Eine Rentnerin vermisst ihren Mühlhäuser Handballverein

Mühlhausen.  Die 81-jährige Sigrid Launert ist bei jedem Spiel des VfB TM. Durch die Corona-Epidemie pausiert aber die Thüringenliga.

Rentnerin Sigrid Launert ist bei jedem Spiel des VfB TM Mühlhausen in der Handball Thüringenliga dabei

Rentnerin Sigrid Launert ist bei jedem Spiel des VfB TM Mühlhausen in der Handball Thüringenliga dabei

Foto: Andrea Fernschild

Sie ist 81 Jahre alt und durchlebt momentan eine schwierige Zeit. Nicht nur wegen des Coronavirus, den dazugehörigen Einschränkungen und der großen Ansteckungsgefahr, auch wegen der handballfreien Zeit. Denn Sigrid Launert aus Felchta nahe Mühlhausen ist ein Fan durch und durch. Sie widmet jede freie Minute dem Thüringenligisten VfB TM Mühlhausen, ob bei Heimspielen oder auf fremden Parketts.

„Handball ist mein Leben. Ohne diesen Sport geht es gar nicht. Das war schon immer so“, sagt die rüstige Rentnerin, für die WhattsApp und Facebook keine Fremdwörter sind, sondern tägliches Geschäft. Angefangen mit der Begeisterung für den teils harten Sport hat es beim Großfeldhandball in Felchta unter freiem Himmel. Sie hatte es auch selbst einmal versucht, aber das war nach ihren Angaben nicht der Rede wert. Mit der Zeit wurde der Sport in die Halle verlagert und Sigrid ging selbstverständlich mit.

Zunächst war es die Damaschkehalle, in der sie die Mühlhäuser Handballer teilweise lautstark unterstütze. „Und dann bin ich mit umgezogen in die Görmarhalle. Das war doch selbstverständlich“, weiß Sigrid Launert noch wie heute. Seitdem ist sie bei jedem Spiel dabei. Da spielt es auch keine Rolle, ob in der Familie eine Geburtstagsfeier oder eine andere Festivität ansteht.

„Das wissen alle. Und das haben auch alle akzeptiert. Feiern kommen immer erst nach dem Handball. Anders möchte ich es auch gar nicht“, lacht die Rentnerin, die drei Kinder, viele Enkel und Urenkel hat.

2018 war für sie ein schweres Jahr als ihr Mann verstarb. Sie fiel in ein Loch und brauchte lange Zeit, um das zu verarbeiten. „Aber der Handball hat mir geholfen und mich wieder nach oben gebracht, auch wenn es eine ganze Weile gedauert hat.“

Schüssel Weihnachtsplätzchen „für meine Jungs“

Erst zum Ende des Jahres war sie wieder bereit und widmete sich ihrem geliebten Sport. „Da habe ich mir gedacht, ich müsste mal Plätzchen für die Jungs backen“, erinnert sie sich. Gesagt, getan. Eine große Schüssel Weihnachtsplätzchen „für meine Jungs“, wie sie sie immer nennt. Und diese Idee kam natürlich sehr gut an. „Wie die Spatzen haben die Plätzchen gegessen. Das war so schön und hat mich unendlich gefreut“, lacht die 81-Jährige, die sich extra ein Abo für den Bezahlsender Sky zulegte, um Handball schauen zu können.

Von da an ging auch mit zu den Auswärtsspielen. Und was durfte nicht fehlen? Kuchen. „Ich habe immer einen Kuchen gebacken für die Auswärtsfahrten.“ Doch für einen Spieler gab es etwas besonderes: „Er ist nur Rührkuchen. Da habe ich eben noch einen Extrakuchen gebacken, nur für Adrian. Und ihm dann immer zwei Stück mitgenommen“, erinnert sie sich an Mühlhausens Torwart.

Den Wunsch hat sie beherzigt, Adrian Winkler bedankte sich auf seine Weise und schenkte Sigrid sein Trikot nach Ablauf der vergangenen Saison. Nach dem letzten Spiel warf er sein grünes Sportdress zu ihr hoch. „Wenn es jemand verdient hat, dann sie“, waren seine Worte. Seitdem ist das Trikot immer dabei.

Im September vergangenen Jahres wurde aber wieder alles anders. Sigrid Launert brach zu Hause zusammen. Eine Hüft-Operation war unumgänglich. An dieser hat sie noch bis heute zu knabbern. „Da habe ich einige Spiele verpasst, da ich auch in die Reha musste“, erinnert sie sich. Aber Ende Oktober ging es wieder los und sie war dabei.

„Erst musste mich meine Tochter zu den Treffpunkten oder in die Halle fahren, aber irgendwann konnte ich wieder alleine mit dem Auto fahren.“ Vier Spieler aus der Mannschaft ließen es sich nicht nehmen und besuchten sie im Krankenhaus. „Das war ein riesengroße Überraschung und für mich die größte Ehre, die ich je erfahren durfte. Ein paar Tränen sind auch geflossen. Dass das für mich gemacht wurde, macht mich unendlich stolz. Überhaupt sind alle so lieb und nett zu mir. Die Mannschaft und der Verein sind mir so sehr ans Herz gewachsen“, weiß sie diese und andere Gesten zu schätzen und hält sich vor Augen, dass das nicht selbstverständlich ist.

Den Spielplan nicht auf Papier, sondern im Kopf

Und so saß sie Woche für Woche entweder in Thüringens Handballhallen oder im VfB-Wohnzimmer, der Görmar-Halle. „Nun müssen wir erstmal auf die Gesundheit schauen. Das ist wichtig“, sagt die Rentnerin, „Ich habe ein großes Haus, da finde ich immer eine Beschäftigung. Wenngleich der Handball deutlich besser wäre, das ist ja klar“, sagt sie. „Vorige Woche habe ich Markus Bergmann noch geschrieben, dass wir ja Samstag halb acht in Hermsdorf gespielt hätten. Da wäre ich auf jeden Fall dabei gewesen. Und dann bei Werratal und gleich darauf wieder gegen Werratal“, hat Sigrid den Spielplan, der aber nun hinfällig ist, im Kopf.

Nun muss sie warten. Aber sie wartet gern und freut sich auf den Tag, an dem es endlich wieder los geht. Wann der aber sein wird, steht in den Sternen. Bis dahin wird sie ihr herzliches Lachen und die stets gute Laune nicht verlieren – und an ihre Handballer denken.