Eisenach gegen Gummersbach – Erinnerungen an die Zukunft

Eisenach  In der neuen Saison trifft der ThSV Eisenach wieder auf den VfL Gummersbach, mit dem ihn nicht nur Sead Hasanefendic verbindet.

Trainer Sead Hasanefendic, Trainer des ThSV Eisenach, feierte beim VfL Gummersbach seine größten Erfolge als Spieler.

Foto: Sascha Fromm

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Zu jener Stunde, die die vorerst letzte des VfL Gummersbach in der Handball-Bundesliga werden sollte, war Sead Hasanefendic unterwegs. Er hatte die Reise in den Urlaub nach Kroatien absichtlich so gelegt. Vom bitteren Abstiegskampf des Traditionsvereins, dem er in anderthalb Jahrzehnten dreimal als Trainer diente, wollte er lieber nichts sehen.

Das Herz blutet ihm auch so, mehr als 1000 Kilometer entfernt an der Adria, wo er gerade ein paar ruhige Ferientage mit der Familie am Meer verbringt. Die Töchter sind gekommen, die eine aus Mexiko, die andere aus Genf. Er schaut den Fischern am Strand zu – und muss an Handball denken. Natürlich sitzt er längst mit Erfolg auf der Trainerbank in Eisenach. Doch der VfL, das ist ein Teil seines Ichs. Und wird es auf ewig bleiben.

In Gummersbach hat er (noch) seinen Lebensmittelpunkt, im Bergischen Land feierte er seine größten Erfolge. In nur drei Jahren, von 2009 bis 2011, gewann er zweimal den Europacup der Pokalsieger, dazu den EHF-Cup.

Gummersbach, einst der beste Handballklub der Welt

Und nun das. Seit Pfingstsonntag ist der große VfL nur noch zweitklassig. Das Undenkbare, vergleichbar mit dem Eisenacher Vorjahressturz in Liga drei, ist eingetreten. Tradition allein taugt weder hier noch dort als Rettungsring,

„Ein Verein wie Gummersbach darf sich solch einen Abstieg nicht erlauben“, sagt Hasanefendic und schüttelt erregt den Kopf. Der VfL, das war einmal der beste Handballklub der Welt. Zwölffacher deutscher Meister, fünffacher Pokalsieger, elfmaliger Europacupgewinner. Bis heute ist nur der FC Barcelona erfolgreicher.

Gummersbach, selbst ernannte Heimat des Handballs, ist nun der Hamburger SV dieses Sports. Seit 53 Jahren in der Bundesliga. Immer im Himmel, bis der Absturz begann. Mit Legenden wie Heiner Brand und Joachim Deckarm, die, vergleichbar mit Uwe Seeler, nie bei einem anderen Verein gespielt haben. „Alles in Gummersbach, jeder Mensch, jeder Stein, atmet Handball“, sagt Hasanefendic, „ein solcher Verein hat seinen Platz nicht in Liga zwei.“

Drei Jahrzehnte eine ereignisreiche Rivalität

Natürlich erinnert er sich an den großen Sieg über Eisenach am 14. September 2002 in der Kölnarena. Das 33:23 vor mehr als 10.000 Zuschauern gegen die damals von Peter Rost trainierten Thüringer war der erste Sieg der Gummersbacher in der großen Arena. Im VfL-Trikot spielte neben Weltstar Kyung-Shin Yoon der heutige ARD-Sportmoderator Alexander Bommes. Bester Werfer des Spiels aber war ThSV-Kreisläufer Stephan Just, von dem Hasanefendic noch heute mit Respekt spricht.

Gummersbach und Eisenach – das war über nahezu drei Jahrzehnte eine ereignisreiche Rivalität. Im Dezember 1991, in der ersten gesamtdeutschen Handballsaison, holte der von Achim Ursinus trainierte Thüringer Neuling beim 18:18 seinen ersten Bundesliga-Auswärtspunkt ausgerechnet beim damaligen Vizemeister. „Das war zusammen mit dem Eröffnungsspiel gegen Milbertshofen das Highlight ei­ner sonst wirtschaftlich und personell desaströsen Situation im ersten Bundesligajahr“, blickt Ursinus zurück.

Sein Mitleid mit Gummersbach freilich hält sich „in Grenzen“. Zu lange habe der Deutsche Handball-Bund dem Verein in den letzten Jahren „immer wieder Hintertürchen geöffnet, sei es durch veränderte Abstiegsregularien oder großzügige Lizenzerteilungen“. Viermal stand Gummersbach zwischen 1996 und 2011 vor der Insolvenz, die letzte mit einer Lücke von zwei Millionen Euro wurde zum Tanz auf dem Seil, mit dem in allerletzter Sekunde das drohende Ende abgewendet werden konnte.

Trainerangebot aus Gummersbach abgelehnt

Auch Rainer Osmann, Eisenachs Erfolgscoach der 90er-Jahre, feierte gleich nach dem Bundesligaufstieg 1997 einen Tri­umph beim Altmeister. Im Aufgebot des ThSV beim 30:29-Auswärtssieg stand Jörn Schläger, den Osmann zwei Jahre zuvor geholt hatte – aus Gummersbach.

Auch Osmann sieht den jetzigen Gummersbacher Niedergang kritisch und verweist auf den horrenden Trainerverschleiß des VfL. Er selbst hatte nach seiner Entlassung in Eisenach ein Angebot aus Gummersbach erhalten, dies aber abgelehnt. „Damals war ich gerade ein halbes Jahr als Nationaltrainer bei den Österreichern unter Vertrag. Die konnte ich nicht einfach so sitzen lassen“, erzählt Osmann. Er sagt es ohne Wehmut: „Während meiner sieben Jahre in Österreich hat Gummersbach gefühlt fünf Trainer entlassen. Ich wäre mit Sicherheit einer von ihnen gewesen.“

Nun sehen sich die alten Rivalen ab Herbst früher als gedacht auf der Handballplatte wieder. Nach all den Jahren eine Ebene tiefer in Liga zwei, aber immerhin auf Augenhöhe. Für Hasanefendic taugen beide Seiten als lehrreiches Muster. Die einen, Gummersbach, als Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte. Die anderen, Eisenach, als Beispiel, wie es funktionieren kann. Als der 70-Jährige im vergangenen Sommer den Job an der Wartburg übernahm, gab es auch in Gummersbach nicht wenige, die ihn ungläubig angeschaut haben. Dritte Liga? Warum tust du dir das an?

Vorfreude auf das Wiedersehen

Geld allein wirft keine Tore, hat er ihnen gesagt. Entscheidend sei es, Freude zu haben. Mit Leidenschaft und den richtigen Leuten zur richtigen Zeit am richtigen Platz zu arbeiten. Und da, so Hasanefendic, laufe in Eisenach mittlerweile vieles richtig: das Präsidium, die Sponsoren, die Spieler, die Fans.

Die Vorfreude auf das Wiedersehen mit seinem alten Verein lässt er sich natürlich nicht nehmen. Am 7. Juli startet er mit den Eisenachern in die Vorbereitung auf die neue Saison. Eine Saison, die zwei besondere Spiele für ihn bereithalten wird. „Das ist schon eine spezielle Verbindung“, sagt Hasanefendic. Dort Gummersbach, der Verein, der ihm so viel gegeben hat. Und hier Eisenach, der Verein, dem er nun seit einem Jahr alles gibt.

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