„Persönlicher Bezug statt Rekorden“

Interview der Woche Sigurd Reisener vom Verein Annakram über den Erfurt-Marathon, Wohltätigkeit und die eigene Laufstärke

Alles im Blick: Der Vorsitzende des veranstaltenden Vereins Annakram und Cheforganisator des Erfurt-Marathons Sigurd Reisener erklärt die Streckenführung.Fotos: F. Steinhorst

Alles im Blick: Der Vorsitzende des veranstaltenden Vereins Annakram und Cheforganisator des Erfurt-Marathons Sigurd Reisener erklärt die Streckenführung.Fotos: F. Steinhorst

Foto: F. Steinhorst

Herr Reisener, Ihr Verein Annakram engagiert sich seit vielen Jahren für wohltätige Zwecke. Wie begann es damit?

Als Studenten wollten wir etwas in der Erfurter Kultur bewegen. Wir initiierten Theaterprojekte, Ausstellungen, Musikveranstaltungen und vieles mehr. Unser erster gemeinsamer Höhepunkt als Verein war eine Reise nach Kambodscha, wo wir bei einer Schuleinführung, bei der sogar der Staatspräsident anwesend war, das „hässliche Entlein“ aufführten. Es wurde ein Fiasko: Alles verzögerte sich und es wurde dunkel, bei unserer Aufführung waren viele Gäste schon weg. So entstand aber die Zusammenarbeit mit der thüringisch-kambodschanischen Gesellschaft (TKG) ...

...und der erste Kontakt zum Sport, indem Sie ein Fußballturnier organisierten.

Genau. Gemeinsam mit der TKG und dem Fußballverein Blau-Weiß 52 hat die Kleinkunstbrigade Annakram, die ich mit einigen Mitstreitern 1997 gründete und die seit 2004 ein eingetragener Verein ist, den Pokal der ehrenamtlichen Kulturarbeiter organisiert. Denn wir wollten helfen, das große Müllproblem in Kambodscha, auf das wir bei unserem Besuch aufmerksam geworden sind, zu bekämpfen. Die Spenden für das Turnier, das wir insgesamt zehnmal ausgetragen haben, gingen an das soziale Abfallzentrum in Battambang im Nordwesten von Kambodscha. Sie haben dazu beigetragen, eine Bibliothek zu errichten.

2014 richtete Ihr Verein dann zum ersten Mal den Erfurt-Marathon aus, der am vergangenen Wochenende zum fünften Mal stattfand. Ein Kulturverein und Marathon – wie passt das zusammen?

Mehrere im Verein joggten gern, einige waren bereits einen Halbmarathon gelaufen. Als wir beim Erfurter Silvesterlauf starteten und ein Spender für jeden unserer Teilnehmer zehn Euro zahlte, kam uns die Idee für das Projekt „Laufend helfen“. Wir wollten bei verschiedenen Volksläufen für Sponsoren werben und damit Geld für gemeinnützige Projekte sammeln. Als das im ersten Jahr weniger war als erhofft, wurde uns klar: Es muss ein eigener Lauf her. Und da es in Erfurt aus irgendeinem Grund noch keinen Marathon gab, haben wir eben einen ins Leben gerufen.

Mit Ihnen als Siegläufer?

(lacht) Nein, nein, ich bin nun wirklich kein guter Läufer. Aber zumindest hatte ich die Idee für die Streckenführung, da ich vieles davon auf meinen Joggingrunden entdeckt habe. Bei den ersten beiden Erfurt-Marathons bin ich selbst mitgelaufen – und dachte sogar, ich sei Letzter geworden.

Aber?

Im ersten Jahr war ich mir wirklich sicher – bis eine Stunde nach mir noch einer kam, den danach der Ehrgeiz packte, der abnahm und im Jahr darauf ganze zweieinhalb Stunden schneller war! Und damit auch besser als ich, der ich, wieder in der Annahme, Letzter zu sein, die 42-Kilometer-Markierung gleich mit ins Ziel nahm. Ein Streckenposten nahm sie mir ab und brachte sie zurück – denn eine Viertelstunde später kam tatsächlich noch jemand (lacht).

Im ersten Jahr waren rund 200 Läufer dabei, nun, bei der fünften Auflage, 299. Wird die Zahl weiter steigen?

Natürlich wäre das im Sinne der Spendensumme wünschenswert – schließlich gehen zehn Euro des Startgeldes jedes Teilnehmers an das jedes Jahr neu ausgewählte Projekt. Für uns zählt andererseits aber das gemeinschaftliche Klima statt der Streckenrekorde, der persönliche Bezug zu den Läufern statt der Teilnehmerrekorde. Das ist sicher auch der Hauptgrund dafür, dass die meisten Läufer jedes Jahr wiederkommen und unser Marathon auf dem Internetportal „Marathon4You“ unter den hundert besten in Deutschland und 20 besten in den neuen Ländern geführt wird und viele mit weitaus mehr Teilnehmern dahinter liegen. Wir genießen gerade wegen der familiären Atmosphäre, verbunden mit der abwechslungsreichen Strecke, einen guten Ruf in der Szene. Zudem würden wir mit einer Vergrößerung streckentechnisch und logistisch schlicht an unsere Grenzen stoßen. Für uns steht das soziale Engagement im Vordergrund, nicht das Sportevent.

Dennoch ist der Organisationsaufwand beträchtlich. Wie lange dauern die Vorbereitungen und wie viele Helfer sind jedes Jahr im Einsatz?

Neben den Vereinsmitgliedern Simone und Michael Mieth, Steffen und Lars Neumann, Marcel Wiech, Robert Tschischka, André Beck, Katja Pukshofer, Andreas Jäckel, Sven Wachsmuth, meinem Bruder Heiko Reisener und mir brauchen wir jedes Jahr etwa 50-60 freiwillige Helfer, um die Verpflegung und Streckenabsicherung zu gewährleisten. Schon jetzt beginnen unsere Planungen für den Erfurt-Marathon 6 – da kann man bei den vielen kleinen und größeren Aufgaben nicht früh genug anfangen.

Neben Ihrer Arbeit als Dozent an einer Erfurter Berufsschule die zeitaufwendige Tätigkeit bei Annakram – sind Sie ein Altruist?

Es gibt keinen Menschen, der absolut selbstlos handelt. Durch mein Mitwirken bei Annakram habe ich einen großen Freundes- und Bekanntenkreis und das bereichernde Gefühl, etwas Gutes zu tun. Es gibt aber viele in unserem Verein, die genauso viel machen. Ich bin nicht der Mister Erfurt-Marathon.

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