Halbzeit-Kolumne: Ein Springer, der Berge erklimmt

Marco Alles über sportliche Multitalente – auch in den eigenen Reihen.

Marco Alles

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Foto: Sascha Fromm

Es sah nach einem Start-Ziel-Sieg aus. Schon nach wenigen Metern führte Kollege P. das bunte Feld an. Mit erhobenem Haupt und langem Schritt bog er als Erster um die Häuserecke. Begleitet mit unseren Hoffnungen auf einen Thüringer Coup am Deutschen Eck. Die Neunziger bildeten die Hoch-Zeit des Kräftemessens der deutschen Sportjournalisten. Einmal im Jahr probierten sie sich darin aus, worüber sie sonst berichteten. Es wurde gespielt, geschwommen, geschossen, gerannt. Und Kollege P. ließ nichts aus.

Unter Handballern aufgewachsen, war er auch der Rückhalt im Fußballtor; er traf mit dem Bogen und lochte den Golfball ein. Ein echtes Multitalent, von denen es selbst im ganz großen Sport nur wenige gibt. Christa Ludwig-Rothenburger gehört gewiss dazu. Die Sächsin wurde in den achtziger Jahren Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Eisschnelllauf – und stieß auch im Bahnradsport in die absolute Weltspitze vor. 1988 schaffte sie es, im gleichen Jahr olympische Medaillen sowohl im Winter (Calgary) als auch im Sommer (Seoul) zu gewinnen.

Ein Kunststück, das später auch Andrea Eskau gelang. Die gebürtige Apoldaerin, die seit einem schweren Fahrradunfall vor 22 Jahren querschnittgelähmt ist, feierte seit 2008 insgesamt acht Paralympics-Siege – mit dem Handbike sowie im Biathlon und im Skilanglauf. Dass aus ihr einmal eine solch herausragende Athletin wird, war nach dem Schicksalsschlag nicht abzusehen. Damals hätte es Tage gegeben, verriet die junge Frau mit etwas Abstand, da hatte sie sich kaum vor die Tür gewagt.

Bis ihr erster Begleithund sie animierte. Um ihm den nötigen Auslauf zu verschaffen, stieg Eskau zum ersten Mal auf ein Handbike – und konnte ab diesem Zeitpunkt nicht mehr davon lassen. Aus der einstigen Hobbysportlerin wird eine Sportverrückte, die es liebt, sich täglich im Training zu quälen. Egal, zu welcher Jahreszeit. Die Belohnung: Auch im Sitz-Schlitten stürmte sie an die Weltspitze und führte 2018 in Pyeongchang die deutsche Paralympics-Mannschaft sogar als Fahnenträgerin an.

Eine Ehre, die zehn Jahre zuvor Dirk Nowitzki ebenfalls zuteil wurde. In Peking profitierte er von seinem Star-Bonus; galt schon damals als größter deutscher Exportschlager in die Welt des Sports. Was viele nicht wissen: Die Basketball-Legende war in jungen Jahren auch ein vielversprechendes Tennis-Talent; wurde mit 13 sogar unterfränkischer Meister. Kein Wunder, mag man denken, bei dieser Reichweite am Netz. Doch dann entschied er sich für die größeren Bälle; zum Glück für Dallas und Deutschland.

Für Aufsehen sorgte auch Manni Burgsmüller, als er in den Neunzigern den runden Fußball mit dem Football-Ei tauschte. Der im vergangenen Jahr verstorbene Ex-Nationalstürmer, der mit 213 Treffern noch immer auf Platz fünf der ewigen Bundesliga-Torschützenliste liegt, stieg damals als Kicker bei Rhein Fire ein und avancierte mit 52 zum ältesten Football-Profi.

Unerreicht ist bisher auch der Brite John Surtees, der als einziger Rennfahrer der Geschichte die Weltmeisterschaft sowohl mit dem Motorrad (1956 bis 1960) als auch in der Formel 1 (1964 mit Ferrari) gewann. Jeweils olympisches Gold schürfte einst die Russin Anfissa Reszowa im Skilanglauf und Biathlon; sowie vor zwei Jahren die Tschechin Ester Ledecka – erst auf Skiern, dann mit dem Snowbaord.

Sind diese Sportarten zumindest artverwandt, schickt sich derzeit bei der Tour de France ein früherer Skispringer an, der beste Radsportler der Welt zu werden. Primoz Roglic, der als Junior mit Slowenien Team-Weltmeister wurde, fliegt nun nicht mehr die Berge hinunter, sondern hinauf. Durch ei­nen schweren Sturz verlor das Talent den Anschluss zur Skisprung-Spitze und sattelte um. Bei seinem Nachbarn lieh er sich zunächst ein Fahrrad und fand sofort Gefallen daran. Mit 23 setzte Roglic alles auf eine Karte, startete seine zweite Profikarriere und steuert nun, mit 30, dem Tour-Olymp entgegen. Ein modernes Sportlermärchen.

Und Kollege P. damals in Koblenz? Er war die 3-Kilometer-Strecke viel zu schnell angegangen, schleppte sich mit hochrotem Kopf abgeschlagen ins Ziel. Und ließ es fortan sein mit dem Laufen.

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