Karate: Ein Fitness-Studio in Opas Werkstatt

René Röder
| Lesedauer: 4 Minuten
Charlotte Grimm (rechts) feierte in Salzburg nach zehn Monaten Wettkampf-Pause einen tollen Einstieg mit zwei Siegen. Ihren Olympia-Traum hat sie noch nicht aufgegeben.

Charlotte Grimm (rechts) feierte in Salzburg nach zehn Monaten Wettkampf-Pause einen tollen Einstieg mit zwei Siegen. Ihren Olympia-Traum hat sie noch nicht aufgegeben.

Foto: Grimm/privat / Karateverband Österreich

Arnstadt  Die Arnstädter Athletin Charlotte Grimm bleibt während Corona erfinderisch und hat den Olympia-Traum noch nicht aufgegeben

Seit März letzten Jahres ist nichts mehr so, wie es eigentlich sein sollte. Seither befinden sich die Nationalkader-Athleteninnen und -Athleten des Deutschen Karate-Verbandes im „Homeoffice“. Individuelles oder gemeinschaftliches Training ist zwar unter bestimmten Gegebenheiten möglich, doch an nationale oder gar internationale Wettkämpfe war bisher nicht zu denken – bis letztes Wochenende. Da nahmen auch die Arnstädterin Charlotte Grimm (24) nach über zehn Monaten Wettkampfpause in Salzburg erstmals wieder an einem Wettkampf teil. Trotz aller Widrigkeiten hat die 24-jährige angehende Bundeswehr-Offizierin ihren Traum Olympia noch nicht aufgegeben und wünscht sich, dass endlich die Fitness-Center wieder öffnen können und sie ihrem Opa Dieter die Werkstatt wieder überlassen kann.

Am Wochenende konnten Sie mit drei Ihrer Thüringer Nationalmannschafts-Kollegen endlich wieder an einem Turnier teilnehmen. Wie lief der Länderkampf in Salzburg?

Es war schön, endlich wieder an einem Wettkampf teilnehmen zu können, sich mit anderen Sportlern zu messen. Für mich lief es sehr gut. Ich habe zwei Challenger-Kämpfe gewonnen. Der zweite wichtigere Kampf gegen die Österreicherin Ziller wurde sogar im österreichischen Fernsehen gezeigt. In diesem Kampf konnte ich durch eine deutliche Wertung früh mit 3:0 in Führung gehen, gewann 4:2.

Wie waren die Bedingungen, in Österreich unter den geltenden Corona-Vorkehrungen?

Zwar gab es keine Zuschauer und wir mussten Sonntagmorgen durch die vielen Überprüfungen und Tests schon um 7 Uhr aus dem Bett. Aber es war alles wirklich perfekt organisiert.

Wann gab es zuvor eigentlich den letzten Wettkampf?

Vor zehn Monaten.

Welcher war das?

Das war die Deutsche Meisterschaft. Da hat mich meine Nationalmannschaftskameradin Madeleine Schröter knapp besiegt, ich bin Deutsche Vizemeisterin geworden.

Mit der Weimarerin kreuzen sich immer öfter Ihre Wege. Dass sie Ihnen den DM-Titel wegschnappt hat, wurmt Sie bestimmt immer noch. Sind sie beide eher Teamkollegen oder Freunde?

Beides. Wir verstehen uns untereinander sehr gut, haben nicht nur sportlich viele Gemeinsamkeiten. Wir trainieren zusammen in Weimar, sind in der gleichen Gewichtsklasse, beide in der Bundeswehr-Sportfördergruppe und studieren ebenfalls beide Sportwissenschaften.

...und Sie wollen beide noch zu Olympia 2021 nach Tokio?

Genau. Aber das wird ganz schwer, auch weil die sportlichen Abläufe im Moment nicht so laufen.

Es wäre für Sie wohl die letzte Chance, an Olympischen Spielen teilzunehmen?

Tokio und Japan als Geburtsland des Karate waren für 2021 eine Art Gastgeschenk des IOC, diesen Sport erstmals ins olympische Programm aufzunehmen. 2024 ist Karate nicht im Wettkampfplan und danach wäre ich dann möglicherweise zu alt.

Welche konkreten Chancen haben Sie noch, um ab 23. Juli in Tokio dabei zu sein?

Es wird es sehr schwer, aber wir kämpfen darum. Auch Noah Bitsch oder Madeleine Schröter hoffen noch. Wir alle haben noch eine Mini-Chance.

Wie können Sie persönlich die Qualifikation noch schaffen?

Es gibt noch einige Wettkämpfe. Die müsste ich überstehen, um Juni bei der eigentlichen Olympia-Qualifikation in Paris starten zu dürfen. Doch vieles ist zu ungewiss. Ständig werden Wettkämpfe abgesagt, so im Februar der in Lissabon. Und auch der nächste geplante Länderkampf Mitte März in Istanbul ist nicht sicher.

Wie halten Sie sich fit?

Wir haben in Thüringen zum Glück eine Ausnahmegenehmigung, die für National- und Bundeskader gilt. Dienstag bis Freitag geht das immer abends. Krafttraining ist hingegen schwierig, weil die Fitness-Studios derzeit geschlossen sind. Allerdings habe ich einige Gewichte zu Hause – ansonsten wird viel im Dojo gearbeitet.

Wo haben Sie ihr Home-Office aufgebaut, im Keller?

Ich wohne in Erfurt, trainiere aber in Arnstadt bei meinem Opa in der Werkstatt, da habe ich ein kleines Mini-Fitness-Studio aufgebaut, wo ich halt Krafttraining machen kann.

Wie gehen Sie mit Corona um?

Ich versuche mich abzulenken, abzuschalten. Sobald im Fernsehen etwas über Corona
kommt, schalte ich sofort um. Es belastet mich zu sehr. Schlechten Meldungen reißen mich zu sehr runter.

Welche Ziele setzen Sie sich für die Zeit nach Corona?

Das ist schwierig. Ich muss meine Ziele tatsächlich durch die ganze Situation verallgemeinern, weil sich alles ständig verschiebt. Ich möchte bei den großen Turnieren starten, versuchen Medaillen zu holen und besonders den Platz in meiner Gewichtsklasse behaupten.