Kassel. Der neue 200-Meter-Rekordler will nun auch unter 20 Sekunden bleiben. Kumpel Luis Brandner vom Tom Team Thüringen ist vom 24-Jährigen begeistert.

Beim Blick auf die Zeit stockte den 14.200 Zuschauern der Atem. 20,02 Sekunden. Joshua Hartmann hatte die 18 Jahre alte Bestmarke über 200 Meter von Tobias Unger (20,20) quasi pulverisiert. Eine Sternstunde der deutschen Leichtathletik.

Dabei hatte der Kölner das Tempo zehn Meter vorm Ziel etwas rausgenommen und wie einst Usain Bolt mit dem Siegerarm ins euphorisierte Publikum gegrüßt. Ohne seinen verfrühten Jubel wäre Hartmann wohl sogar unter der 20-Sekunden-Marke geblieben. „Hätte ich das gewusst, hätte ich den Arm nicht rausgetan. Aber wenn man deutscher Meister wird, darf man sich auch mal freuen“, sagte der 24 Jahre alte gebürtige Siegener nach seinem ersten nationalen Titel. „Ich bin froh, dass ich allen zeigen konnte, was ich drauf habe. 20,02 – das lässt sich sehen“, sagte Hartmann. noch voller Adrenalin.

Zwei Stunden zuvor sprachen wir noch mit Luis Brandner (Top Team Thüringen) über „Josh“, den Staffelkumpel von 2021, als der Erfurter mit Hartmann, Yannick Wolf und Milo Skupin-Alfa in Tallinn Staffel-Europameister geworden war. „Man sieht, was auch für mich möglich gewesen wäre, wenn ich mich nicht verletzt hätte“, sagte Brandner. Hartmann und Wolf, über 100 Meter gegen Brandners Trainingskollegen Julian Wagner, feierten in Kassel die Titel. Skupien-Alfa kam auf Rang sechs über 100 Meter.

Zwei Jahre konnte Brandner nach dem großen Junioren-Erfolg keinen Sport mehr treiben. Der Hüftbeuger verhinderte das Sprinten. „Das hinterlässt Spuren“, sagte Brandner, der in Kassel auf beiden Strecken im Halbfinale ausschied. Nach Schmerzen in der Kniekehle ließ er sich bis Samstagnacht behandeln, rannte die 200 Meter. „Ich wollte nicht aufgeben“, so der 22 Jahre alte Thüringer. Er sei im Moment natürlich weit weg von seinen ehemaligen Staffelkollegen, so Brandner, der inzwischen ein Journalistik-Fernstudium begonnen hat. Mit dem Leistungssport Schluss zu machen, komme für ihn trotz des harten Weges nicht in Frage. „Ich werde jetzt versuchen, so viele Wettkämpfe wie möglich zu bestreiten, um wieder schnellere Zeiten zu laufen“, sagte Brandner. Immer in dem festen Glauben irgendwann mit seinen alten Staffel-Buddies wieder in einem großen Endlauf zu stehen.

Erster Deutscher nach 36 Jahren in einem EM-Finale über 200 m

Joshua Hartmann, dessen Supertalent Brandner schon früh erlebt hatte, litt nie unter mangelndem Selbstbewusstsein. Der pfeilschnelle Sprinter vom ASV Köln, hatte schon häufig vom Unger-Rekord gesprochen – und dass er diesen eines Tages knacken würde. 2022 war Hartmann als erster Deutscher seit 1986 in ein EM-Finale über 200 m gestürmt, wurde guter Fünfter. In der Vorwoche in Stockholm schaffte er es als erster DLV-Athlet überhaupt auf ein Diamond-League-Podest über die 100 m. Die Steigerung seiner 200-m-Bestzeit um gleich 0,31 Sekunden kam aber dennoch überraschend. Im Vergleich mit den weltbesten 200-m-Sprintern um den Führenden Noah Lyles (19,67) schob er sich auf Rang 18 vor. Bei der WM in Eugene hätten die 20,02 aber immerhin für den fünften Platz gereicht.

Nun hat er WM-Ticket und Olympia-Norm in der Tasche. Das nächste Projekt, die „19“ vor dem Komma stehen zu haben, kann er entspannt angehen.