Fast den Fernseher von der Wand gekickt

Erfurt.  Wie die drei Karate-Schwestern Celine, Josie und Denise Schmitz den Lockdown und die Zeit ohne Training und Wettkämpfe meistern.

Karatebegeisterte Familie: Die zwölfjährige Josie Schmitz (vorn rechts) ist im Nachwuchs-Bundeskader, ihre Zwillingsschwester Celine auf gutem Weg dahin. Die große Schwester Denise (16, Mitte) ist jetzt Trainerin, auch die Eltern Mandy und Mario belegen Kurse im Chikara-Club Erfurt.

Karatebegeisterte Familie: Die zwölfjährige Josie Schmitz (vorn rechts) ist im Nachwuchs-Bundeskader, ihre Zwillingsschwester Celine auf gutem Weg dahin. Die große Schwester Denise (16, Mitte) ist jetzt Trainerin, auch die Eltern Mandy und Mario belegen Kurse im Chikara-Club Erfurt.

Foto: Jakob Maschke

„Ui, das war knapp“, raunt Mandy Schmitz in der Ecke des Kinderzimmers. Gerade hat ihre Tochter Josie, 12, im letzten Jahr deutsche Vizemeisterin in der Karate-Form Kumite (Kampf), beinahe den Fernsehbildschirm von der Wand gekickt. Sie und ihre Zwillingsschwester Celine, die es wie Josie bald in den Nachwuchs-Bundeskader schaffen will, kämpfen virtuell gegen eine Schaumstoffnudel, die ihr Trainer Swen Sattler vom Karate Dojo Chikara-Club Erfurt schwingt. „Stellt euch vor, ihr müsst sie abwehren“, sagt Sattler, der per Videostream auf das kleine Tablet der Schwestern geschaltet ist.

Da muss auch die 16-jährige große Schwester Denise kichern, die selbst eine talentierte Karateka ist, jetzt aber lieber als Kindertrainerin und Betreuerin in Erfurts größtem Karateverein weitermacht. Ein bisschen schauen die kleinen Schwestern noch immer zu ihr auf. Schließlich haben sie wegen ihr mit dem Kampfsport, der nächstes Jahr olympisch werden soll, begonnen. Acht Jahre ist das nun schon her.

So ein blödes Jahr wie dieses haben die Karate-Schwestern noch nicht erlebt. Zum zweiten Mal ist das Training wegen Corona für mehrere Wochen unterbrochen, sind alle Wettkämpfe abgesagt. „Das Onlinetraining ist ganz cool, so kann uns der Trainer wenigstens ein paar Tipps geben“, will sich Celine nicht unterkriegen lassen. „Aber wir vermissen es, beim Training mehr Platz zu haben. Und vor allem, mit den anderen zusammen zu sein“, fügt Josie traurig hinzu.

„Fällt mir schwer, es meinen Töchtern plausibel zu erklären“, sagt die Mama

Den Eltern, die ihre Töchter sonst zu jedem Training fahren und auch bei den meisten Wettkämpfen dabei sind, geht es ähnlich. „Der Chikara-Club ist für uns mehr als ein Verein, mit den anderen Eltern sind echte Freundschaften entstanden“, erzählt Mandy Schmitz, die sonst in der „Mittwochsgruppe“ des Vereins Sport treibt. Ihr Mann Mario, der es sich nicht nehmen lässt, fürs Foto in seine Kutte zu schlüpfen, obwohl er nur den weißen, seine jüngeren Töchter aber den blauen, Denise sogar den braunen Gürtel trägt, muss lachen: „Verdammt, sogar die Schmerzen am Hintern vom Sitzen auf den harten Hockern bei Wettkämpfen vermissen wir jetzt.“

Es ist durchaus Galgenhumor. Wie so viele Eltern verstehen es die beiden nicht, weshalb sie ihre bewegungsbegeisterten Kinder daheim „einsperren“ müssen. „Wir sind keine Corona-Leugner und haben Verständnis für die Beschränkungen“, sagt Denise Schmitz, „aber dafür, dass der Profifußball stattfinden darf, nur weil er ein Milliardengeschäft ist, während unsere Kinder, die darunter psychisch viel mehr leiden, keinen Sport treiben dürfen, habe ich null Verständnis. Deshalb fällt es mir auch schwer, das meinen Töchtern plausibel zu erklären. Ich denke, generell darf man die Gesellschaft nicht so runterfahren.“

Umso glücklicher ist sie, dass ihre Töchter dem Drang, zu kämpfen, nun zumindest per Onlinetraining eingeschränkt nachgehen können. „Auch wenn ich manchmal denke, sie kommen gleich durch die Decke, wenn sie oben trainieren.“ Eros, der Familienhund, mit dem die Mädels jetzt mehr denn je gern in der Natur herumtollen, ist jedes Mal ganz aufgeregt, wenn er im ersten Stock des Hauses der Familie in Frienstedt die Kampfschreie hört.

Diese richten sich zwar gegen den Bildschirm, bei Celine aber auch ein bisschen gegen ein Schiedsrichterurteil. Als Josie 2019 DM-Silber holte, schaffte Celine „nur“ Bronze und verpasste daraufhin vorerst den Bundeskader. „Nur wegen einen falschen Schiedsrichterurteils“, meint sie. Doch dann drückt sie ihre Schwester und sagt: „Sauer bin ich deshalb nicht, Josie kann nichts dafür und ich hab’ sie lieb.“

Umdekorieren und Brettspiele,um die Kinder bei Laune zu halten

Ihre Mutter lächelt bei so viel Eintracht. „Ich weiß, dass es Celine nicht leicht fällt, nicht beim

Bundeskadertraining in Waltershausen dabei sein zu dürfen. Sie ist nicht nur die aggressivere, sondern auch die ehrgeizigere Kämpferin von beiden.“ Da aber auch das Bundeskadertraining vorerst nicht mehr stattfinden darf, ist der innere Konflikt bei der um zwei Minuten älteren Schwester erst einmal beseitigt.

Dennoch sind alle im Hause Schmitz ob der momentanen Ausnahmesituation angespannt. Vater Mario, der in der Veranstaltungsbranche tätig ist, hat seit Beginn der Pandemie keine Aufträge. Ihm ist der Frust darüber anzumerken, wenn er über Corona spricht. Auch Mutter Mandy, die bei Ikea im Restaurant arbeitet und, da dieses geschlossen hat, in anderen Abteilungen aushilft, fürchtet um ihren Job. Und die Töchter leben im Spannungsfeld zwischen Schule beziehungsweise Berufsschule (Denise), die bei allen schon ausgefallen ist, was für viel Stress sorgte, sowie der Frage, welche Freunde man noch treffen darf und welche nicht. „Die Mädels sind schon gereizter als sonst und fahren sich bei Kleinigkeiten hoch“, berichtet die Mutter.

Bei der Herausforderung, ihre Kinder zu beschäftigen, werden die Eltern erfinderisch. Hier und da haben sie schon umdekoriert, die Mädels durften mit Rat und Tat zur Seite stehen. Auch Brettspiele sind nun eine gerngesehene Abwechslung.

Froh sind die Eltern trotzdem, wenn Swen Sattler zum Onlinetraining ruft. Auch wenn sie befürchten müssen, dass es irgendwann klirrt.