Heiner Brand in Arnstadt: „Ich denke, jetzt bleibt der Bart für immer dran“

Arnstadt  Handball-Weltmeister Heiner Brand plauderte am Freitagabend in Arnstadt. Die prominente Podiumsrunde des SV 09 Arnstadt erlebte ihre Premiere – und wird fortgesetzt.

Wenn wir schon in einer alten Brauerei sind, Prost! Handball-Legende Heiner Brand (re.) stößt mit Moderator Lars Sänger auf einen langen Abend mit Anekdoten und Erinnerungen an. Der SV 09 Arnstadt hatte Heiner Brand am Freitagabend zu einer Podiumsrunde in die Stadthalle Arnstadt eingeladen.

Wenn wir schon in einer alten Brauerei sind, Prost! Handball-Legende Heiner Brand (re.) stößt mit Moderator Lars Sänger auf einen langen Abend mit Anekdoten und Erinnerungen an. Der SV 09 Arnstadt hatte Heiner Brand am Freitagabend zu einer Podiumsrunde in die Stadthalle Arnstadt eingeladen.

Foto: René Röder

Einer der größten deutschen Handballer aller Zeiten, Heiner Brand, der sowohl als Spieler wie auch Trainer Weltmeister wurde, gastierte am Freitag in Arnstadt in der Stadthalle an der Brauerei.

Er kam auf Einladung der Fußballer des SV 09 Arnstadt zu einer Podiumsrunde unter dem Motto „Ein Abend mit dem Weltmeister“. Vereins-Präsident Lars Fabig präsentierte die nicht nur als Premiere, sondern zugleich als Start einer jährlichen Veranstaltungsreihe. Moderiert wurde die anderthalbstündige Veranstaltung von MDR-Moderator Lars Sänger.

Der 67-jährige Heiner Brand, in Gummersbach geboren, spielte von der Jugend bis zu seinem Karriere-Ende 1987 nur für den VfL Gummersbach, den er dann auch von 1987 bis 1991 und von 1994 bis 1996 trainierte, bevor er ein Jahr später Bundestrainer wurde und es 14 Jahre bis 2011 blieb. In Arnstadt beantwortete Brand Fragen vor, während und nach der Veranstaltung. Jeder der knapp 200 Besucher konnte zudem auf Bierdeckeln seine ganz spezielle Frage stellen, eine ganze Reihe beantwortete Brand geduldig und in seiner unnachahmlichen Art. Er gab Einblicke in den Alltag eines Trainers und zahlreiche Anekdoten um Stefan Kretzschmar, den VfL Gummersbach, den WM-Titel 2007 oder seinen Schiedsrichter-Disput 2009 humorvoll zum Besten. Hier eine kleine Auswahl:

Markenzeichen Schnauzbart

Der Schnäuzer ist schon sehr lange dran. Ich bin mir sicher, dass ich mir den durch die Erfolge des Schwimmers Mark Spitz bei Olympia 1972 zugelegt habe. Das war ja damals Mode. Bei mir ist er dann stehengeblieben. Das soll auch so bleiben, obwohl er auch ein paar Mal abrasiert werden musste.

Bart ab!

Einmal nach einem Deutschen Meistertitel 1982 wurde der Bart in einem Bierzelt für ein paar tausend Mark versteigert, das war noch witzig. Bei einem B-Länderspiel in der Tschechoslowakei hatte ich im Pass ein Passbild ohne Bart, da wurde ich mit zwei anderen Spielern aus dem Zug geholt, wir sollten zurück, mussten die Bärte abrasieren. Pure Schikane! Nach dem EM-Titel 2004 war es freiwillig. Ich hatte das meinen Spielern versprochen. Da durfte jeder mal dran schnippeln. Die Wochen danach waren nicht mehr lustig. Viele Leute sprachen mich an, meinten, wie siehst Du denn ohne Bart aus? Das hörte nicht auf. Jeder sprach mich an. Meine Laune wurde immer mieser. Und als in einem Fahrstuhl wieder jemand kam („Wie sehen sie denn aus?“), erlaubte mir meine Frau, den Bart wieder wachsen zu lassen. Ich denke, jetzt bleibt er für immer dran.

Thüringen, Erfurt und Arnstadt

Ich bin schon einige Male hier gewesen. Überwiegend zu Golfturnieren, in Eisenach war ich natürlich und noch als Bundestrainer zu einem Trainerlehrgang in Erfurt, eine sehr schöne Stadt, in der sehr viel Sehenswertes erhalten geblieben ist. In Arnstadt war ich bisher nicht gewesen, das muss ich noch nachholen. Ich bin als Sportler und Trainer an vielen Orten gewesen, habe da nie so viel wahrnehmen können. Das versuche ich jetzt nachzuholen, mir mehr Zeit zu nehmen. Arnstadt werde ich mir auf jeden Fall noch anschauen.

Lebende Legende

Ich bin im Grunde geblieben, wie ich immer war. Ich kann damit sehr gut umgehen. Ich stehe zwar in der Öffentlichkeit, profitiere aber auch davon und gebe auch viel zurück.

Handy-Verbot

Früher war das einfach. Da konnte man als Trainer an der Rezeption im Hotel sagen, dass kein Gespräch durchgestellt werden darf. Heute ist das schwieriger. Das muss man akzeptieren. Da haben manche gleich mehrere Handys und ein Journalist kann direkt durchtelefonieren. Das sind Dinge, die man nicht verhindern kann. Da ist Selbstdisziplin gefragt, das Smartphone auch auszuschalten, wenn zum Beispiel Mittagsruhe gehalten werden soll. Und in der Kabine ist das überall grundsätzlich verboten.

Sport und Rauchen

Ich war nicht der Trainer, der hinter jeder Ecke gestanden und aufgepasst hat, auch wenn Stefan Kretzschmar das vielleicht anders sieht. Ich habe viele Spieler rauchen gesehen, habe das nie verboten, aber an ihre Vorbildwirkung appelliert, das möglichst nicht öffentlich zu tun.

Über Stefan Kretzschmar

Als Vereinstrainer war er eine meiner größten Herausforderungen. Wir haben harte Zeiten miteinander erlebt. Damit könnte ich einen ganzen Abend – und nur damit – füllen. Einmal tanzte er zu Gummersbacher Zeiten mit Stefan Steinke aus der Reihe, die machten immer alles gemeinsam, aber auch viel Mist. Irgendwann reichte es mir und ich sagte: Entweder ihr trainiert genauso vernünftig wie die anderen, oder ihr könnt allein trainieren. Nach einem Freundschaftsspiel kamen sie im Bus zu mir und fragten: Trainer, können wir dich mal sprechen? Ja gern, sagte ich. Wir haben uns überlegt, wir wollen doch lieber alleine trainieren! Das war so unvorstellbar für mich. Ich konnte gar nichts darauf sagen.

Über Jo Deckarm

Ich habe mit dem Unfall meines Mitspielers Jo Deckarm vor 40 Jahren erlebt, wie sich ein Leben von der einen auf die andere Sekunde ändern kann. Es hat mir gezeigt, in welch privilegierter Situation ich bin. Mir ist es eine Herzensangelegenheit, ihm ein Freund zu sein und ihm zu helfen. Das erfordert Zeit, auch finanziellen Aufwand, weswegen unter dem Dach der Stiftung Deutsche Sporthilfe der Joachim-Deckarm-Fonds gegründet wurde, der durch Spenden Jo aufwendige Reha-Maßnahmen, Therapien und Kuren ermöglicht. Jo lebte zuletzt in Saarbrücken bei seinen Eltern, das ging nicht mehr. Jetzt ist er in einem Seniorenheim in Gummersbach. Da können wir, seine 78-er Mitspieler, ihn öfter besuchen. Er freut sich riesig, wenn wir kommen. Ich bin ein, zweimal in Woche bei ihm, wenn ich in Gummersbach bin.

Lieblingsspieler

Ich habe viele tolle Spieler gehabt. Die kann und will ich nicht in einen Reihenfolge bringen.

Ernährungspläne

Die gab es bei uns damals nicht. Kurt Klühspies, der immer mein Zimmernachbar war, und ich, wir bekamen damals von Vlado Stenzel zwei Dosen Bier aufs Zimmer gestellt. Auf gesunde Ernährung haben wir aber schon geachtet. Selbst 2007 war das nicht viel anders. Eine wohldosierte, ausgewogenen Ernährung reichte immer aus.

Rücktritt als Bundestrainer

Ich war nach den großen Erfolgen mit der sportlichen Bilanz nicht mehr ganz zufrieden, das waren nicht meine Ansprüche. Ich hatte mich aufgerieben in Diskussionen mit den Bundesliga-Vereinen über zu viele ausländische Spieler und deutsche Talente, die kaum noch Einsatzchancen bekamen. Das hat sich natürlich auch auf die Nationalmannschaft ausgewirkt. Das führte dazu, dass ich auch keinen richtigen Spaß mehr an der Arbeit hatte. Und ohne diesen Spaß ist man nicht gut. So war es höchste Zeit aufzuhören. Das war gut überlegt, kein Schnellschuss.

Trainer und Taktik

Die Aufgabe eines Trainers besteht im wesentlichen darin, taktische Abläufe einzustudieren, damit diese auch bis ins letzte Detail von den Spielern verinnerlicht werden. Ich habe als Bundestrainer nichts anderes gemacht. Am körperlichen Zustand der Spieler konnte ich ohnehin nicht viel ändern. Klar, da hat man bestimmte Belastungen gesteigert oder zurückgefahren, aber im wesentlichen bestand meine Aufgabe aus dem taktischen Training. Da müssen präzise Abläufe da sein. Im Handball ist das wesentlich einfacher als im Fußball, weil man genau den Pass an die entscheidende Stelle bringen kann.

Frauen- contra Männer-Handball

Frauen sind disziplinierter. Es ist als Trainer wesentlich einfacher, mit ihnen zu arbeiten. Auf dem Spielfeld habe ich allerdings den Eindruck, dass es immer etwas hektischer abläuft, als beim Männer-Handball. Daraus resultieren auch komische Spielentwicklungen. Da liegt das eine Team sieben Tore vorn, kurz darauf fünf Tore zurück, das kenne ich bei den Männern so nicht. Das ist bei Frauen häufig sogar im Bereich der Nationalmannschaften so.

Kommentare sind für diesen Artikel deaktiviert.