Keine Schule – und keinen freut’s

Erfurt.  Vor allem der Abi-Jahrgang des 470 Schüler zählenden Erfurter Sportgymnasiums blickt mit Sorge in die Zukunft

Kein Schulbetrieb: Das Pierre-de-Coubertin-Gymnasium ist mindestens bis zu den Osterferien, wahrscheinlich aber länger, geschlossen.

Kein Schulbetrieb: Das Pierre-de-Coubertin-Gymnasium ist mindestens bis zu den Osterferien, wahrscheinlich aber länger, geschlossen.

Foto: Jakob Maschke

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Eifrig packen drei Erfurter Sportschüler am Samstag vor einer Woche ihre sieben Sachen in den Kofferraum. Tags zuvor hatte das Pierre-de-Coubertin-Gymnasium bekannt gegeben, dass ab Montag wegen der Corona-Pandemie vorerst kein Unterricht mehr stattfinden wird. Also machen sich die Zwölftklässler Elisa Thomas aus Weißensee, Alina Schönherr aus Schmölln und Josha Bretschneider aus Greiz, alle drei Leichtathleten, auf den Weg nach Hause.

„Nie wieder Schule, wie es aussieht“, sagt Schönherr. Wo man sonst bei einem solchen Satz ein breites Grinsen sieht, wird er diesmal von einem besorgten Blick begleitet. Denn eigentlich steht nach den Osterferien das Abitur an, doch die drei haben wie ihre 32 Mitschüler, die am Coubertin-Gymnasium kurz vor dem Abi stehen, keine Ahnung, wie es jetzt weitergeht.

„Wir wollen ja alle bald studieren oder zur Bundeswehr. Mal gucken, welche Lösung sie sich für das Abi einfallen lassen“, sagen sie, ehe sie ins Auto steigen und Erfurt hinter sich lassen. Wer weiß, für wie lange.

Die Abschlussjahrgänge – die 35 angehenden Abiturienten und die knapp 20 Zehntklässler am Realschulteil – bereiten Thomas Belitz angesichts der Corona-Krise die größten Sorgen. „Irgendwann müssen die Prüfungen geschrieben werden. Aber wenn die Zahl der Infizierten weiter so stark steigt, frage ich mich, wie das funktionieren soll“, sagt der Sportkoordinator und Lehrer am Gymnasium.

Gute Erfahrungen mit E-Learning

Belitz unterrichtete bis vorvergangenen Freitag einen der drei Abi-Kurse sowie eine elfte und eine zehnte Klasse in Sporttheorie, zudem war der langjährige Trainer der Black Dragons für die praktische Vermittlung des Spezialsports Eishockey zuständig. Am vergangenen Montag trafen sich die Lehrer noch einmal und berieten über das weitere Vorgehen bis zu den Osterferien.

„Als Sportkoordinator war ich auch danach noch jeden Tag an der Schule, kümmerte mich um die Neuanmeldungen fürs nächste Schuljahr und Kandidaten für einen Schulwechsel“, beschreibt er seine Aufgaben der letzten Woche.

Nun sitzt auch Belitz fast ausschließlich zuhause. Am Laptop koordiniert er alles Notwendige, darunter den Unterricht für seine Schüler. Mittels elektronischer Lernplattform und Klassenbuch findet der Unterricht nun für die Lehrer und die 470 Sportschüler, darunter 174 Internatsschüler und etwa 40 aus anderen Bundesländern, in den eigenen vier Wänden statt. Den Schülern wurden Aufgaben verteilt, E-Learning ist am Erfurter Sportgymnasium wie an vielen Schulen inzwischen gängige Praxis. „Bei uns natürlich noch mehr als an herkömmlichen Schulen, aufgrund der vielen Trainingslager und Fehlzeiten der Sportler ist das gar nicht anders möglich“, sagt Belitz, der etwa die erfolgreichen Radsportler seines Abi-Kurses – Emma Götz, Friederike Stern, Lena-Charlotte Reißner oder Julien Jäger – in diesem Schuljahr kaum im Unterricht gesehen hat.

Individuelle Trainingspläne

Er hat mit E-Learning gute Erfahrungen und eine überraschende Erkenntnis gemacht: „Das klappt eigentlich sehr gut. Es ist sogar so, dass die Schüler, die aufgrund ihrer sportlichen Aufgaben am meisten fehlen, oft bessere schulische Leistungen bringen als die mit mehr Anwesenheit.“

Auch jetzt soll der Lernfortschritt von Zeit zu Zeit nicht nur vertieft, sondern auch kontrolliert werden. Für Zwischentests wird eine Uhrzeit vereinbart, der Test online für eine gewisse Dauer freigeschaltet und dann wieder gesperrt. Das einzige Problem: Die Lehrer können nicht kontrollieren, ob die Schüler schummeln. Belitz’ Fazit: „Das E-Learning ist zwar eine gute Alternative und hilft uns jetzt sehr weiter, aber ein ganzes Schuljahr lässt sich auf diese Weise nicht bestreiten.“ Nicht nur schulisch, sondern auch sportlich blicken die Coubertin-Schüler in eine ungewisse Zukunft. Training ist in Erfurt durch die Sperrung aller Sportanlagen mindestens bis zum 10. April, wahrscheinlich aber wesentlich länger nicht möglich (wir berichteten).

Auch die Wettkampfsaison für die großen Sommersportarten wie Leichtathletik und Radsport steht in den Sternen. Dennoch müssen für die Sportler individuelle Trainingspläne erarbeitet werden, damit sie sich fithalten können, „wobei wir aufpassen müssen, dass wir damit keine sozialen Kontakte anregen“, sagt Belitz.

Er selbst greift für die Zusammenstellung des Sommertrainings der Eishockeyspieler aus seinem großen Fundus aus seiner Zeit als Trainer der Black Dragons zurück. Jedoch sei dabei der Schwerpunkt Fitness und auch das werde zu Zeiten von Corona erschwert, da alle Fitnessstudios schließen mussten. „Da ist jetzt Kreativität gefragt, es gibt ja einige Übungen, die man auch zuhause mit dem eigenen Körpergewicht machen kann“, weiß sich Belitz, der seit 2000 am Coubertin-Gymnasium tätig ist, zu helfen.

Sein 20-jähriges Dienstjubiläum an der Schule hat er sich anders vorgestellt. „Das, was gerade passiert, kennt man nur aus Filmen. Das ist nicht zu greifen. Ich hoffe, die Folgen sind nicht zu verheerend.“

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