Erfurter Dopingskandal: Erstes Urteil im Zuge der Operation Aderlass

Erfurt  Im Zuge der Operation Aderlass gab es das erste Urteil gegen eine Sportlerin. Die wichtigsten Antworten zum Stand der Ermittlungen gegen den Erfurter Sportarzt Mark Schmidt.

Mark Schmidt soll das Doping-Netzwerk gesteuert haben.

Mark Schmidt soll das Doping-Netzwerk gesteuert haben.

Foto: Sascha Fromm

Im ersten Strafprozess gegen eine Sportlerin im Zuge der Operation Aderlass ist das Urteil gesprochen. Die österreichische Mountainbikerin Christina Kollmann-Forstner, die 2018 Silber bei der Marathon-WM holte und ein Jahr zuvor Europameisterin geworden war, räumte vor dem Landgericht Ried im Innkreis ein, 2017 und 2018 Blutdoping betrieben zu haben. Zudem habe sie das Wachstumshormon Norditropin erworben, besessen und angewendet. Sie war vom Erfurter Sportarzt Mark Schmidt als Kundin genannt worden, woraufhin das österreichische Bundeskriminalamt in Wien Untersuchungen aufnahm. Ausgangspunkt sämtlicher Ermittlungen war eine Razzia am 27. Februar während der Nordischen Ski-WM in Seefeld sowie in Erfurt.

Das Gericht verurteilte Kollmann-Forstner wegen schweren gewerbsmäßigen Betrugs und Verstoßes gegen das Anti-Doping-Gesetz zu acht Monaten bedingter Haft – die Vollstreckung der Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Ihr als Servicemann im Skilanglauf tätiger Lebensgefährte kommt als Mittäter mit fünf Monaten auf Bewährung davon. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. „Es war der größte Fehler meines Lebens, damit muss ich jetzt zurechtkommen“, wird die 31-Jährige im Internetportal nachrichten.at zitiert. Zuvor war sie für vier Jahre gesperrt worden.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Stand der weiteren Ermittlungen im Zuge der Operation Aderlass:

Welche Vorwürfe stehen bei der Operation Aderlass im Raum?

Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen verbotenen Blutdopings. Dabei geht sie von einem international agierenden Netzwerk aus, das von Erfurt aus operiert haben soll. Die Staatsanwälte werfen dem Sportarzt Dr. Mark Schmidt vor, mindestens 21 Sportler aus acht Nationen gedopt zu haben. Betroffen sind Skilanglauf, Radsport, Marathon, Eisschnelllauf und Biathlon. Auch den alpinen Skisport hat die Affäre erreicht: Im Zuge der Ermittlungen ist der frühere österreichische Super-G-Weltmeister Hannes Reichelt befragt worden. Bei einer Verurteilung drohen Schmidt, der derzeit in Untersuchungshaft in München-Stadelheim sitzt, bis zu zehn Jahren Gefängnis.

Wer sind die Beschuldigten in dem Ermittlungsverfahren?

Nach Angaben der Staatsanwälte handelt es sich neben Mark Schmidt um dessen Vater Ansgard Schmidt. Zudem werden eine Mitarbeiterin eines Rettungsdienstes in Erfurt, ein Rettungssanitäter und eine weitere männliche Person beschuldigt.

Kooperieren die Beschuldigten mit der Justiz?

Die Beschuldigten haben sich teilweise zu den gegen sie erhobenen Vorwürfen eingelassen. Details, welcher der Beschuldigten eine Aussage gemacht hat, nannte die Staatsanwaltschaft nicht. Grundsätzlich stehe es jedem Beschuldigten frei, sich zu äußern, betonte die Münchner Staatsanwaltschaft.

Wer befindet sich derzeit noch in Untersuchungshaft?

Von den ursprünglich fünf Beschuldigten sind noch zwei in Untersuchungshaft. Zu ihnen gehört Mark Schmidt. Bei drei Beschuldigten, darunter der Vater von Mark Schmidt, wurde der Haftbefehl gegen strenge Auflagen außer Vollzug gesetzt. Grund für die andauernde Untersuchungshaft der beiden anderen Beschuldigten ist laut Staatsanwaltschaft die Verdunkelungsgefahr wie etwa das Vernichten von Beweismitteln und oder die Beeinflussung von Zeugen oder Mittätern.

Stehen weitere Mediziner im Visier der Ermittler?

Nach den Aussagen eines beschuldigten österreichischen Sportlers und eines Trainers gab es im August eine Hausdurchsuchung bei einem weiteren deutschen Arzt. Wie die Staatsanwaltschaft Innsbruck mitteilte, durchsuchten Strafverfolger das Haus des Mediziners Ulrich Haegele in der Nähe von Rosenheim und vernahmen ihn. Mit den Dopingvorwürfen in Zusammenhang stehende Substanzen seien nicht gefunden worden.

Wie viele Namen von Sportlern sind bekannt?

Bisher sind die Namen von 15 Sportlern bekannt geworden, die in die Affäre verstrickt sein sollen. Ein Großteil der Athleten zeigte sich geständig, darunter die bereits bekannten Skilangläufer Johannes Dürr, Max Hauke, Dominik Baldauf (alle Österreich), Andreas Veerpalu und Karel Tammjärv (Estland) sowie Alexey Poltoranin (Kasachstan).

Sind auch deutsche Sportler verwickelt?

Ja. Ex-Radprofi Danilo Hondo hat inzwischen zugegeben, im Jahre 2011 bei Mark Schmidt Blutdoping betrieben zu haben. Darüber hinaus wird der frühere Eisschnellläufer Robert Lehmann-Dolle verdächtigt, ebenfalls Kunde der Erfurter Praxis gewesen zu sein.

Gab es schon weitere juristische Konsequenzen ?

Schon vor der Mountainbikerin Kollmann-Forstner war ein 48 Jahre alter Polizist vom Landgericht Innsbruck zu einer Geldstrafe von 4760 Euro verurteilt worden. Er hatte am 27. Februar während der Razzia in einem Hotel in Seefeld gefilmt, wie Skilangläufer Max Hauke beim Blutdoping erwischt wurde, und hatte das Video in einer privaten WhatsApp-Gruppe geteilt. Von dort gelangte es ins Internet. Das Landgericht Innsbruck verur­teilte den Beamten wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses. Dem Langläufer Hauke muss er zudem 500 Euro Schmerzensgeld zahlen.

Sind Sportler gesperrt worden?

Ja. Die österreichischen Radprofis Stefan Denifl und Georg Preidler wurden wegen Eigenblutdopings für vier Jahre gesperrt. Beide waren seit 5. März suspendiert. Denifls Sieg bei der Österreich-Rundfahrt 2017 sowie sein Etappensieg bei der Vuelta 2017 wurden gestrichen. Auch die Skilangläufer Max Hauke und Dominik Baldauf wurden inzwischen für jeweils vier Jahre gesperrt. Ihre Sperren gelten rückwirkend ab 1. März und enden am 28. Februar 2023. Beiden wurden zudem alle ab April 2016 erzielten Resultate gestrichen sowie alle erlangten Titel, Medaillen, Start- und Preisgelder aberkannt.

Was ist mit den in einer Erfurter Garage gefundenen Blutbeuteln?

Die gefundenen 40 Blutbeutel mit codierten Aufschriften seien vollständig ausgewertet worden, so eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München.

Gab es auch in Thüringen Ermittlungen wegen Blutdoping-Verdachts?

Nein. Eine anonyme Anzeige, die bei der Staatsanwaltschaft in Meiningen eingegangen war, wurde nach Angaben eines Behördensprechers an die Staatsanwaltschaft in München weitergeleitet.

Wann werden die Ermittlungen abgeschlossen sein?

Ein genaues Datum konnte die Staatsanwaltschaft in München nicht nennen. Man wolle die Ermittlungen „so schnell wie möglich abschließen“, hieß es. Dennoch sei ein Ende noch nicht absehbar. Staatsanwalt Kai Gräber verwies auf den E-Mail-Verkehr eines verdächtigen Sportlers von mehr als 1200 Seiten, der derzeit ausgewertet werde. Einen Zeitrahmen, bis wann Anklagen vorliegen müssen, sieht das Gesetz nach Angaben der Staatsanwaltschaft nicht vor.

Droht bei manchen Straftaten die Verjährung?

Ja. Die Vergehen reichen laut Staatsanwaltschaft bis mindestens 2012 zurück. Im Falle des Hauptbeschuldigten Dr. Mark Schmidt müsse man den Eintritt der Verjährung für alle Straftaten prüfen, die vor 2014 begangen wurden. Für Ärzte gilt eine Verjährungsfrist von fünf Jahren. Allerdings untersucht die Staatsanwaltschaft, ob diese Frist durch bestimmte juristische Maßnahmen unterbrochen worden ist. Für Sportler sind Vergehen erst mit dem Inkrafttreten des Anti-Doping-Gesetzes am 18. Dezember 2015 strafbar. Blutdoping-Vergehen der Sportler vor diesem Zeitpunkt können nicht verfolgt werden.

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