Großes Saisonfinale in Erfurt glänzt bronzen und silbern

Erfurt. Beim Weltcup-Finale in Erfurt setzen die deutschen Eisschnellläufer den Aufwärtsrend fort. Patrick Beckert trumpft mit Rang drei über 5000 Meter auf, Claudia Pechstein sogar als Zweite.

Judith Hesse hatte gehofft, gerade zu Hause die letzte Kräfte im Kampf um den dritten Gesamtplatz über 500 m mobilisieren zu können. Erschöpft kam sie zumindest zu Rang vier. Foto: Sascha Fromm

Judith Hesse hatte gehofft, gerade zu Hause die letzte Kräfte im Kampf um den dritten Gesamtplatz über 500 m mobilisieren zu können. Erschöpft kam sie zumindest zu Rang vier. Foto: Sascha Fromm

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Fragen nach der Zukunft hatte sie vor den letzten Rennen mit dem Wort "Sonne" und ei­nem Lächeln unbeantwortet gelassen. 72 Stunden später reichte ein Schulterzucken und ein Wort, das Bände sprach. "Müde", hauchte Eisschnellläuferin Judith Hesse tief enttäuscht über das Rund. Selbst aufmunterndes Klatschen vermochte der Erfurterin keinen Trost zu spenden. Der Traum, das so vorfreudig erwartete Heimspiel mit der ersten Medaille im Gesamtweltcup zu krönen, war Sekunden zuvor in Schall in Rauch aufgegangen. Dafür ging ein anderer wenige Stunden später in Erfüllung. Der von Teamgefährte Patrick Beckert glänzte bronzen.

So hatte sich der 24-jährige Erfurter das Ende des ersten Tages beim Heim-Weltcup ausgemalt gehabt. Der ESC-Mann, der den niederländischen Ausnahmeläufer Jorrit Bergsma wie das gesamte gnadenlos aufs Gold-Gewinnen ausgelegte "Clafis"- Team so schätzt; er stand als Dritter neben ihm auf dem Podest, das Heim-Trainerin Gunda Niemann-Stirnemann ebenso freudig als digitale Erinnerung festhielt wie Mutter Angela und Schwester Stephanie.

Das Fotomotiv besaß Symbolcharakter. Es stand für ein bronzenes Schlussbild, mit dem die deutschen Eisschnellläufer zum Ende einer überwiegend vielversprechenden Weltcup-Saison die Hoffnungen auf eine wieder erfolgreichere Zukunft nährten.

Nach WM-Bronze für Claudia Pechstein und Patrick Beckert drang der Erfurter wieder unter die Besten. Nicht allein.

"Wir haben endlich bewiesen, dass wir Deutschen fähig sind, unter die ersten drei zu laufen", kleidete Nico Ihle die stille Hoffnung am Mikrofon in Worte.

Gut ein Jahr nach den medaillenlosen Winterspielen stand der Chemnitzer auch selber für den Aufschwung bei den Männern. Der spätere Gesamtfünfte über 500 Meter freute sich in dem Moment umso mehr, im Heimatland den dritten Platz über 1000 Meter ins Ziel gebracht zu haben. Gleichwohl: Der Erfolg drückte eine Träne weg. Denn im letzten 1000-m-Rennen der Saison schrammte der bis dahin Dritte der Gesamtwertung acht Hundertstelsekunden am Podiumsplatz vorbei, den Patrick Beckert kurz darauf groß über 5000 Meter erkämpfte.

Vor einer stimmungsvollen Kulisse lief der Langstrecken-Spezialist als Siebter der Gesamtwertung mit technisch sauberen Runden in 6:21,80 min auf Rang drei hinter Gesamtsieger Jorrit Bergsma (6:17,49) und Sverre Lunde Pedersen (6:20,64). Der Norweger hatte im letzten Paar den bis dahin Führenden Bob de Jong (6:23,59) hinter sich gelassen. Damit schob sich der Erfurter auf den vierten Gesamtplatz.

Schonung fürs nicht ausgeheilte Fußgelenk

"Die Erwartungen zu Hause liegen immer hoch. Umso schöner, dann auch mit oben zu stehen", sagte Patrick Beckert. Mit dem Erfolg erklärte er die Saison für beendet. Um das nicht ganz ausgeheilte Fußgelenk nach dem Außenbandriss im Dezember zu schonen, verzichtete er trotz ähnlicher Erfolgschancen aufs Massenstartrennen am Sonntag.

"Klasse. Ganz stark hat er das gemacht. Vor allem diese Konstanz", schwärmte Trainerin Gun­da Niemann-Stirnemann.

"Ich denke, der dritte Platz war ein sehr guter Abschluss", meinte der ESC-Läufer selbst, ohne den Erfolg mit dem Bronze-Gewinn bei der WM gleichsetzen zu wollen. Die Medaille in Heerenveen über 10"000 Meter war die wertvollere. Sie sei die wichtigste - und eine Saison ohne diese wäre selbst bei einer Bronzenen wie am Samstag keine gute gewesen.

Wie so oft klang sein enormer Ehrgeiz heraus - so wie drei Tage zuvor, als er mit Judith Hesse den Blick aufs Saisonfinale, und vorsichtig darüber hinaus, lenkte. Weil er keine "vierten, fünften oder sechsten Plätze" zählen will, geht es nur um Edelmetall. Und selbst Bronze betrachtet Patrick Beckert nur als weitere Station, um fortan mindestens Silber ins Auge zu fassen. "Nun muss der nächste Schritt kommen", meinte er nach dem Erfolg von Heerenveen im Februar.

Während die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft DESGhinter den Kulissen am Konzept für die Zukunft arbeitet, steht für die ESC-Frontläufer besonders die Frage, wie die künftigen Bedingungen aussehen. Vor der Entscheidung aber stünde eine genaue Analyse, so Beckert.

Die fiel bei Judith Hesse zunächst kurz aus. Unzufriedenheit und ausgegangene Energie standen ihr nach dem 13. Platz im ersten 500-m-Rennen ins Gesicht geschrieben. "Eine wunderschöne Atmosphäre und sensationelles Publikum" hatten die Hoffnung zusätzlich genährt, die letzten Kräfte am Ende einer langen Saison mobilisieren zu können, um den dritten Platz heimzubringen. Doch mit 39,17 Sekunden war diese am Tag eins dahin.

Weltmeisterin Heather Richardson (USA) setzte eine weitere Marke (37,80 s) und zog am Samstag bereits vor ihrem zweiten Streckensieg (37,77 s) nach Punkten an der Erfurterin vorbei. Zumindest in die Nähe der Podestplätze hätte die Erfurterin laufen müssen. Sie rettete als Zwölfte (39,34 s) wenigstens knapp den vierten Platz und befand trotz der Enttäuschung: "Eine super Saison, trotz Höhen und Tiefen, meine beste."

Sie sagte es und verschwand. Wieder mit einem Lächeln. So wie Patrick Beckert tags zuvor.

Nur rief ihn nicht die Aussicht auf Sonne, sondern die Reha.

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