Joke, der Joker – Linden soll Thuringia Bulls zum Titel führen

Jakob Maschke
| Lesedauer: 6 Minuten
Die Säulen der ersten Sternstunde wiedervereint: Alex Halouski (links) und Joakim Linden, hier beim Jubel über den Pokalsieg 2016, dem kurz darauf der erste Meistertitel folgte, waren die prägenden Figuren der ersten Exlebener Bundesliga-Jahre und haben nun erneut Großes vor.

Die Säulen der ersten Sternstunde wiedervereint: Alex Halouski (links) und Joakim Linden, hier beim Jubel über den Pokalsieg 2016, dem kurz darauf der erste Meistertitel folgte, waren die prägenden Figuren der ersten Exlebener Bundesliga-Jahre und haben nun erneut Großes vor.

Foto: Sascha Fromm

Elxleben.  Joakim Linden gibt ein Kurz-Comeback für Elxlebens Rollstuhlbasketballer und könnte beim Champions Cup zum Zünglein an der Waage werden.

Sein eigentliches Zuhause ist Norrköping, eine Stadt an einem Fjord, zwei Autostunden südwestlich der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Joakim Linden und seine Freundin Tilda haben sich in der Stadt ein Apartment gekauft. Ein Stück außerhalb der Stadt leben Tildas Großeltern auf einer kleinen Farm, sie sind regelmäßig dort, Pferdenärrin Tilda hat hier zwei Pferde stehen. Ein malerisches Zuhause.

Trotzdem wurden bei Joakim Linden Heimatgefühle wach, als er am vergangenen Wochenende in Elxleben ankam. Schließlich war das Fit-In von 2010 bis 2017, unterbrochen von einem Jahr Pause, sein Zuhause. Linden, den alle „Joke“ rufen, war damals der Star der Thuringia Bulls, einer der besten Rollstuhlbasketballer der Welt. „Joke ist das Fundament unserer Erfolgsgeschichte“, sagen Teamgründer Lutz Leßmann und Trainer Michael Engel unisono.

Einer Erfolgsgeschichte, die mit der Ankunft des sympathischen Schweden ihren Lauf nahm. In seiner ersten Saison führte Linden das Team zum Aufstieg in die Bundesliga. Dort verbesserte sich das Team stetig, getragen von den Säulen Linden und Alex Halouski, einem Schlaks aus Belarus, der damals schon ein toller Basketballer war, aber sich nach schwerer Knieverletzung erst an sein neues Sportgerät, den Rollstuhl, gewöhnen musste.

Nach einer Auszeit führte Linden das Team 2016 zu den ersten drei Titeln

2014 hatte Linden jedoch das Gefühl, eine Auszeit zu brauchen. „Ich war körperlich platt und fühlte mich nicht mehr so motiviert“, gesteht der heute 32-Jährige. Die Auszeit wirkte Wunder: Gestärkt und motiviert kehrte er 2015 zurück nach Elxleben. Mit einem Linden in Topform wurden die Bulls 2016 erstmals deutscher Meister und Pokalsieger, machten mit dem Sieg im Vergauwen-Cup, dem zweitwichtigsten europäischen Vereinswettbewerb, das Triple perfekt.

„Das waren tolle Momente, an die ich oft und gern zurückdenke“, sagt der damalige Spiritus Rector des Teams. Linden blieb noch eine weitere, allerdings titellose Saison in Exleben, ehe er in Schweden eine Ausbildung zum Ergotherapeuten begann und Rollstuhlbasketball fortan nur noch nebenbei, auf Hobbyniveau, betrieb.

Beliebt bei den einstigen Teamkameraden, blieb er mit ihnen in Kontakt und verfolgte aus der Ferne mit, wie die Bulls 2018 eine dreijährige, 75 Spiele umfassende Siegesserie starteten, mit der sie zur besten Mannschaft Europas aufstiegen. „Das Team ist immer besser geworden. Ich bin stolz, was sie erreicht haben“, freut er sich ehrlich mit.

Schon im Sommer versuchten die Bulls, ihn zurück nach Elxleben zu lotsen

Als Linden im vergangenen Sommer seine Ausbildung erfolgreich beendete und nicht direkt einen Job fand, war er drauf und dran, nach Elxleben zurückzukehren. Leßmann und Engel wollten mit ihm den Abgang der Starspieler Matt Scott und Jake Williams abfedern. Doch daraus wurde nichts, denn im September bekam Linden in der Heimat eine Anstellung als Ergotherapeut. „Außerdem möchte ich meine Freundin hier nicht rausreißen. Wir haben hier unseren Lebensmittelpunkt, so etwas kann ich dann nicht nur allein für mich entscheiden“, erklärt er. Es kribbelte jedoch weiterhin in seinen talentierten Basketball-Fingern. Als klar war, dass als pandemiebedingter Ersatz für den Champions-League-Wettbewerb, den die Bulls 2018 und 2019 gewannen, in Wetzlar ein Champions-Cup-Turnier mit acht europäischen Spitzenteams ausgetragen wird, wurde das Comeback des Schweden bei den Elxlebenern wieder ein Thema.

Und diesmal klappte es: Linden erhielt die Erlaubnis des Arbeitgebers, nach Deutschland zu reisen und sich noch einmal mit den besten Teams Europas messen zu dürfen. Am Sonntag absolvierte er seine erste Trainingseinheit im alten „Wohnzimmer“, dem Fit-In. „Er hat noch größere Muskeln als damals, aber er war auch ganz schön aus der Puste“, so der erste Eindruck bei Teammanager Leßmann. „Er war unser Michael Jordan, und so ein Talent verlernt man nicht. Ich erwarte keine Wunderdinge, aber Joke könnte durchaus unser Joker werden“, ergänzt Coach Engel.

Nach ein paar Tagen war er wieder drin und denkt, dass er helfen kann

Den Gepriesenen, nicht von ungefähr als „Eisvogel“ bekannt, ficht das nicht an: „Klar gibt es konditionell einiges aufzuholen, so schnell und intensiv wie hier habe ich lange nicht mehr Rollstuhlbasketball gespielt. Aber nach ein paar Tagen im Training fühle ich mich schon deutlich besser. Ich denke, ich kann der Mannschaft helfen, gerade wenn mich die Gegner wegen meiner langen Pause unterschätzen und mir zu viel Platz lassen sollten.“

Am Donnerstag starten die Bulls nach Wetzlar, wo am Freitag ihr Viertelfinalduell mit Rahden ansteht. Ein Gegner, den sie jüngst im Bundesliga-Halbfinale zweimal besiegt haben. Die Chance, sich am Sonntag erneut die europäische Krone aufzusetzen, ist da. Dank Joakim Linden, der für ein paar Tage wieder ein Bulle sein wird, ist sie sogar ein wenig größer geworden.

Der Weg zum Titel:

– Als Ersatz für den ausgefallenen Champions-League-Wettbewerb, den die Thuringia Bulls 2018 und 2019 gewannen, gibt es in Wetzlar ein dreitägiges Champions-Cup-Turnier, ohne europäischen Rankingpunkte.

– Acht europäische Spitzenteams – vier aus Spanien (Madrid, Albacete, Bilbao, Gran Canaria), drei aus Deutschland (Lahn-Dill, Elxleben, Rahden) und eins aus Italien (Porto Torres) spielen im K.o.-System den Sieger aus. Als Favorit gilt Gastgeber RSV Lahn-Dill.

– Titelverteidiger Elxleben (2020 fiel der Wettbewerb ganz aus) spielt als topgesetztes Team am Freitag (12.30 Uhr) gegen den vermeintlich leichtesten Gegner Rahden. Bei einem Sieg wäre im Halbfinale am Samstag (17.30 Uhr) Albacete oder der Spitzenreiter der spanischen Liga, Bilbao, der Gegner. Das Finale steigt am Sonntag um 17.30 Uhr.

– Alle Spiele sind im kostenlosen Livestream im Internet unter sportdeutschland.tv empfangbar, den auch die Bulls (live.thbulls.com) zeigen.