Rückzug aus der Verbandsliga

„Ich bin kein Verräter“ – Gespräch mit Trainer Müller nach Rückzug des Weimarer FFC aus Verbandsliga

Weimar.  Die Personalnot war am Ende zu groß: der Weimarer FFC meldet sich vom Spielbetrieb der Verbandsliga ab. Wir sprachen mit Trainer Thomas Müller.

Er steht im Regen: Weimars Trainer Thomas Müller.

Er steht im Regen: Weimars Trainer Thomas Müller.

Foto: Sascha Fromm

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Der Frauenfußball in Thüringen ist um eine Mannschaft ärmer. Der Weimarer FFC wird fürderhin nicht mehr am Spielbetrieb teilnehmen. Wir sprachen mit Thomas Müller, dem Trainer und Präsidenten des Klubs.

Die personellen Probleme in Weimar sind bekannt – wann fiel die Entscheidung?

Wir haben am Montag offiziell zurückgezogen. Einige Spielerinnen hatten sich gewünscht, dass ich mit dem VfB Oberweimar in Kontakt trete, um beide Teams zusammenzuführen, da man auch dort große Probleme hat. Von sechs Spielen ist man einmal nicht angetreten und hat zwei zu zehnt bestritten, zwei zu neunt. Ich gebe zu, die Hoffnung gehabt zu haben, dass die Mädchen vom VfB wenigstens für ein halbes Jahr zu uns wechseln. Aber so weit kam es nicht, weil unsere Frauen das auch nicht wollten. Es hieß: Wir wollen da rüber. Und damit war für mich das Ding durch. Ich habe alle Abmeldungen fertig gemacht und es sind alle ab heute für Oberweimar spielberechtigt.

Sind wirklich alle weg?

Ich habe im Kader gerade noch die Karteileichen, wie meine Frau und diejenigen, die vor zwanzig Jahren mal gespielt haben. Es sind noch sechs Leute, mit denen wir aber nicht antreten können.

Bedeutet dies das Ende des Frauenfußballs in Weimar?

Das könnte man mutmaßen, aber so schnell möchte ich nicht aufgeben. Der Weimarer FFC existiert als Verein weiterhin. Wir tragen auch noch die Verantwortung für die C-Juniorinnen, wenngleich in der Spielgemeinschaft mit Oberweimar nur eine Spielerin wirklich von uns kommt. Wir wollen den Klub am Leben erhalten und schauen, was wir jetzt in dem halben Jahr bis zum Sommer entwickeln können. Die Chancen sind natürlich schlecht.

Der Verein ist ihr „Baby“. Wie geht es Ihnen damit?

Ganz beschissen. Es ist mein sechstes Kind, besser mein erstes. Ich bin seit 1999 als Trainer dabei, war ab 2001 als Funktionär in vorderster Front. Mein großer Sohn ist 2000 geboren – das sagt doch vieles aus, oder? Ich bin länger mit dieser Mannschaft verbandelt als mit meinen eigenen Kindern. Da tut so etwas natürlich ganz besonders weh.

Der FFC wurde von Ihnen gegründet, ist das Projekt des eigenständigen Vereins gescheitert?

Wir haben das vor sieben, fast acht Jahren aus der Taufe gehoben, um das zu verhindern, was jetzt eintritt. Es ging damals darum, nicht beim SC 03 zu versauern, sondern etwas eigenes zu machen, um alles unter einem Dach zu vereinen. Wir hatten damals im Nachwuchs schon Spielgemeinschaften mit Oberweimar und mein Ansinnen war, alles beim FFC einzugliedern. Genau das Gleiche wollte man beim VfB – nur unter dessen Dach. Das Nebeneinander ging ein paar Jahre gut, weil wir den Nachwuchsbereich hintan gestellt, nicht abgeworben und mehr vor uns hin gekrebelt haben. Irgendwann hatten wir uns auch auf Wunsch externer Seiten wie Schulen darauf geeinigt, dass wir wieder Spielgemeinschaften mit Oberweimar bilden. Schon damals hatte ich gesagt: Wenn wir das machen, wird das unser Todesstoß, weil am Ende alle die, die aus dem Nachwuchs entwachsen sind, nach Oberweimar gegangen sind. Und so war es auch.

Was ist mit dem alten FFC-Stammpersonal passiert?

Außer einer Alina Bothe im Tor und Laura Platzdasch oder Sandra Simon, die fast 40 Jahre alt ist, sind alle fort. Es ist keine einzige mehr da, die den Verein länger als fünf Jahre repräsentiert hat.

Was sind die Ursachen dafür?

Die sind vielschichtig. Ich für mich selbst muss reflektieren, dass mein Rückzug als Trainer 2017 ein Auslöser war. Damit habe ich das Zepter aus der Hand gegeben. Es war auch nicht ganz freiwillig.

Wie meinen Sie das?

Es gab in der Mannschaft Bestrebungen, die genau das erreichen wollten. Mit der Gründung des FFC haben wir Leute dazu gekriegt, die dem Verein nicht gut taten, die eigene Ziele verfolgten. Sie wollten sich als zweite Frauenmannschaft etablieren – und haben die Zweite über die Erste gestellt. Das ging fünf Jahre so. Ich musste zum Teil die erste Mannschaft schwächen, um die Zweite zu unterstützen. Umgekehrt wäre der übliche Fall. Ich musste Leute rekrutieren, die fünf Jahre nicht gespielt haben, um meine Mannschaft aufzufüllen, weil die Zweite, die parallel gespielt hat, keine Leute abgestellt hat. Am Ende wollten sie in die Landesklasse gehen, aber das ging mit mir nicht. Bei uns wird Verbandsliga gespielt – und wer das nicht will, soll woanders hingehen. Dann hat man es mitgetragen, passiert ist aber folgendes: Alle diejenigen, die unter mir Verbandsliga gespielt haben, sind sukzessiv moralisch emotional aus der Mannschaft gedrängt worden. Am Ende blieben nur noch wenige übrig und die hatten mit dem Verein von vor zehn Jahren nichts mehr am Hut. Es waren zum Teil Spielerinnen, die man in Oberweimar weggeschickt hat, weil sie zu schwach waren. Ich habe mich damals für sie eingesetzt, habe gesagt, bei uns dürfe jeder spielen. Und die haben das ganze Konstrukt ausgehöhlt und sind dem Verein beigetreten, der sie einst abgelehnt hat. Das tut extrem weh. Man will auch, dass ich dort in irgendeiner Form mitwirke. Aber das kann ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, würde mich als Verräter fühlen. Das wird es mit mir nicht geben. Lieber versuche ich, wieder etwas eigenes aufzubauen, alte Mitstreiterinnen zu rekrutieren. Aber ob es reicht, mehr rauszuholen, als die Idee, weiß ich nicht.

Die Verbandsliga hat nur noch vier Teams, was bedeutet der Rückzug für den Frauenfußball allgemein?

Der Niedergang unseres Vereines ist ein Abbild des gesamten Thüringer Frauenfußballs. Ich möchte niemandem zu nahe treten, aber das Niveau in der Verbandsliga wird immer wieder völlig überschätzt. Es ist unter aller Kanone. Wir sind weit von dem entfernt, was wir vor fünf, sechs Jahren mal hatten. Wenn ich mir Gera anschaue: Die haben im Sommer zurückgezogen, die Mannschaft ist aber nicht schlechter als im Vorjahr. Und die haben uns an die Wand gespielt. Es ist nur eine Mutmaßung, es in der Landesklasse leichter zu haben, sportliche Erfolge zu erzielen. Das ist, vorsichtig formuliert, fraglich. Es gibt kaum noch Teams, die sich einbringen können. Saalfeld hat große Probleme – wir sind nun genau daran gescheitert, dass zu wenige da waren, die bereit waren, auch etwas zu investieren. Sicherlich habe ich 40 Pässe rumliegen. Davon konnten 20 wirklich spielen, 15 wollen zum Spiel kommen, fünf fallen kurzfristig aus. Ich konnte nicht garantieren, dass wir immer voll werden. Aber selbst wenn wir elf oder zwölf gewesen wären, hätten wir nicht die Qualität für die Liga gehabt. Das raubt einem die Argumente gegenüber jenen, die vielleicht sogar bleiben wollten. Man muss selbst erkennen, wann eine Lage aussichtslos wird – und das war hier so. Es war eine rationale Entscheidung. Moralische Sieger zeichnen sich immer nicht sofort aus, sondern haben auf lange Sicht Erfolg und vielleicht auch Genugtuung.

Es gab mal eine Idee, eine Oberliga mit Sachsen und Sachsen-Anhalt als Unterbau der Regionalliga einzuführen. Sollte man das aufgreifen?

Grundsätzlich ist das eine attraktive Geschichte. Das Problem, was sich dahinter verbirgt, sind die Fahrtstrecken, die in Kauf genommen werden müssen. Da wissen die Vereine nicht, ob die Spielerinnen das auf Dauer mittragen. Vor zehn Jahren hätte ich das sofort gemacht und die Mannschaft auch. Jetzt wäre der FFC fehl am Platze. Was man aber tatsächlich braucht, ist diese Schnittstelle für ambitionierte Teams. Denn aktuell hat man auf Sicht keine Mannschaft mehr, die nach oben kommen kann. Saalfeld ist heilfroh, wenn sie überleben; Meiningen hätte ein Monsterprogramm, wenn sie bis hinter Berlin fahren müssten, und der FC Carl Zeiss hat keinen Nachwuchs. Normalerweise dürften die gar nicht in der Verbandsliga starten, weil die Statuten etwas anderes sagen. Ich habe mich damals auch für sie eingesetzt, weil es am Ende uninteressant ist, wenn wir die Verbandsliga stärken wollen. Aber der NOFV diskutiert nicht, ist da stringent in der Auslegung der Regeln. Deswegen wird aus dieser Liga niemand auch nur ansatzweise überregional aktiv werden können.

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