Hermsdorfer verharrt in Peru: Seit 60 Tagen Ausgangssperre

Chimbote.  Handballer Matthias Krüger verbringt sein Auslandssemester im Andenstaat und erlebt die Coronakrise hautnah mit

Matthias Krüger

Matthias Krüger

Foto: Privat / OTZ

Womöglich schaut Matthias Krüger dieser Tage etwas sehnsuchtsvoll nach Deutschland. Der einstige Handballer des SV Hermsdorf, der seit Februar für ein Auslandssemester in Chimbote in Peru verweilt, kann von Lockdown-Lockerungen wie in den hiesigen Breitengraden nur träumen.

In dem südamerikanischen Staat stehen nämlich weiterhin alle Zeichen auf Ausnahmezustand – und zwar seit dem 16. März. Quarantäne und Ausgangssperre bestimmen den Alltag von Matthias Krüger. Sonntags würde besagte Sperre für den ganzen Tag gelten, ansonsten immer von acht Uhr abends bis fünf Uhr morgens.

„Eine Person pro Familie darf das Haus verlassen, um die nötigsten Lebensmittel zu kaufen“, berichtet der 30-Jährige, der an der Fachhochschule in Jena Wirtschaft studiert. Des Weiteren dürften private Fahrzeuge nur mit behördlicher Genehmigung durch die Stadt fahren, führt Krüger weiter aus, der dann auch noch davon berichtet, dass die Maßnahmen noch bis zum 24. Mai anhalten sollen. Dann werde neu entschieden.

Die Infektionszahlen in Peru beziffert Krüger, der sich auf offizielle Angaben beruft, mit rund 85 000 positiven Fällen und 2400 Toten. Doch gerade über die Zahl der Verstorbenen soll in der Öffentlichkeit heftig gestritten werden, da vermutet wird, dass die Sterblichkeit entlang des Amazonas viel höher sei, aber aufgrund der dort schwachen Informationsstruktur nur ein Bruchteil bekannt werde.

„Das Problem besteht darin, dass es derzeit über 7000 Patienten auf den Intensivstationen gibt, von denen über 800 beatmet werden müssen. Zum Anfang des Notstandes gab es im Land aber lediglich 150 Beatmungsgeräte, jetzt sollen es so um die 1000 sein“, sagt Krüger, der auch zu bedenken gibt, dass Peru über 33 Millionen Einwohner sein Eigen nennt und dreimal so groß ist wie Deutschland. „Ich glaube, dass das Gesundheitssystem hier kurz vor dem Kollaps steht.“

Ein Hauptproblem in puncto Neuinfizierungen sei, dass stets ein dichtes Gedränge auf den Märkten vorherrschen würde. Außerdem hätten Untersuchungen ergeben, dass ein Großteil der dortigen Händler mit dem Corona-Virus infiziert sei, berichtet Krüger, der auch noch auf den Umstand verweist, dass die Menschen jenseits der eigenen vier Wände fast immer eine Maske tragen würden.

Besonders hart betroffen vom Lockdown in Peru seien laut Krüger die Tagelöhner, die seit nunmehr zwei Monaten nicht mehr arbeiten können. Schätzungsweise 75 Prozent der werktätigen Bevölkerung würden unter solch prekären Arbeitsverhältnissen ihr Geld verdienen. Die Regierung würde die Betroffenen jedoch finanziell unterstützen.

Mit einem Vier-Phasen-Programm will die peruanische Regierung nun langsam wieder die Wirtschaft hochfahren. In der Hauptstadt Lima dürften Restaurants, wenn auch nur unter strengen Auflagen, wieder öffnen. Doch in Chimbote, das an der Pazifikküste liegt und das Zentrum in Sachen Fischfang von Peru ist, sei man davon noch weit entfernt.

Ja, dagegen sei das Leben in Deutschland ein einziger Luxus, sagt Krüger, dem während dieser Tage und Wochen bewusst geworden sei, wie gut es den Menschen in Deutschland eigentlich geht – ob in Sachen Bildung, Gesundheit oder auch Soziales. Er erwarte mit Spannung, für welchen Weg sich die Regierung in Peru nach dem 24. Mai entscheiden wird: Kollaps des Gesundheitssystem oder Kollaps der Wirtschaft.

Matthias Krüger lebt seit seiner Ankunft in der Hafenstadt vor gut 70 Tagen mit zwei Kolumbianern in einer Wohnung – davon 60 Tage in Quarantäne. Mit ihnen kann er nur Spanisch sprechen, macht diesbezüglich ordentlich Fortschritte, glaubt jedoch, dass es ohne die Quarantäne noch besser sein würde. Die alltäglichen Besorgungen würde ein Nachbar für die Dreier-WG erledigen, der dafür in einen großen Supermarkt fährt. Krüger hat das Haus während der vergangenen 60 Tage nur verlassen, um beim fliegenden Händler etwas Obst zu kaufen oder sich bei der Eisdiele gegenüber etwas Süßes zu gönnen.

Als abenteuerlicher beschreibt er indes einen Besuch beim Zahnarzt, dem er bezüglich der ihm unbekannten Standards sehr skeptisch entgegenblickte. Der Arzt und sein Gehilfe hätten sich für die Behandlung dann auch noch Schutzanzüge übergestreift, die die skeptische Grundhaltung Krügers noch komplementierten. Doch die Behandlung sei gut verlaufen. Er sei jedoch erst der zweite Patient seit Beginn des Ausnahmezustands im März in der Zahnarztpraxis gewesen, gibt Krüger zu bedenken, der die Behandlung vor Ort bezahlte.

Uni bietet Online-Kurse

Und die Universität? „Seit vergangener Woche wird ein Großteil der Kurse online angeboten. Das ist zwar aufgrund der Sprache mitunter etwas schwierig, aber durchaus machbar.“ Um an den Vorlesungen und Seminaren teilnehmen zu können, muss sich Krüger jedoch stets auf den Balkon seiner Wohnung begeben, da nur dort das Internet über das nötige Leistungsvermögen verfügt. Doch damit nicht genug, werden die universitären Veranstaltungen doch stets zwischen 18 und 22 Uhr angeboten, sodass er die Abendstunden im Freien verbringen muss. Ein mitunter recht kühles Unterfangen, denn in Südamerika steht der Winter nun so langsam vor der Tür.

Nichtsdestotrotz, er würde mit der Gesamtsituation ganz gut zurechtkommen, was ihn selbst auch ein wenig verwundert. Die Tage seien klar strukturiert: Aufstehen, ein wenig Sport, Spanisch lernen, dann Mittag samt anschließenden Schläfchen, dann für die Uni büffeln, Abendbrot, Serie schauen und mit den Mitbewohnern abhängen.

Krüger kann dem allen durchaus etwas Positives abgewinnen: „Es ist sehr entspannt, kein Stress, man lebt recht gesund und lernt mit wenig auszukommen, schraubt zudem die unnötigen Ansprüche herab.“

Angst habe er keine, da die Region um Chimbote von der Pandemie nicht so hart betroffen sei wie andere Regionen des Andenstaates. Sie sei zudem in wirtschaftlicher Hinsicht recht souverän aufgestellt. Andernorts würden sich die Auswirkungen der Pandemie ganz anders darstellen. Dennoch fragt sich auch Krüger, was wohl nach dem Lockdown kommen wird.

Er würde es dennoch sehr begrüßen, wenn die Ausgangssperre nach dem 24. Mai aufgehoben wird. Krüger sehnt sich nach dem Pazifik, von dem er bis jetzt nur sehr wenig hatte, außer, dass er ihn jeden Tag aus der Ferne sehen kann.