Fitness-Studios überflügeln Fußball-Bund in Mitgliederstatistik

Erfurt. Immer mehr Menschen stärken ihre Muskeln an Geräten: Die Fitnessbewegung hat den Deutschen Fußball-Bund in der Mitgliederstatistik überflügelt, wie eine aktuelle Studie herausfand.

Weiterhin im Form: Die Erfurterin Claudia Mühlhaus (42) war in den 1990er-Jahren Weltmeisterin im Bodybuilding und dreimal "Miss Universum". Foto: Alexander Volkmann

Weiterhin im Form: Die Erfurterin Claudia Mühlhaus (42) war in den 1990er-Jahren Weltmeisterin im Bodybuilding und dreimal "Miss Universum". Foto: Alexander Volkmann

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Sie schwitzen auf dem Laufband, formen den Bizeps mit Hanteln oder stählen die Oberschenkelmuskulatur an der Beinpresse. Mehr als 7,6 Millionen Deutsche und schätzungsweise 144.000 Thüringer waren 2011 Mitglied in einem Fitnessstudio - Tendenz steigend. Damit hat die Fitnessbewegung den Deutschen Fußball-Bund in der Mitgliederstatistik überflügelt, wie eine aktuelle Studie herausfand.

Branchenriesen wir McFit, Kieser oder Injoy eröffnen bundesweit neue Filialen. Knapp neun Prozent aller Deutschen sind in einem der mehr als 6100 Studios angemeldet, Thüringen befindet sich - wie die anderen Ost-Flächenländer - mit 6,5 Prozent Marktanteil am unteren Ende der Skala.

Kenner sprechen dennoch von einer Renaissance der Leibesübungen. "Fitnessstudios sind zu Kommunikationsstätten gesundheitsbewusster Menschen geworden", sagtt Claudia Mühlhaus, die in Erfurt ein Studio betreibt. Grund für das gestiegene Interesse ist neben steigendem Gesundheits- und Körperbewusstsein die ständige Präsenz idealer Körper in Kino, Fernsehen oder Werbung.

Wenn man das Fitnessstudio von Mühlhaus betritt, treffen Blicke der Besucher zwangsläufig auf einen solchen Körper. Es ist jener der 42-jährigen Erfurterin, die in den 1990ern im Bodybuilding jede denkbare Trophäe geholt hat. Sie war Europa- und Weltmeisterin, zweimal Miss World und dreimal Miss Universum.

Auf Regalen aufgereihte Pokale und Medaillen säumen eine Wand im Eingangsbereich, daneben Bilder ihrer großen Triumphe. Darauf zu sehen ist eine braungefärbte junge Frau mit kurzen schwarzen Haaren, einem hübschen Gesicht und einem bis in die kleinste Faser durchtrainierten und muskelbepackten Körper. Ein Ideal?

Mühlhaus hat ihr erstes Studio 1995 übernommen, 1998 zog sie zum jetzigen Standort, 1700 Quadratmeter mit Terrasse. Sie hat den Wandel der Szene hautnah miterlebt. "Damals galten Fitnessstudios als reine Muckibuden, sind sie nun längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen", betont Mühlhaus.

Plagten sich früher vor allem männliche Kraftprotze an den Geräten, kann man dort heute einen bunten Querschnitt der Gesellschaft beim Schwitzen beobachten: Männer wie Frauen, junge wie alte Menschen, den Geschäftsmann wie den Lagerarbeiter. Das bestätigt auch Melanie Blum, die stellvertretene Leiterin der Erfurter McFit-Filiale. "Den Durchschnittsbesucher gibt es nicht. Zwischen 16 bis 66 Jahren sind alle Alters- und Berufsgruppen vertreten."

Der Marktführer, für den unter anderem die Klitschko-Brüder die Werbetrommel rührten, führt in Thüringen mit Erfurt und Gera zwei Studios. Für ein drittes in Jena wird nach einem passenden Standort gesucht.

Der Aufbau ist überall ähnlich: ein Bereich für Geräte, einer für Freihanteln, einer für Ausdauertraining. Die richtige Benutzung wird an den Geräten durch eine bebilderte Anweisung und über TV-Bildschirme gezeigt, bei Bedarf führen die Trainer die korrekte Haltung vor. Knapp 20 Euro im Monat kostet der Beitrag - der Schwerpunkt liegt auf Ausdauer- und Krafttraining.

Matthias Riedel von der Krankenkasse AOK sagt: "Einseitiges, intensives Krafttraining ist allerdings nicht zu empfehlen." Für den Experten sind Entspannungskurse wie Yoga, Sauna, Massage oder Physiotherapie eine der Säulen des Gesundheitstrainings - als unverzichtbare Ergänzung zu Kreislauf- und Kraftübungen. Riedel stellt klar: "Ein gutes Fitnessstudio sollte sich durch ein vielseitiges Angebot auszeichnen." Die Großketten stehen dagegen für den Zeitgeist einer Discount-Gesellschaft, die alles immer billiger haben möchte.

Claudia Mühlhaus erkennt die Verdienste der Branchenriesen an. Sie hatte anfangs erhebliche Mitgliederrückgänge, war zu harten Einschnitten gezwungen, senkte die Preise, ändert das Konzept und betreibt seitdem einen "Discounter mit Niveau", wie sie selbst sagt. Sauna, Fitnesskurse und Solarium gehören zu dem Angebot dazu, auch auf einen Physiotherapeuten will die Erfurterin nicht verzichten.

So wie manch andere nicht ohne Medikamente oder andere leistungssteigernde Substanzen können - in der Fitnessszene immer wieder ein Problem. Bei McFit musste ein Sportler aus diesen Gründen vor einigen Jahren sein Probetraining abbrechen, sein Antrag auf Mitgliedschaft wurde abgelehnt. "Wer beim Konsum oder dem Verkauf erwischt wird, fliegt raus", verweist Melanie Blum auf die allgemeinen Vertragsbedingungen. Aber wie hoch die Dunkelziffer wirklich ist, weiß niemand so recht.

Dabei liegt auf der Hand, dass Sport nur sauber wirklich gesund sein kann. "Zwei- bis dreimal die Woche 60 bis 90 Minuten Training ist für das allgemeine Wohlbefinden völlig ausreichend", sagt AOK-Experte Riedel. Die Motive der Fitnessjünger gehen aber weit auseinander. Manche wollen gesund bleiben, manche wollen abnehmen, andere wollen einfach nur gut aussehen. Nur mit Fußball ist das wohl nicht zu schaffen.

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