Als der Hubschrauber das Olympiarennen entschied

Mehla.  Interview der Woche: Thomas Barth wird heute 60, spricht über die Friedensfahrt, die Etappen in Kiew, warum er mit Trainer Marschner angeeckt ist

Mit 60 noch im Sattel: Thomas Barth startet im Freizeitsport, doch noch mit Ehrgeiz und Startnummer.

Mit 60 noch im Sattel: Thomas Barth startet im Freizeitsport, doch noch mit Ehrgeiz und Startnummer.

Foto: Privat

Thomas Barth hat sich als Kapitän der DDR-Friedensfahrtmannschaft einen Namen gemacht, war nach der Wende auch Profi. Seinen runden Geburtstag feiert er heute in Leitlitz bei Zeulenroda. Genau dort hat er 1972 die „Kleine Friedensfahrt“ gewonnen – sein erster Erfolg bei einem Radrennen.

Eigentlich spreche ich mit dem Olympiasieger von 1980, oder?

(Lacht). Ja, eigentlich schon.

Zum Lachen war es nicht, als der Hubschrauber über der Hügellandschaft in Krylatskoje auftauchte.

Es war ein hartes Rennen. 189 Kilometer auf einem kurvigen Kurs – die Strecke galt als die schwerste zu fahrende in der olympischen Geschichte, fast die Hälfte der Fahrer ist ausgestiegen. Ich war gut dabei, war in Topform. Doch sind Sergej Suchorutschenkow, Czeslaw Lang und Juri Barinow abgefahren – eigentlich keine bedrohliche Situation. Die drei sind so 250 Meter vor dem Feld gefahren. Wir haben sie gesehen. Doch plötzlich wurde es laut, das Dröhnen eines Hubschraubers war zu hören und dann tauchte das grüne Ungetüm über uns auf.

Und was geschah dann?

Erst hat man vom Hubschrauber aus das Rennen gefilmt. Dann ist der Hubschrauber abgedreht, die Rotoren haben einen mächtigen Wirbel gemacht – und wir hatten plötzlich Gegenwind. Und die Ausreißer bekamen einen Schub. Und mit dem Rückenwind waren die drei weg, hatten auf einmal ein paar Minuten Vorsprung. Inzwischen wurden die Regularien geändert, vom Hubschrauber aus dürfen die Rennen nicht mehr gefilmt werden.

Die Nummer mit dem Hubschrauber nennt man Heimvorteil ...

Eiskalt und clever gemacht. Aber eigentlich hätten die drei disqualifiziert werden müssen. Sind sie aber nicht – und so bin ich als Erster aus dem Verfolgerfeld Olympiavierter geworden.

Der Frust war groß?

Ich wusste, da kannst du nichts machen. Auf dem olympischen Rennen ist der Deckel drauf. Als Radsportler hatten wir mit Silber im 100-km-Mannschaftszeitfahren – mit Olaf Ludwig im Quartett – und meinem vierten Platz die Vorgaben erfüllt, die geforderten Nationenpunkte eingefahren.

Nicht einmal ein vom Winde verwehtes Olympiarennen kann Sie also erschüttern?

Ich bin vom Radsportvirus infiziert. Ich liebe diesen Sport und was ich nicht ändern kann, das kann ich nicht ändern.

Wie haben Sie sich denn infiziert?

Zunächst war ich Fußballer bei der BSG Motor Zeulenroda und hab‘ da auch schon immer mal bei Radrennen mitgemacht. Ich bin mit einem normalen Rad gefahren, hab aber trotzdem gewonnen. Später hab ich mein erstes Diamant-Rennrad bekommen – mit acht Gängen, zwei vorn, sechs hinten. Als es einmal hieß, du musst beim Rennen einen Helm tragen, da hab‘ ich mir einen Motorradhelm aufgesetzt – was anderes hatte ich ja nicht. Ich fiel auf. Auch den Trainern in Gera, und so wurde ich eingeladen, bin für die BSG Wismut und ab 1974 für die SG Wismut Gera gefahren.

Und dann ging es voran.

Und wie. Mich konnte keiner mehr halten. Mit ordentlichem Material, guten Trainern ging es voran. Ich hatte ja auch immer mein Zusatztraining, weil ich die Strecke Arnsgrün nach Gera vor und nach dem Training gestrampelt bin – einen Internatsplatz hatte ich noch nicht. Wir wurden in Gera großartig gefördert, für alles war gesorgt. Nur mit Trainer Werner Marschner bin ich immer angeeckt.

Wieso das?

Na ja. Ich war eine Materialschlampe. Mein Rad putzen. Nee, dazu hatte ich keine Lust. Also hat mich der Trainer angezählt und gemeint: Wenn du gewinnst, dann putzt dir der Mechaniker das Rad. Sie ahnen es: Klar habe ich gewonnen und der Mechaniker musste ran. War für ihn natürlich Zusatzarbeit. Aber ich hab‘ ihm dann immer meine Blumensträuße von den Siegerehrungen vermacht. Die hat er dann seiner Freundin geschenkt und kam auch groß raus. Ich hatte mit Mädchen damals nichts im Sinn. Es gab für mich nur Radsport.

Ihren Spitznamen Bauer haben Sie in Gera bekommen?

Ich komme ja aus Arnsgrün. Meine Eltern hatten ein Gehöft. Ich hab schon früh auf dem Hof mit angepackt. Milchkannen-Schleppen sollte man als Trainingsmittel einführen. Ich habe in jungen Jahren Athletiktraining gemacht, ohne es zu wissen. Ja und meine Art, als Junge vom Dorf, kirchlich und konservativ mit eigenem Dialekt, damit fiel ich in der Stadt auf und war dann der Bauer und bin es heute noch.

Sportlich konnten Sie schnell die ersten Erfolge ernten, waren 1977 und 1978 Junioren-Weltmeister mit der Straßen-Mannschaft und von 1980 bis 1989 der Kapitän der DDR-Friedensfahrt-Mannschaft.

Der Erfolg der Mannschaft, damals hieß es Kollektiv, stand über allem.

Warum das?

Ein Einzelsieger kann abrutschen, mit sich und der Welt nicht mehr klar kommen. Das passte nicht ins DDR-Bild. Doch ein Sieg der Mannschaft, der bleibt. Wie 1982. Da haben wir die blauen Trikots für den Mannschaftssieg erkämpft, wurden in Berlin groß gefeiert. 1982 sind wir als Mannschaft „DDR-Sportler des Jahres“ geworden.

Möchten Sie eine Friedensfahrt hervorheben?

Jede war auf ihre Weise besonders.

Und jene mit Start in Kiew? Am 26. April 1986 hatte sich der Reaktor-Unfall in Tschernobyl ereignet. Zehn Tage später wurde die Friedensfahrt im 100 Kilometer entfernten Kiew gestartet. Von strahlenden Siegern durfte da keiner schreiben.

Wir mussten uns auf die Informationen aus den Medien verlassen. Wir hatten den Eindruck, im Westen würde übertrieben über den Gau berichtet, bei uns der Unfall verharmlost. Nach den Rennen mussten wir unsere Radsachen komplett abgeben und bekamen neue. Das war schon sehr seltsam. Hinterher weiß man immer mehr.

Vier Jahre später taten sich neue Möglichkeiten auf. Der Blick ging nach Westen. Auch Sie haben das Amateurlager verlassen.

Ich habe beim Team TVM einen Vertrag unterschrieben. Reich bin ich als Profi nicht geworden. Wir waren ein kleines Team, aber ich bin die Spanien-Rundfahrt und die Tour de France gefahren, darauf werde ich noch angesprochen.

Schon 1992 haben sie aufgehört als Profi. Warum?

Ich bekam ein Angebot für eine berufliche Perspektive, das ich nicht abschlagen konnte. Mir wurde angeboten, beim schwäbischen Fahrradhersteller Centurion als Vertriebsleiter für den Osten Deutschlands einzusteigen. Das habe ich gemacht und mache es mit großer Freude und Erfolg auch heute noch. So bin ich auch dem Radsport verbunden geblieben. Hätte ich die Wahl: Ich würde alles noch mal so machen, möchte die 30 Jahre vor und die 30 Jahre nach der Wende nicht missen.