ThSV Eisenach-Kapitän Marcel Schliedermann vor seinem Abschied im großen Interview

Eisenach  Interview der Woche Marcel Schliedermann (ThSV Eisenach) über Vergangenes, Heutiges und Zukünftiges

Durchsetzungsstark Richtung Tor – eines der Markenzeichen von Marcel Schliedermann.

Foto: Mike El Antaki

„Ich bin als Kapitän mit dem ThSV Eisenach in die 3. Liga abgestiegen. Ich wollte den ThSV Eisenach als Kapitän zurück in die 2. Handballbundesliga führen. Alle haben mitgewirkt, ihren Beitrag geleistet“, betonte Eisenachs „emotionaler Anführer“ am Samstagabend nach dem 29:26-Erfolg bei der HSG Konstanz. In der nächsten Saison trägt er jedoch das Trikot des TV Emsdetten, trifft dann mit seinem neuen auf seinen alten Verein. Wir sprachen mit Marcel Schliedermann (28) über Vergangenes, Heutiges und Zukünftiges:

Während Ihres fünfjährigen Engagements beim ThSV feierten Sie zwei völlig unterschiedliche Aufstiege: 2015 in die DKB Handballbundesliga und jüngst den von der 3. Liga in die 2. Handballbundesliga. Wie stufen Sie diese ein?

Auch wenn der Aufstieg 2015 die Erfüllung einer Zielvorgabe war, als junger Spieler in die 1. Handballbundesliga aufzusteigen, das war für mich ein ganz besonderer Moment. Der gerade vollzogene Aufstieg von der 3. in die 2. Handballbundesliga ist für den Verein ThSV Eisenach wohl noch etwas Bedeutenderes, nach den vielen Veränderungen auf allen Ebenen vor der Drittliga-Saison. Das war eine Herzensangelegenheit! Man fühlte sich nicht drittklassig. Wir haben im Sommer des Vorjahres viel gegrübelt, viel nachgedacht, viel gesprochen. Jeder hatte damit zu tun, mit sich selbst klar zu kommen. Die Drittliga-Saison war psychisch belastender als jene von 2014/2015. Damals war ich Mitspieler, nun Kapitän. Eine ganz besondere Rolle.

Der Abstieg in die 3. Liga war der Tiefpunkt der jahrzehntelangen Handballgeschichte Eisenachs, aber wohl auch Ihrer?

Nach 10 Jahren Profi-Handballer war das der sportliche Tiefpunkt. Sehr, sehr schmerzlich. Nach meinem Autounfall, fit zurückgekehrt, und nahezu gleichzeitigem Comeback von Daniel Luther nach einer Verletzung, dachten wir, den Ligaerhalt zu packen. Umso trauriger und enttäuschter waren wir alle.

Mit neuen Führungskräften auf allen Ebenen und mit Demut ging es in Eisenachs erste Drittligasaison. Wie skizzieren Sie den Wiederaufstieg?

Wir haben gleich zum Saisonstart gepunktet. Das war enorm wichtig. Wir punkteten weiter. Das Heimspiel gegen den wohl härtesten Rivalen SG Nußloch vor über 2.000 Zuschauern konnten wir siegreich gestalten. Von Spiel zu Spiel kehrte die Freude am gemeinsamen Handballspielen zurück. Gewinnen macht eben Spaß! Schon bald war die verkorkste Vorsaison nahezu vergessen. Mit Freude sammelten wir weiter fleißig Pluszähler; ob Jung oder Alt, ob angeschlagen oder nicht angeschlagen. Ich bin stolz, dass wir es gepackt haben!

Was sprach in beiden Aufstiegs-Begegnungen für Ihre Mannschaft?

Das waren zwei Mega-Spiele! Das Heimspiel war Gänsehaut pur. Eine ganze Region fieberte mit. Diese Hoffnung auf den Wiederaufstieg war in der Stadt überall zu spüren. Wir spürten zugleich das Vertrauen in unsere Mannschaft. Für diesen Erfolg haben wir die ganze Saison hart trainiert, Vollgas gegeben. Wir waren körperlich und mental in guter Verfassung. Wir hatten 100 % Siegeswille.

Welchen Anteil hat Trainer Sead Hasanefendic an diesem Erfolg?

Auch wenn ich mich wiederhole, er war für den Verein und uns als Spieler ein absoluter Glücksfall. Er erfahrner Mann, ein toller Mensch! Seine Erfahrung, seine Ruhe seine Ratschläge, ein unschätzbarer Wert. Er sieht viele Kleinigkeiten, die Spiele so oft entscheiden. Videoanalysen dauerten deshalb oftmals länger. Sead hat uns die ganze Saison gepuscht, uns verloren gegangenes Vertrauen zurückgegeben, uns zu alter Stärke geführt.

Sieht sich der im besten Handballalter befindliche Marcel Schliedermann aktuell in der Form seines Lebens?

Ich fühle mich so fit wie noch nie. Der Unfall hat mich zum Umdenken bewegt. Zunächst hieß es ja, ich könnte keinen Leistungssport mehr betreiben. Mit den Ärzten und unseren Physiotherapeuten habe ich mich zusammen gesetzt, ein ganz spezielles Programm erarbeitet, das wir gemeinsam durchgezogen haben. Es hat geklappt. Ich habe die gerade beendete Saison ohne Verletzungen durchgespielt, stand fast stets nahezu 60 Minuten auf dem Parkett. Ich bin in einer sehr guten Verfassung.

Sie sprachen ihn gerade an, den schweren Autounfall auf der Autobahn. Hätten Sie sich damals diese körperliche Fitness für Leistungshandball vorstellen können?

Ich dachte zu jenem Zeitpunkt nicht, dass dies wieder möglich sein könnte. Der Unfall gehört zum Leben von meiner Freundin Johanna und mir. Wir gehen beide sehr offen damit um, haben ihn fast verarbeitet. Wir beide stehen wieder mit beiden Beinen im Leben. Jeder hat seine Ziele erreicht. So soll es möglichst auch in den nächsten Jahren weitergehen.

Was fasziniert Sie am Handballsport?

Meine Eltern waren beide Handballer. Doch ich versuchte es zunächst mit dem Fußball. In meinem Heimatort wurde der Schleckercup ausgetragen. Mit Stars direkt zum Anfassen, vom THW Kiel und dem HSV. Diese Bodenständigkeit der Stars, im Gegensatz zum Fußball, faszinierte mich als Zuschauer. Der Zusammenhalt zwischen Mannschaft und Fans, das harte aber dennoch zumeist faire Spiel auf dem Parkett, körperlich und mental. Hinterher trifft man sich mit dem „Gegner“, tauscht sich aus, leert gemeinsam ein erfrischendes Getränk. Das liebe ich an diesem Sport.

Wie würden Sie Ihre ganz Spielweise beschreiben?

Sehr körperbetont. Die 1:1-Situationen sind meine Stärke. Ich spiele sehr gern Abwehr. Wenn ich vorn einstecken muss, will ich hinten auch austeilen. Mit den Jahren wurde meine Spielweise geduldiger. Mein Ziel, meine Nebenleute gut einzusetzen.

An welche Mitspieler erinnern Sie sich aus ihrer bisherigen Handballzeit am liebsten?

Da wären einige zu nennen, aus meiner Zeit beim HSV Hamburg, beim VfL Bad Schwartau und natürlich auch beim ThSV Eisenach. Ich versuche einige herauszupicken, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Beim HSV Hamburg waren es Torsten Jansen, „Matti“ Flohr, Pascal „Pommes“ Hens. Beim VfL Bad Schwartau ist unbedingt Jan Schult zu erwähnen. Aus meiner Eisenacher Zeit Tomas Sklenak und „Benne“ Trautvetter. Eigentlich die ganze Aufstiegsmannschaft des Jahres 2015. Wir stehen alle noch in Kontakt, haben eine eigene WhatsApp-Gruppe. Zu unseren jüngsten Relegationsspielen waren ja viele bekannte Gesichter da....

Sie verlassen Sie den ThSV Eisenach mit einem lachenden und einem weinenden Auge?

Ja. Ich durfte fünf tolle Jahre erleben. Es hat mir super gefallen. Ich wurde sehr gut aufgenommen, von allen Seiten unterstützt. Ich bin sehr dankbar für diese Zeit.

Gab das finanzielle Angebot den Ausschlag für den Wechsel zum TV Emsdetten?

Johanna und ich haben uns lange und intensive Gedanken gemacht, ehe es zu dieser Entscheidung kam. Es bietet sich die Möglichkeit, was Neues auszuprobieren, in eine andere Region zu gehen, neue Leute kennenzulernen. Der TV Emsdetten ist wie der ThSV Eisenach ein Traditionsverein. Es war also nicht nur der finanzielle Aspekt ausschlaggebend.

Werden Sie nicht die blau-weiße Fangemeinde vermissen?

Ja, ich werde die blau-weiße Eisenacher Fangemeinde vermissen, die uns zuhause und auswärts so genial unterstützte. Ihr gilt der riesengroße Dank unserer gesamten Mannschaft. Diese Unterstützung von den Rängen bedeutete in knappen Spielen die entscheidenden Prozente. Ich werde den außerordentlichen Zuspruch in der Stadt vermissen, der stets spürbar war. Wie es in Emsdetten ist, werde ich in Kürze kennenlernen.

Was trauen Sie dem ThSV in der neuen Saison zu?

Ich traue dem ThSV Eisenach zu, die 2. Liga zu halten. Es werden neue Gesichter kommen, das Team muss sich mit ihnen erst wieder finden. Ich wünsche allen viel Glück, sie mögen verletzungsfrei bleiben. Ich hoffe, wenn ich mit Emsdetten in Eisenach spiele, ich werde hernach zu einem Bierchen in die Eisenacher Kabine eingeladen.

Nächste Saison müssen Sie in die Gästekabine der Werner-Aßmann-Halle; schon jetzt ein mulmiges Gefühl?

Ich werde Eisenach ja nicht zu 100 Prozent verlassen. Johannas Familie lebt hier. Wir werden oft nach Eisenach kommen, sie und Freunde besuchen. Ich werde Eisenach stets verbunden bleiben. Ein mulmiges Gefühl bei einer Rückkehr in die Werner-Aßmann-Halle? Nein! Ich freue mich schon heute auf dieses Wiedersehen.

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