„Ich habe mir ein Bügelbrett gekauft“ - Ex-RWE-Kapitän macht Lehre zum Bänker

Erfurt  Der frühere Fußballprofi und Kapitän vom FC Rot-Weiß Erfurt, André Laurito, hat in Thüringen eine Ausbildung zum Bankkaufmann begonnen.

Das Club-Trikot hat André Laurito an den Nagel gehängt, heute ist der angehende Bankkaufmann im dunklen Anzug in der Schalterhalle zu erleben.

Das Club-Trikot hat André Laurito an den Nagel gehängt, heute ist der angehende Bankkaufmann im dunklen Anzug in der Schalterhalle zu erleben.

Foto: Sascha Fromm

Er war bei den Fans beliebt, war Kapitän beim Fußballclub Rot-Weiß in Erfurt und lief fünf Jahre lang im Steigerwaldstadion auf.

Dabei habe er sich nicht vorstellen können, hier einmal zu spielen. Mit vielen Vorurteilen sei er nach Erfurt gekommen. Freunde hätten vom Wechsel in den Osten Deutschland abgeraten. „Ich saß dann hier im Hotelzimmer und habe gedacht, das schaffe ich nicht, ich will zurück nach Hessen.

Erfurt war eine neue Chance und Herausforderung

Dort war Laurito aufgewachsen, hatte das Fußballspielen erlernt, das ihn zum Profi und Kapitän einer Mannschaft in der zweiten Fußball-Bundesliga machte. „Das war ein einschneidendes Wochenende in meinem Leben“, erinnert sich André Laurito. Er habe mit Jahn Regensburg den Aufstieg in die zweite Liga perfekt gemacht und sein Sohn sei auf die Welt gekommen.

„Plötzlich war ich Vater und Kapitän einer Zweitliga-Mannschaft“, so Laurito. Das habe ihn letztlich überfordert und zum Abschied aus Regensburg geführt. Erfurt war eine neue Chance und Herausforderung, nachdem er bei zwei anderen Vereinen deren Pleite verkraften musste. Zunächst war er in der neuen Heimat erfolgreich, doch Verletzungen warfen ihn immer wieder zurück.

Spätestens nach einem Bandscheibenvorfall im Jahr 2016 stellte sich André Laurito immer wieder die Frage, wie es weitergehen soll. Was kommt nach dem Fußball? Das ging ihm permanent im Kopf herum. Klar war ihm dabei sofort, dass er dieses eindeutige Signal seines Körpers nicht ignorieren kann. „Es war nicht das Knie, bei dem man sagt, das wird operiert und weiter gehts“, so Laurito. Bei ihm streikte zum zweiten Mal der Rücken und es bestand die Gefahr, dass es beim nächsten Mal noch schlimmer ausfallen kann.

Gedanken über die Zukunft

Also begann die Suche nach einer Alternative für die Zeit nach der Laufbahn als Fußballer. „Natürlich denkt man zuerst daran, beim Sport zu bleiben“; sagt Laurito heute. Trainer oder Co-Trainer, Manager oder Spielerberater – das seien naheliegende Optionen.

Er habe frühzeitig begonnen, sich Gedanken über die Zukunft zu machen, erinnert sich der ehemalige Fußballprofi. „Ich habe viele Gespräche geführt, mit meiner Schwester, die selber in einer Bank arbeitet, aber auch mit Bekannten und Freunden“, sagt Laurito. Interesse am Thema Geld und Finanzen habe er schon seit einigen Jahren, hat sich in seiner Freizeit entsprechend weitergebildet. Schließlich habe er sowohl mit seinem Steuerberater als auch mit jenen Menschen, die ihn bei der Altersvorsorge berieten, mitreden wollen.

Bei diesen Qualifizierungen, die aber im Stellenwert zu dieser Zeit immer hinter der Konzentration auf den Fußball blieben, sei er auf den Geschmack gekommen. Der Gedanke an eine Ausbildung im Finanzbereich geisterte einige Zeit durch seinen Kopf.

Aber die Reaktionen im Freundes- und Bekanntenkreis ließen Laurito immer wieder stutzen. Banker? Das gehe gar nicht, hörte er öfter und dass er doch lieber einen anständigen Beruf ergreifen solle. Und auch in den Medien habe er hauptsächlich etwas über Skandale im Bankensektor lesen und hören können. Das habe ihn durchaus verunsichert. Aber sowohl die Schwester als auch Bekannte, die bei Banken arbeiten, stärkten ihm den Rücken.

„Also habe ich Bewerbungen geschrieben und verschickt, zugegeben am Anfang sicherlich nicht mit dem nötigen Nachdruck, denn der Fußball bestimmte weiterhin meinen Tagesablauf“, erinnert sich Andre Laurito . Über die Absagen, die bei ihm eintrudelten, war er dennoch alles andere als glücklich. Das habe auch ein Stück weit Selbstvertrauen gekostet, er könne nichts außer Fußball, habe er sich gesagt.

„Natürlich gibt es in dieser Branche auch Druck“

Das habe aber auch den Ehrgeiz entfacht, sich näher mit dem Thema Banken zu beschäftigen. „Natürlich gibt es in dieser Branche auch Druck, aber den gibt es, glaube ich, in allen Branchen und Berufen und als Sportler habe ich gelernt, damit umzugehen“, sagt Laurito.

Schließlich seien seine Verträge immer zeitlich befristet gewesen, habe er bei den Pleiten seiner Vereine mehrfach improvisieren müssen, weil das Gehalt verspätet oder gar nicht kam. Allerdings seien für ihn nur die beiden großen deutschen Banken infrage gekommen und so habe er sich bei der Commerzbank beworben.

Es folgte ein Onlinetest, der es durchaus in sich hatte. Fragen zu Politik, Gesellschaft, Finanzen und Allgemeinwissen mussten innerhalb einer bestimmten Zeit beantwortet werden. Bestanden hieß es am Ende – und es folgte die Einladung zu einem Telefoninterview.

„Ich war aufgeregt, wie selten zuvor und habe bestimmt zigmal nachgeschaut, ob der Akku von meinem Handy auch geladen ist“, berichtet er schmunzelnd. Etwa eine Viertelstunde sollte das Gespräch dauern, hatte man ihm vorher angekündigt. Am Ende seien es mehr als vierzig Minuten gewesen, die man miteinander geredet hat.

Lohn war die zugesagte Lehrstelle

Dann flatterte die Einladung zum Auswahltag in der Bank ins Haus. Vier Wochen hat er sich nach dem Training darauf vorbereitet. „Ich habe mich unter anderem vor den Spiegel gestellt und meinen Lebenslauf aufgesagt“, berichtet Laurito.

Außer dem Trainer war niemand in seine Pläne eingeweiht. „Den Trainer habe ich am Wochenende beim Auslaufen gefragt, ob ich einen Tag frei bekommen kann, um mich persönlich vorzustellen bei der Bank, er hat es mir zugesagt und ich war erleichtert.

Doch am Tag darauf erfuhr die Mannschaft, dass der Trainer entlassen wurde und sein Nachfolger übernehme. „Das war natürlich ein Schock für mich“, sagt Andre Laurito. Ihm sei sofort klar gewesen, dass ein neuer Coach zunächst volle Konzentration auf den Verein und den Kampf gegen den Abstieg einfordern würde. Da passe die Frage nach einer Freistellung eigentlich nicht.

Dennoch habe er gefragt und sein Ansinnen erläutert. Er durfte beim Auswahltag antreten und überstand alle Tests an diesem Tag. Der Lohn war die zugesagte Lehrstelle.

Im August 2018 startete Leben nach dem Fußball

Seine Frage nach der Kleiderordnung ließ der angerufene Bekannte unbeantwortet. Das solle er selber herausfinden, riet der Angerufene. Also sei er in den Schalterraum der Bank gegangen und habe sich dort umgesehen. Dunkler Anzug und Krawatte – so sahen die Herren aus.

„Ich habe mir Anzüge und ein Bügelbrett gekauft, das hatte ich noch nicht“, sagt Andre Laurito. Im Fußballverein habe es keine Rolle gespielt, ob sein T-Shirt glatt oder ein zerknittert war.

Im August 2018 startete für Andre Laurito sein Leben nach dem Fußball. Jeden Morgen um neun öffnete die Bank für die Kunden, bis 16 oder 18 Uhr dauerten die Arbeitstage. Nur unterbrochen von den Besuchen in der Berufsschule.

Dort ist er mit seinen 35 Jahren der älteste Azubi, sitzt zwischen den 16- und 17-jährigen, deren Schulzeit keine fünfzehn Jahre zurückliegt. Allerdings habe er diesen jungen Mitstreitern auch einige Jahre an Lebenserfahrung voraus.

Nach nur vier Wochen seien ihm Zweifel gekommen, ob er sich richtig entschieden habe, so Laurito. Wieder habe er Gespräche mit der Schwester und mit Bekannten geführt, sich selber hinterfragt. Inzwischen sei er sich sicher, dass seine Entscheidung richtig war.

Er fühle sich gut aufgehoben im Team der Bank in Erfurt. „Ich habe einsehen müssen, dass ich mir mehr Zeit geben muss, schließlich bin ich in der Ausbildung, das heißt, ich kann noch nicht alles wissen, muss vieles erst lernen“, erläutert den angehende Banker seine Erkenntnisse aus diesen ersten Wochen. Letztlich habe er auch von seiner sportlichen Vergangenheit profitiert, ist Laurito überzeugt: „Ich habe oft am Boden gelegen, aber ich bin immer wieder aufgestanden“.

Seine Laufbahn als Fußballer

Andre Laurito (35) hat beim TSV Klein-Linden im mittelhessischen Gießen mit dem Fußballspielen begonnen. Der 1,86 Meter große Laurito bestritt für verschiedene Vereine zahlreiche Spiele in der 2. und 3. Liga und hatte in der Innenverteidigung seine Stammposition.

Vom SSV Jahn Regensburg wechselte Laurito im Jahr 2013 zum FC Rot-Weiß Erfurt. Er war dort nicht nur Stammspieler, sondern zwischenzeitlich auch Kapitän der Elf und im Mannschaftsrat, bis er 2018 seinen Abschied nahm.

Aktuell spielt er noch beim Amateurverein TSV Kersp­leben (Kreisoberliga). Dort kam er auf sieben Einsätze.

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