Alles schaut auf eine Göttin

Steffen Eß
| Lesedauer: 4 Minuten
Die Ausstellung in Bad Tabarz lässt den Besucher zwischen Bällen, Schuhen und einer Nachbildung des Rimet-Pokals Fußball-Geschichte erleben.

Die Ausstellung in Bad Tabarz lässt den Besucher zwischen Bällen, Schuhen und einer Nachbildung des Rimet-Pokals Fußball-Geschichte erleben.

Foto: Fußballzeitreise

Bad Tabarz  Marcel Wedow richtet in Bad Tabarz eine Ruhmeshalle des deutschen Fußballs ein. Am Montag sind Bernd Stange und Jürgen Croy zu Gast.

Seine Augen glänzen. Marcel Wedow ist aufgeregt wie ein Schuljunge, wischt sich die Hände an der Hosennaht ab, als die Box geöffnet wird und Andreas Brehme diesen goldenen Pokal in den Händen hält. Zum Abschluss des Abends mit dem Weltmeister von 1990 zaubert der damalige Siegtorschütze diese Statue hervor, um sie der Fußballzeitreise für ihre Ausstellung zu überreichen. Was bei manchem im Publikum in Bad Tabarz ungläubige Blicke hervorruft, lässt Wedow beim Anblick im siebten Fußball-Himmel schweben. Mehr als ein halbes Jahrhundert stellte die Gold-Frau für Fußballfans aus der ganzen Welt das bedeutendste Kunstwerk dar. Für Marcel Wedow als Begründer des Bad Tabarzer Vereins wird im Juni 2018 ein Kindheitstraum wahr.

Der Jules-Rimet-Pokal, wie der Weltpokal später hieß, ist nicht der, der er zu sein scheint. Die ei­gentliche Engelsstatue ist eingeschmolzen, verloren, nachdem sie 1983 zum zweiten Mal gestohlen worden war. Brasilien ließ in der Schmach über den Verlust des Nationalheiligtums eine Nachbildung fertigen. In der DFB-Schatzkammer ist ebenfalls eine Kopie der einst aus 3,8 Kilo Gold bestehenden Trophäe zu bewundern. Von 1930 bis 1970 erhielt sie der Sieger der Fußball-Weltmeisterschaft.

Für Wedow macht es keinen Unterschied, dass es sich um eine originalgetreue Nachbildung des Coupe Jules Rimet handelt, den der Memorabilien-Experte Hagen Leopold vor gut einem Jahr mitgebracht hat. Für den 49-Jährigen ist es noch immer so, als wäre der Pokal der Pokale zu Hause. Neben einem Replikat des bekannten, seit 1974 vergebenen Fifa-WM-Pokals ist die an die Siegesgöttin Nike erinnernde Gold-Frau das Prunkstück zwischen Töppen, Zeitungen, Medaillen und Trikots. Ist sie doch auch untrennbar mit dem WM-Sieg der Deutschen 1954 verbunden. Die Geschichte von Ottmar Walter, der im Krieg schwer verwundet und zur 54er-Siegerelf gehörte, verlieh Wedow die Inspiration, in dem kleinen Stall neben seinem Wohnhaus in Bad Tabarz die Ruhmeshalle des deutschen Fußballs einzurichten.

Neun Jahre ist das her, dass auf den 16 Quadratmetern die Fußballzeitreise als kleine Fan-Ausstellung öffnete. Seither füllten sich die Vitrinen. Hinzu kamen Abende mit prominenten Fußballern. Die Serie setzt sich am Montag fort, wenn mit Trainer Bernd Stange und dem einstigen Torwart Jürgen Croy Größen des DDR-Fußballs ins Zentrum für Kunst, Kultur und Natur kommen. Stoff für einen spannenden Abend gibt es zwischen zig Trainerstationen und dem legendären 1:0 der DDR-Auswahl mit Croy vor 45 Jahren gegen die Bundesrepublik reichlich. „Mit beiden schließt sich der Kreis“, sagt Marcel Wedow. 30 Jahre nach der Wende rückt der in den Hintergrund geratene DDR-Fußball so ins Blickfeld.

Mit der Talkrunde am Montag bricht ein neues Kapitel für die Fußballzeitreise an. Der Abend ist der Erste seit jenem mit Andreas Brehme. Die Pause resultierte aus Querelen im Verein. Im Zentrum standen Unstimmigkeiten über die Verbindung des Vereins mit seinen Veranstaltungen und der Ausstellung. Die Sammlung bleibt nach dem Umbruch Bestandteil des Vereins, zumal sie bei jeder Veranstaltung Anlaufpunkt für die Gäste ist. Auch Bernd Stange und Jürgen Croy werden so zunächst das Fußball-Museum besuchen.

Mehr als Tausend Stücke umfasst die Ausstellung mittlerweile. Der Platz ist knapp. Deswegen gibt es die Überlegung, die Sammlung zu verlagern. Wenngleich sich der Begründer selbst etwas zurückhielt, hat der Gemeinderat auf die Idee hin von Bürgermeister David Ortmann (SPD) dafür gestimmt, dass die Fußballzeitreise im Aussichtsturm auf dem Inselsberg Raum finden könnte. Ein Förderantrag ist eingereicht worden. Etwas mehr als 200.000 Euro stehen im Raum, um die historischen Stücke als weitere Schau neben der über den Geopark und den Naturpark Thüringer Wald präsentieren zu können.

An dem Gedanken, dass die Fußball-Geschichte Teil des Erlebnisturms mit Aussicht wird, findet Marcel Wedow großen Gefallen. Die Aussicht, dass 25.000 bis 30.000 Besucher pro Jahr auch historisch wertvolle Stücke aus früheren Kicker-Zeiten bewundern können, macht ihn auch ein wenig stolz.

„Wenn wir das machen, ist es ein Blick in die Zukunft“, erklärt Wedow. Wohl wissend, dass alles auf eine Göttin schauen wird.

Abend mit Bernd Stange und Jürgen Croy, Montag, 21. Oktober, 19 Uhr, Bad Tabarz, Karten zu 16 Euro im Kukuna

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