Philipp Pflieger: „Selbst Kipchoge nimmt lieber den Fahrstuhl“

Berlin  Philipp Pflieger, einer der besten deutschen Marathonläufer, über Begegnungen mit dem Weltrekordler, sein spät entwickeltes Talent und den Ritterschlag des Laufens.

Beim Hamburg-Marathon 2018 lief Philipp Pflieger nach 2:13:39 Stunden als Elfter und schnellster deutscher Läufer ins Ziel.

Beim Hamburg-Marathon 2018 lief Philipp Pflieger nach 2:13:39 Stunden als Elfter und schnellster deutscher Läufer ins Ziel.

Foto: Malte Christians/dpa

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Beim Berlin-Marathon am kommenden Wochenende will sich Philipp Pflieger noch einmal den olympischen Traum erfüllen. Vor drei Jahren in Rio war der Regensburger als 55. bester Deutscher. Ein Jahr später sorgte er für Schlagzeilen, als er beim Berlin-Marathon seine Kräfte überschätzte und das Rennen ori­entierungslos abbrechen musste. Um sich für Japan zu qualifizieren, müsste er am Sonntag so schnell laufen wie nie zuvor. Die Normzeit des Weltverbandes liegt bei 2:11:30 Stunden. Wir sprachen mit dem 32-Jährigen, der mit einer persönlichen Bestzeit von 2:12:50 Stunden zu den schnellsten deutschen Marathonläufern zählt.

Sie stehen in Berlin am Start – und haben Tokio im Blick?

Olympia ist natürlich mein Ziel. Und wenn der Weltverband eine 2:11:30 vorgibt, ist klar, dass das die Zeit ist, auf die ich zwei, drei Monate hintrainiert habe. Auch wenn diese Norm sehr viel schärfer ist als vor vier Jahren: mein Plan ist es, die direkte Qualifikation zu schaffen.

Das klingt ambitioniert.

Selbst wenn ich in Berlin nur 95 Prozent erreiche, also vielleicht eine 2:12:10 laufe, habe ich meine persönliche Bestzeit trotzdem verbessert. Und kann die 2:11 im Frühjahr noch einmal probieren. Natürlich muss man der Sache etwas Demut entgegenbringen. Wenn wir hier locker flockig über ein, zwei Minuten schneller reden, dann ist das schon ein Brett. Eine Zeit von 2:11 Stunden bedeutet ja, vier Mal hintereinander eine 31:00 über 10 km zu laufen. Da wird die Luft langsam dünn.

Was ist, wenn es nicht klappt?

Es gibt noch Optionen. Nur die Hälfte des Starterfeldes in Tokio wird aufgrund der Norm besetzt. Die andere Hälfte wird mithilfe einer Weltrangliste ermittelt, in die alle in einem definierten Zeitraum erreichten Zeiten und Plätze einfließen. Klingt etwas kompliziert, haben sich halt Leichtathleten ausgedacht.

Laufen am Limit heißt Ihr Anfang September erschienenes Buch. Wo sehen Sie Ihr Limit?

Beliebte Frage. Und schwierig zu beantworten. Die 2:12:50 Stunden, die bisher stehen, halte ich nicht für mein Leistungslimit. Für Marathonläufer beginnt mit Anfang 30 ja erst die spannende Zeit. Arne Gabius ist mit 34 deutschen Rekord gelaufen. Eliud Kipchoge ist jetzt gerade 34 und eilt von Sieg zu Sieg. Auch wenn ich mich nicht gern aus dem Fenster lehne: eine 2:10er-Zeit traue ich mir zu. Ich war aber immer gut beraten, in kleinen Schritten zu denken und voranzukommen.

Sie stehen nicht in der Kaderliste des deutschen Verbandes. Was bedeutet das für Sie? Mehr Unabhängigkeit?

Keine Perspektive bedeutet das. Nein, Scherz beiseite. Generell ist es ja so, dass Sportförderung in Deutschland vonseiten der Verbände nicht unbedingt das Gelbe vom Ei ist. Davon kann kein Athlet seinen Sport finanzieren. Vor zwei Jahren haben viele Verbände im Zuge der Spitzensportreform ihre Kaderlisten neu aufgestellt. Man konnte da schon den Eindruck bekommen, dass der eine oder andere kritische Athlet gleich mit aussortiert wurde. Ende 2017 etwa gehörte das Regensburger Trio Orth, Huber und Pflieger nicht mehr zum deutschen Kader, ein halbes Jahr später standen wir drei aber alle im EM-Aufgebot für Berlin. Und andere, die vorher zum Kader zählten, waren nicht dabei.

Und was heißt es finanziell?

Nichts. Weil Zuschüsse auch vorher mehr oder weniger eh nicht da waren. Ich bin also im Gegenteil ganz gut damit gefahren, mich mit meinem Team selber zu organisieren. Ein eigenes Umfeld aufzubauen aus Sponsoren und Partnern, die Visionen mitgehen, mit funktionierender Infrastruktur aus Physiotherapie, Ärzten, Diagnostik. Kurz: Möglichkeiten wie an einem Olympiastützpunkt, ohne dass ich an einem Olympiastützpunkt bin. In der Gestaltung meines sportlichen Alltags, der Wahl meiner Trainingslager und Wettkämpfe, bin ich sicher freier als mancher Kaderathlet.

Pflegen Marathonläufer Austausch untereinander?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Tatsächlich habe ich mit Arne (Gabius/d. A.) wenig Kontakt. Ich kenne auch kaum Kollegen, die viel mit ihm zu tun haben. Er ist eher ein Einzelgänger, was aber völlig okay ist. Aber als ich im Januar mit Jonas Koller vier Wochen zum Trainingslager in Kenia war, waren da auch der Tobias Blum, der Tom Gröschel oder der Marcus Schöfisch. Da haben wir natürlich unsere Pläne abgestimmt und alle zusammen trainiert.

Sind Sie Eliud Kipchoge, dem Weltrekordler, mal begegnet?

Ich habe ihn 2015 und 2017 in Berlin persönlich getroffen. 2015 hatten wir sogar die gleiche Zeremonie. Er war Sieger, ich bester Deutscher. Am Morgen nach dem Marathon stand ich, nicht sonderlich gut zu Fuß, auf dem Weg zum Frühstück vor dem Hotelfahrstuhl. Erste Etage nur, gleich daneben die Treppe. Plötzlich kam Kipchoge mit seinen Tempomachern und auch mit recht schwerem Schritt. Wir warteten eine ganze Weile. Peinliches Schweigen. Als immer noch kein Fahrstuhl kam, fragte ich ihn: Treppe oder Lift? Prompt kam seine Antwort: Lift!

Gebrselassie oder Kipchoge – wer ist der größere Held?

Als kleiner Junge habe ich Haile Gebreselassie im Fernsehen gesehen und ihn dann live in der Schleyer-Halle in Stuttgart erlebt. Da wirkte das alles nochmal ganz anders: das Tempo, der Stil. Das hat tiefen Eindruck hinterlassen. Und Haile kam immer mit einem Lächeln. Auch Kipchoge ist ein ganz bodenständiger, bescheidener Typ. Nach seinem Weltrekordversuch von Monza fragte ihn jemand, wie er diesen Rückschlag verkrafte. Gemeint waren allen Ernstes die 25 Sekunden, die seine Zeit über der Zwei-Stunden-Marke lag. Kurze Stille im Raum. Dann sagte Kipchoge mit ganz ruhiger Stimme: Glauben Sie wirklich, den Marathon in zwei Stunden zu laufen, sei eine Niederlage?

Trauen Sie ihm die 1:59:59 zu?

Ja. Vielleicht nicht im regulären Marathon. Obwohl er ja auch in Berlin 2018 die letzten 17 Kilometer allein schneller gelaufen ist, als die Kilometer mit Pacemakern zuvor. Aber unter optimierten Bedingungen mit Rennstreckenniveau und ständig neuen Tempomachern, ja.

Haben Europäer im Marathon überhaupt noch eine Chance?

In gepacten Rennen haben sie es fraglos schwer. Aber bei Marathons ohne Pacemaker, wie in New York oder Boston oder den olympischen Wettbewerben, wo es darauf ankommt, das Rennen lesen und einteilen zu können, besitzen Europäer, Amerikaner oder Australier durchaus ihre Chance. Man denke an Stefano Baldini 2004 in Athen oder Desiree Linden im vergangenen Jahr in Boston. Und bei den Spielen in Rio 2016 lief Galen Rupp immerhin bis Kilometer 37 mit Kipchoge mit.

Plagt Sie beim Marathon eigentlich Startfieber?

Das ist beim Marathon irrelevant, da geht man viel relaxter ran als an ein Bahnrennen. Nervös ist man trotzdem, weil man sich vergegenwärtigt, dass der Start zugleich das Ende einer dreimonatigen Reise ist, die nun ihren Höhepunkt erleben soll.

Sie beschreiben sich im Buch als „mittelmäßig begabtes Kid“. Waren Sie das wirklich?

Es wäre jetzt sehr kokettierend zu sagen: ich war gar nicht talentiert. Ja, ich hab es als 13-Jähriger in den Landeskader der besten Zehn geschafft. Aber ich war der Zehnte. Ich war damals einer der Kleinsten und Schmächtigsten. Einer von vielen. Das Einzige, was gut lief, war der Cooper-Ausdauertest. Ich hatte zudem mit Wachstumsschüben zu kämpfen, so dass ich die komplette Jugendzeit als Aktiver verpasst habe. Erst mit 19 habe ich meine ersten Meisterschaftsläufe gemacht. Eines hat mich das aber gelehrt: wenn du was erreichen willst, musst du kämpfen.

Sie sind 1,88 m groß, wiegen knapp 70 Kilogramm. Nicht optimal, oder?

In der Tat, wenn ich an der Startlinie stehe, überrage ich 90 Prozent des Feldes. Je länger eine Strecke, desto nachteiliger ist es, groß zu sein, weil ein großer Läufer mehr Masse bewegen muss, mehr Energie braucht und das Herz-Kreislauf-System deshalb fitter sein muss. Wie bei ei­nem Auto: Je schwerer es ist, umso mehr Benzin verbraucht es.

Dafür machen Sie aber größere Schritte…

Ja, aber größere Schritte bedeuten mehr Impact für den Körper, der dafür mehr Muskeln aufbaut, die wiederum mehr Sauerstoff benötigen. Es bleibt immer eine Frage der Energie. Im Übrigen: unter den eher kleineren Japanern gibt es viele extrem gute Marathonläufer. Die machen aber gar keine großen Schritte. Sie laufen oft tippelnd abenteuerliche Laufstile, die neben ei­nem Ästheten wie Kipchoge aussehen, als hätten sie gestern mit dem Laufen begonnen. Da frage ich mich oft, ob der Laufstil tatsächlich der entscheidende Faktor für einen guten Marathon ist.

Worüber denken Sie während eines Wettkampfes nach?

Bei einem guten Marathon, der dann auch wie im Flug vergeht, bin ich dauerhaft konzentriert und beschäftigt. Ich hinterfrage alles. Wie ist deine Position in der Gruppe? Wie atmet dein Nebenmann? Auf welcher Straßenseite steht die Verpflegung? Die gilt es mit wenig Aufwand und Abstoppen aufzunehmen. Ich trinke relativ viel, trage meine Flasche deshalb 700, 800 Meter, manchmal einen Kilometer bei mir. Dann beginnt bald schon wieder die Konzentration auf den nächsten Verpflegungspunkt. Und plötzlich ist man im letzten Viertel und denkt: Was? Schon Kilometer 35? Es gibt aber auch Läufe, während derer man sich fragt: Was machst Du eigentlich hier?

Profis laufen sehr gleichmäßig, müssen auch Sie auf der zweiten Hälfte kämpfen, um das Tempo hoch zu halten?

Nach 30, 32, 35 Kilometern kämpfen auch wir. Und auch wir müssen aufpassen, gleich den richtigen Rhythmus zu finden. So energiesparend wie möglich sein Zieltempo zu laufen, darauf kommt es an. Das Problem ist die Frische, die man nach dem zweiwöchigen Tapering am Start hat. Dann läuft man leicht zu schnell los. Ein Trugschluss ist es, am Anfang etwas herauszulaufen zu wollen. Das wird jeder in der zweiten Hälfte bereuen und dort mehr verlieren, als er vorher gewonnen hat. Allerdings habe auch ich es noch nie geschafft, einen Negativsplit zu laufen, das heißt, die zweite Hälfte schneller als die erste zu absolvieren. Das gilt ja gemeinhin als Ritterschlag des Marathonlaufens.

Laufen Sie täglich?

Ja. Ich laufe in der Regel jeden Tag zweimal. In Zwischenphasen sind es 140, in der Marathonvorbereitung komme ich auf 170 bis 200 Kilometer die Woche.

Keine Ruhetage?

Ein Ruhetag ist, wenn ich nur einmal 15 km laufe. Das ist sehr entspannend.

Ihr Wetterwunsch für den Marathon-Sonntag?

Acht, neun Grad am Start. Morgendliche Kühle, aber Sonne, die leicht auf der Haut wärmt. Bitte kein Regen!

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