Dem Mythos Rot-Weiß gegen Carl Zeiss auf der Spur

Erfurt.  Drei junge Fußballer analysieren in ihrer Seminarfacharbeit Vereinsrivalitäten – unter anderem die von Erfurt und Jena.

Angestachelte Fanmassen. Laute Sprechchöre, um den Gegner zu diffamieren. Stimmungsvolle Choreos, bisweilen untermalt mit kräftig Pyrotechnik. Die Zweikämpfe auf dem Platz einen Tick härter als sonst. Trainer, die das zusätzlich befeuern.

Derbys sind keine normalen Fußballspiele. Ob in Thüringen, wenn der FC Rot-Weiß Erfurt auf Carl Zeiss Jena trifft. Ob im hohen Norden beim Duell Werder Bremen gegen Hamburger SV. Oder auch in Spanien, beim „Derbi madrileño“ zwischen Real und Atlético Madrid.

Drei junge Fußballer haben diese Erfahrung selbst oft gemacht. Seit der Altersklasse U11 haben der Erfurter Lenny Bach (18), der Stadtilmer Tony Müller (18) und der Weimarer Adam Ruffert (17) zusammen beim FC Rot-Weiß Erfurt gespielt. Zweimal im Jahr stand das „Spiel der Spiele“ gegen den Landesrivalen aus Jena an. „Das wurde immer mächtig angeheizt, von Trainern, Betreuern und Fans. Für uns war diese Rivalität kein großes Thema, zumal wir in der Landesauswahl, die fast nur aus Erfurter und Jenaer Spielern bestand, bestmöglich zusammenspielen mussten“, blickt Ruffert auf die Rivalität der beiden Vereine, die aus seiner Sicht vor allem eine Fanrivalität ist.

Das ist auch seine Haupterkenntnis. In der gemeinsamen Seminarfacharbeit, in der sich die drei jungen Kicker mit dem Thema „Clubrivalitäten im Fußball“ auseinandergesetzt haben, analysierte Ruffert die Rivalität der beiden Thüringer Größen. Er wälzte Literatur, sprach mit dem Leiter des Jenaer Fanprojekts Matthias Stein sowie Ronald Fromm, Mitglied des Erfurter Fanbeirats, um sich ein möglichst objektives Bild zu erarbeiten. „Da es länger kein Derby mehr gab, könnte auch die Brisanz der Rivalität zwischen den Ultras allmählich abnehmen“, denkt Ruffert. Er wünscht sich, dass es das Derby nicht nur beim Nachwuchs, sondern auch bei den Männern bald wieder gibt.

Seine beiden Kumpels, mit denen er bis letztes Jahr gemeinsam das Erfurter Sportgymnasium besuchte, ehe er, auch wegen der unklaren sportlichen Perspektive bei RWE, ans Weimarer Goethegymnasium wechselte und sich dort dem SC 03 anschloss, haben in der Seminarfacharbeit einen Blick über Thüringen hinaus geworfen. Lenny Bach nahm das Nordderby unter die Lupe, interviewte dazu den langjährigen Werder-Spieler Clemens Fritz und stellte fest, dass die Rivalität nicht erst seit gemeinsamen Bundesligazeiten der beiden Vereine besteht. Tony Müller, der kubanische Wurzeln und Bekannte in Spanien hat, interessierte sich für das Madrider Stadtderby. Seine Erkenntnis: Statt Reichenverein (Real) gegen Arbeiterverein (Atlético) heißt es heute Kommerz gegen Kommerz.

Die Seminarfacharbeit ist Bestandteil des Abiturs und soll die Schüler auf ihre Aufgaben während des Studiums vorbereiten. Ihre Schulen haben es ermöglicht, dass die drei ihre Arbeit trotz Rufferts Schulwechsel gemeinsam abschließen dürfen. Der schriftliche Teil wurde bereits bewertet, morgen folgt die mündliche Verteidigung, das Kolloquium. „Da wollen wir die ganz gute Note noch ein bisschen aufmotzen“, so Ruffert aufgeregt.

Danach trennen sich wohl erst einmal ihre Wege. Bach und Müller haben weiter das Ziel, Fußballprofi zu werden. Ob sie das vorerst in Erfurt weiterverfolgen, hängt maßgeblich davon ab, ob sie beim FC Rot-Weiß in der Oberliga die ersten Schritte im Männerbereich machen dürfen. Ruffert, der mit dem SC 03 die A-Junioren-Verbandsliga gewinnen und dann bei den Männern mitspielen will, richtet den Fokus auf das Studium: „Ich will Sport studieren, wahrscheinlich auf Lehramt für Gymnasium. Das wäre zum Beispiel in Jena oder Leipzig möglich.“

Und es vielleicht in dem Fall doch beim FC Carl Zeiss versuchen? Ruffert lacht: „Das würde ich im Moment ausschließen.“ Dafür ist die Rivalität, auch wenn sie als Spieler kleiner ist, dann doch zu groß.