Halbzeit: Als es keine „strahlenden Sieger“ geben durfte

Axel Lukacsek über die Friedensfahrt vor 34 Jahren, die trotz der Katastrophe von Tschernobyl über die Straßen rollte.

Axel Lukacsek

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Foto: Peter Michaelis

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Alexander Lukaschenko ist ein Pfundskerl. Sein durchdringender Blick durchschaut offenbar nicht nur politische Gegner. Nein, ganz offenbar spürt er sogar als einziger Mensch gefährliche Viren auf – mit bloßem Auge. Jedenfalls, wenn es welche zu sehen gäbe. Der Präsident von Weißrussland spielte am Wochenende mal wieder Eishockey und bemerkte mit dem Schläger in der Hand, dass er keinerlei Viren bemerkt habe.

Kein Wunder also, dass in dem Land, das als letzte Diktatur Europas gilt, selbst der Fußball völlig ungestört rollt. Ganz so, als würde es die weltweite Corona-Epidemie um die hochansteckende Krankheit mit inzwischen mehr als einer Viertelmillion Infizierten und fast 38.000 Toten gar nicht geben. Lukaschenko biegt sich seine eigene Wahrheit einfach so zurecht, wie sie ihm passt. „Das ist ein Kühlschrank. Sport, besonders Eissport, ist die beste Antiviren-Medizin“, verkündete er stolz sein nicht vorhandenes Wissen.

Wenn man nichts sieht, nichts hört oder riecht, dann ist es ein Leichtes, die Gefahr einfach zu ignorieren. Das war schon vor fast 34 Jahren so, als sich die Internationale Friedensfahrt der Radsport-Amateure einfach weiterdrehen musste. Auf Geheiß von ganz oben. Als am 6. Mai 1986 in Kiew die längst zur Legende gewordene Rundfahrt gestartet wurde, war der bis dahin größte Unfall in einem Atomkraftwerk erst zehn Tage her.

So wuchtig die Explosion von Reaktor Nummer vier des Kernkraftwerkes von Tschernobyl auch gewesen sein mag, so spärlich flossen die Informationen der Sowjetunion. Als die radioaktive Wolke über Skandinavien waberte und dort Alarm auslöste, war das Ausmaß der Katastrophe nicht mehr zu leugnen – und erfasste schließlich auch die Friedensfahrt.

Neun Mannschaften zogen zurück, sogar Rumänien und Jugoslawien verzichteten auf eine Teilnahme lediglich 130 Kilometer vom völlig zerstörten Kernkraftwerk entfernt. So kam es, dass nur 64 Fahrer – unter gespenstischer Kulisse – an den Start gingen und Uwe Ampler als Sieger des Einzelzeitfahrens groß gefeiert wurde.

Als die Friedensfahrer sahen, wie Tankwagen die Straßen mit Wasser abspritzten, Kinder aufgefordert wurden, nicht im Freien zu spielen und Menschen mit Geigerzählern durch die Stadt marschierten, wurde ihnen klar, dass es alles andere als ein ganz normales Radrennen werden würde. Die DDR-Stars um Olaf Ludwig jedoch konnten sich dem Start beim großen Bruder, der Sowjetunion, nicht einfach so entziehen. „Ich hatte die Möglichkeit zu sagen: ‚Ich fahre nicht nach Kiew!’ Dann wäre meine sportliche Laufbahn beendet gewesen. Oder: Ich fahre hin und mache das Beste daraus“, erzählte der Geraer später einmal der Zeitung „Die Welt“.

Vom Westfernsehen abgeschottet, erhielten sie in der Sportschule in Kienbaum kurz vor dem Abflug in die Ukraine ohnehin nur wenige Informationen. Die DDR-Medien schrieben lediglich von einer Havarie. Trotzdem wollte man in Zeiten des Kalten Krieges wohl keinen falschen Zungenschlag riskieren. So ist die kuriose Anekdote überliefert, dass den DDR-Journalisten angewiesen wurde, auf gar keinen Fall von einem „strahlenden Sieger“ zu berichten.

Aber auch heutzutage tun sich Veranstalter von großen Sportveranstaltungen sehr schwer, mögliche gesundheitliche Gefahren anzuerkennen und wenn nötig sogar die Notbremse zu ziehen. Am 11. März 2011 ereignete sich im japanischen Fukushima eine ähnliche Katastrophe wie einst in Tschernobyl. Aber die Internationale Triathlon-Union sah sich nicht gemüßigt, die acht Wochen später geplanten WM-Rennen von Yokohama zu verlegen. Erst als Olympiasieger Jan Frodeno und weitere Stars der Szene Kritik übten und verzichteten, sah sich der träge Weltverband zu einer Verschiebung um ein halbes Jahr gezwungen.

Und die DDR-Friedensfahrer von 1986? Sie hatten die Wahl, zu starten oder den Radsport an den Nagel zu hängen. Und sie hatten Glück. Wie Wissenschaftler später nämlich feststellten, war die radioaktive Wolke in den Tagen nach dem Unfall von Tschernobyl in alle möglichen Richtungen geschwebt. Nur nicht nach Kiew.

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