich 1920.

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Geboren und aufgewachsen in Erfurt, das bis 1945 noch zu Preußen gehörte, heiratete sie bereits mit 18. Doch schon bald nach der Hochzeit wurde ihr Fritz eingezogen. Sie selbst ging 1940 mit ihren Eltern nach Thalbürgel, wo die Großeltern eine Gastwirtschaft hatten, die sie nun den Jüngeren überlassen wollten. Viel Arbeit. Kaum freie Tage.

Vom Ende der Kriegstage erzählt Ilse Hoppe immer wieder. „Die abgezehrten Gestalten aus Buchenwald sehe ich noch genau vor mir“, sagt sie und meint damit den Todesmarsch im April 1945, bei dem die Insassen des Konzentrationslagers Buchenwald entlang der heutigen Bundesstraße 7 Richtung Osten getrieben wurden. Sie sollten nicht den amerikanischen Truppen in die Hände fallen, so der Plan der SS. Sie hörte die Schüsse, als die SS-Schergen die ausgezehrten Häftlinge, die nicht weiterlaufen konnten, erschossen. Später sah sie die Toten im Straßengraben liegen. Noch immer erschüttert, blickt sie 75 Jahre später zu Boden.

Begegnung mit dem Schauspieler Curd Jürgens

„Und dann kamen die Russen.“ Mehrmals wiederholt Ilse Hoppe diesen für sie denkwürdigen Satz, auch wenn Thüringen zuerst von den Amerikanern befreit wurde. Sie erzählt davon, wie die Nazis der Bevölkerung vor den Alliierten Angst machten. „Aber mein Vater war der Meinung, dass das schon nicht so schlimm werden würde.“ So blieb ihre Familie in Thalbürgel und harrte der Dinge, die da kommen würden. Plötzlich strahlt sie übers ganze Gesicht, als sie von ihrer Begegnung mit dem Schauspieler Curd Jürgens in den letzten Kriegstagen erzählt. „Er kam manchmal in unsere Gastwirtschaft. Das war schon ein Charmeur und ein Hans Dampf in allen Gassen.“ Der Schauspieler war aus einem Arbeitslager entkommen, wohin ihn die Nazis wegen politischer Unzuverlässigkeit gebracht hatten, und floh mit falschen Papieren in die thüringische Provinz. Noch bevor die Amerikaner die hiesigen Gebiete an die Sowjets abgaben, zog Curd Jürgens weiter.

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Im Saal der Grünen Aue richteten die russischen Besatzer ein Getreidelager ein. Ein paar Offiziere bezogen Quartier in den Gästezimmern. Probleme habe es nie gegeben, auch keine Übergriffe, sagt Ilse Hoppe. „Amerikaner wie Russen haben sich uns gegenüber anständig benommen.“ Alles in allem habe man den Krieg gut überstanden. Weil an ihre Wirtschaft noch ein kleines Lädchen angeschlossen war, hatten sie immer Lebensmittel. „Und hier auf dem Lande war es nicht so schlimm mit dem Hunger. Man half sich gegenseitig“, erzählt die Frau mit dem schlohweißen Haar, „wie später in der Mangelwirtschaft der DDR auch.“

Langsam begannen die Leute wieder, ihr Feierabendbier in der Grünen Aue zu trinken. „In unserer Kneipe trafen sich die Menschen zum Schwatzen.“ Ihr Mann Fritz kehrte unbeschadet aus dem Krieg zurück. Eigentlich hätte er nach Stalingrad gemusst, was seinen sicheren Tod bedeutet hätte. Aber er hatte Glück im Unglück. Weil er an Fleckfieber erkrankte, blieb er im Lazarett zurück.

Von einen Tag auf den anderen wurde Ilse Hoppe zur Witwe

Später übernahmen die Hoppes die Gaststätte. Sie bekamen eine Tochter und zwei Söhne. Tochter Renate, die noch heute mit ihrer Mutter in Thalbürgel lebt, war gerade ein Jahr alt, als 1949 die DDR gegründet wurde. „Auszustehen hatten wir nichts, keine Bespitzelung, keine Schikanen“, sagt Ilse Hoppe. Auch wenn sie in Thalbürgel in der Abgeschiedenheit ruhig lebten, so seien ihr doch die Missstände in der DDR nicht entgangen. „Aber dadurch war der Zusammenhalt der Leute viel besser als heute. Eine Hand wusch die andere.“

Es ging ihr gut, bis zu dem Tag, als sie mit ihrem Mann zu einem der sehr seltenen Urlaube an die Ostsee aufbrach. Auf dem Weg dorthin verstarb Fritz Hoppe mit 53 Jahren. Von einen Tag auf den anderen wurde Ilse Hoppe zur Witwe und betrieb die Grüne Aue für einige Zeit allein weiter. Weil aber keines ihrer Kinder das Gasthaus übernehmen wollte, musste die Gaststätte verkauft werden. Das habe sie bis heute nicht verwunden.

Gemeinsame Reisen mit Freundinnen werden ihr liebstes Hobby

Mit Eintritt in das Rentenalter entdeckte Ilse Hoppe das Reisen für sich. Als Rentnerin bekam sie ein Visum für Westberlin und fuhr mehrmals zu Besuch „nach drüben“. „Für 40 Pfennig konnte man mit der S-Bahn von Ost-Berlin in den Westteil fahren. Drüben angekommen, war für die Ostler der Nahverkehr kostenlos.“ Das habe den Westberlinern gar nicht gefallen, erzählt sie.

Als die Mauer am 9. November 1989 fiel, fuhr sie bald mit Tochter und Schwiegersohn nach Westberlin, um das Begrüßungsgeld abzuholen und kannte sich vor Ort bereits bestens aus. „Ich war so froh, die Wiedervereinigung erleben zu können“, gesteht sie. Fortan wurde das gemeinsame Reisen mit Freundinnen ihr liebstes Hobby. Sie machte eine Wolga-Schiffsreise, besuchte Norwegen und Mallorca, badete im Gardasee und schipperte in Paris auf der Seine. „Ich bin wirklich sehr zufrieden mit meinem Leben. Das Einzige, was mich traurig macht, ist der frühe Tod meines Mannes.“ Bis heute lebt Ilse Hoppe ohne Mann an ihrer Seite. Doch einsam sei sie nicht, sagt sie. „Jeden Tag kommt meine Tochter mit ihrem Mann zu mir in die Stube und wir essen gemeinsam. Und wenn ich dann aus meinem Fenster über das Tal blicke, weiß ich doch, wie schön ich es hier habe.“

Wie sie ihren runden Geburtstag im Juli feiern wird, weiß sie noch nicht. Wegen Corona könne man sich nicht mehr in großer Runde treffen und auch ihre Freundinnen könnten derzeit nicht mehr kommen. Ja, das seien jetzt sehr verrückte Zeiten, sagt die Frau, die ein ganzes Jahrhundert Leben hinter sich hat.

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