Der ganz normale europäische Wahnsinn der Thuringia Bulls

Jakob Maschke
| Lesedauer: 4 Minuten
Stolz und Enttäuschung: Die Thuringia Bulls (André Bienek, links, und Vahid Azad) spielten einen beinahe perfekten Champions Cup.

Stolz und Enttäuschung: Die Thuringia Bulls (André Bienek, links, und Vahid Azad) spielten einen beinahe perfekten Champions Cup.

Foto: Franziska Möller

Elxleben.  Der Weg der Elxlebener Rollstuhlbasketballer vom Favoriten zum Außenseiter zum Mitfavoriten zum knapp besiegten Zweiten.

Am späten Sonntagabend kamen die RSB Thuringia Bulls wieder in Elxleben an. Im Gepäck eine bittere Finalniederlage und Enttäuschung darüber, aber auch ganz viel Stolz auf die gezeigten Leistungen beim Champions Cup der Rollstuhlbasketballer in Wetzlar. Eine Chronik, wie sie vom Favoriten zum Außenseiter zum Mitfavoriten zum knapp besiegten Zweiten beim wichtigsten europäischen Vereinswettbewerb wurden.

Mai 2019: Die Thuringia Bulls küren sich wie 2018 zum Champions-League-Sieger. Damit haben sie ihren Status als bestes Rollstuhlbasketball-Team Europas zementiert, sind inmitten einer drei Jahre und 75 Spiele dauernden Siegesserie.

März 2020: Die Elxlebener sichern sich zum dritten Mal den deutschen Pokal und kurz darauf zum vierten Mal den deutschen Meistertitel, nachdem die Saison pandemiebedingt nach der Hauptrunde abgebrochen wird. Die Champions League 2020 fällt aus.

Sommer 2020: In den Wirren der Pandemie, in denen noch nicht klar ist, ob die Saison gespielt wird, entscheiden sich mit Matt Scott und Jake Williams zwei der Spitzenspieler für einen Wechsel nach Spanien.

März 2021: Die Saison verläuft überraschend problemlos, aus Pandemiesicht und aus Sicht der Bulls, die auch diesmal wieder ungeschlagen an der Spitze der Bundesliga stehen. Doch nach 75 Siegen endet ihre Erfolgsserie krachend: Sie verlieren beim Dauerrivalen, Rekordmeister RSV Lahn-Dill, haushoch mit 54:82. Es wird deutlich, dass sie ohne Scott und Williams berechenbarer agieren, abhängiger vom Weltklasse-Centerduo Alex Halouski/Vahid Azad sind. Als die beiden gegen Hannover noch einmal einen nicht so guten Tag erwischen, verlieren die Bulls erneut.

Inzwischen steht fest, dass statt der Champions League im üblichen Modus ein Champions-Cup-Turnier stattfinden wird, bei dem acht europäische Spitzenteams um den Titel kämpfen werden. In der Form wie gegen Lahn-Dill und Hannover wären die Bulls dort Außenseiter.

April 2021: Trotz angeschlagenen Selbstvertrauens zeigen die erfolgsverwöhnten Thüringer dann, wenn es drauf ankommt, ihre mentale Stärke: Im Halbfinale um die deutsche Meisterschaft gegen Rahden spielt das Team von Michael Engel wieder variableren Teambasketball und zieht mit zwei Siegen ins Finale Mitte Mai gegen den Hauptrundensieger Lahn-Dill ein.

24. April 2021: Eine schwedische Überraschung: Joakim „Joke“ Linden, Bulls-Spitzenspieler der ersten Stunde, ist zurück in Elxleben. Nach vier Jahren Pause feiert er, extra für den Champions Cup, sein Comeback. Im Training zeigt er, dass er trotz konditionellen Rückstands eine Bereicherung ist.

30. April 2021: Frohen Mutes mit „Joke, dem Joker“ und im Wissen um die letzten beiden Siege starten die Bulls ins Champions-Cup-Turnier in Wetzlar. Im Viertelfinale heißt der Gegner erneut Rahden. Die Bulls gewinnen souverän mit 77:66 und zeigen, dass sie ein Mitfavorit auf den Titel sind.

1. Mai 2021: Halbfinale – und was für eins! Mit ihrer mit Abstand besten Leistung der Saison lassen die Bulls dem Spitzenreiter der spanischen Liga aus Bilbao nicht den Hauch einer Chance, ziehen per 85:63-Erfolg ins Finale ein. Aus dem tollen Teamgefüge ragt wie schon gegen Rahden Vahid Azad heraus.

2. Mai 2021: Im deutsch-deutschen Finale wartet Gastgeber und Turnierfavorit RSV Lahn-Dill. Es entwickelt sich ein spannendes, hochklassiges Spiel. Zunächst zieht Lahn-Dill auf zehn Punkte Abstand davon, doch im dritten Viertel gleichen die Bulls aus, gehen im Schlussabschnitt sogar mit vier Punkten in Führung. Doch diesmal reicht es nicht wie 2018 und 2019 zum großen Wurf, Lahn-Dill gewinnt nach dramatischer Schlussphase mit 71:67 und setzt sich erstmals seit 2015 wieder die europäische Krone auf. Dennoch ein ganz starkes Turnier der Elxlebener.