Domplatz 1: Radsportler Tony Martin - Der Heimkehrer

Erfurt. Rad-Weltmeister Tony Martin diskutierte mit TA-Lesern über den Radsport-Standort Thüringen, neue Ziele und seine Eis-Leidenschaft.

Seine Hilfe bietet Tony Martin beim Erhalt des Radsport-Standortes an. "Ich hoffe, dass der Thüringer Verband mit intelligenten, fähigen Leuten wieder etwas Attraktives aufbaut. Es ist weniger eine Frage des Geldes als des Konzeptes", sagte der Weltmeister gegenüber den TA-Lesern im Erfurter Café Nerly. Foto: Sascha Fromm

Seine Hilfe bietet Tony Martin beim Erhalt des Radsport-Standortes an. "Ich hoffe, dass der Thüringer Verband mit intelligenten, fähigen Leuten wieder etwas Attraktives aufbaut. Es ist weniger eine Frage des Geldes als des Konzeptes", sagte der Weltmeister gegenüber den TA-Lesern im Erfurter Café Nerly. Foto: Sascha Fromm

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Kurt Liebeskind: Wie sind Sie zum Radsport gekommen?

Mein großer Traum war als Kind Fußball-Profi. Eigentlich. Doch mit 12, 13 merkt man da bereits, dass es nach ganz oben nicht reichen wird, allenfalls bis zu dritten Liga. Und dann war da natürlich mein Vater, der selbst zu DDR-Zeiten Rennen bestritt und meine Begeisterung so richtig weckte, als wir mal im Urlaub zur Tour de France an die Strecke fuhren. Dann stellten sich relativ schnell erste Erfolge ein.

Frieder Aurich: Wann ist der ideale Zeitpunkt, um mit dem Radsport zu beginnen?

Auf jeden Fall eher als bei mir, so mit 8 bis 10. Denn ich hatte ziemliche Probleme, im relativ späten Alter die Techniken, wie zum Beispiel das Windschattenfahren, zu erlernen.

Jonathan Dinkler: Wann haben Sie sich entschieden, welchen beruflichen Weg Sie einschlagen?

Ich hatte damals nach dem Abi kaum Alternativen. Die Polizeimeister-Ausbildung in Meiningen ließ sich mit dem Sport gut verbinden. Spaß und Freude daran kamen in der Ausbildung. Ich bin auch sehr froh und dankbar, dass ich dies gemacht habe, als zweites Standbein. Das verleiht Sicherheit. Als ich in die Schweiz umzog, habe ich gekündigt, um die Stelle für andere Polizisten freizumachen. Ob ich nach 10, 15 Jahren in den Job zurückkehre, weiß ich noch nicht. Das wird eher schwer.

Jonathan Dinkler: Waren Sie ein guter Schüler?

Ich war weder Streber noch Faulenzer. In Chemie und Physik hatte ich Probleme. Seltsamerweise lief es dafür in Mathe gut.

Volkmar Lübeck: Womit beschäftigen Sie sich gedanklich bei Ihren fünf- bis sechsstündigen Trainingsausfahrten? Also ich lerne Englisch-Vokabeln von einem Zettel, den ich mir am Lenker festklebe.

Gute Idee (lacht). Mein Geheimrezept ist die Musik - Hip-Hop oder R'n'B als Stil. Rhianna oder Jay-Z zum Beispiel. Das bringt mich zugleich in einen flotten Rhythmus. Ansonsten bin ich ein Mensch wie andere auch, der über seine Konflikte oder Tagesaufgaben nachdenkt. Wichtig ist, damit es nicht langweilig wird: Zwischenziele setzen! Zum Beispiel einen Café-Besuch auf halber Strecke.

Konrad Geßner: Wie sehr müssen Sie sich überwinden, auch bei schlechtem Wetter zu trainieren?

Eigentlich kaum. Ich bin sehr ehrgeizig und brenne für große Ziele. Ich stecke die ab. Dann stellt sich bei mir ein Automatismus ein, der Qualen und Schmerzen vergessen lässt. Zudem bin ich dankbar für den Radsport-Beruf.

Thomas Onißeit: Wir verbringen Sie die wettkampffreie Zeit vor der neuen Saison?

Das ist diesmal durch meine Hand-OP etwas anders. Da mache ich komplett Ruhe, steige erst Anfang Dezember wieder aufs Rad. Ansonsten: Joggen, ein wenig Radfahren. Auf Fußball verzichte ich wegen der Verletzungsgefahr. Es gibt aber auch Dinge, die tödlich für Radsportlermuskeln sind - ein 500-Meter-Sprint zum Bus zum Beispiel.

Oder einmal habe ich mit Kumpels aus Jux Baseball-Würfe geübt. Danach war die ganze Oberkörper-Muskulatur verspannt.

Thomas Onißeit: Welche Rolle spielt die Ernährung?

Ich habe mir im Selbststudium einiges angeeignet, arbeite auch mit einer Ernährungsberaterin zusammen, da ich beim Abnehmen im Nachwuchsbereich einige Fehler gemacht habe. Ich muss aber nicht völlig auf Burger, Döner oder Pommes verzichten. Alles in Maßen! Meine Schwäche ist eher Eis - und da eher die exotischen Sorten.

Jens Nitschke: Sie sind ein begnadeter Zeitfahrer - sehen Sie aber auch die Chance, Rundfahrten zu gewinnen?

Definitiv, was einwöchige Rundfahrten anbelangt. Die Ziele schließen sich nicht aus. Die Tour de France ist jedoch wegen ihrer Schwere gegenwärtig außer Reichweite. Da würde ich bei anderem Training zu viel an Zeitfahr-Qualitäten einbüßen. Das Risiko ist mir zu hoch.

Erwin Erdmann: In Ihrer früheren Heimat wird es 2014 erstmals keine Thüringen Rundfahrt geben und nur ein kleines Nachwuchs-Team. Sehen Sie damit das Niveau des Standortes gefährdet?

Es ist eine ganz schwierige Zeit für den Thüringer Radsport. Als Kind war immer das "Team Köstritzer" mein großes Ziel, da wollte ich hin. Das gibt es nicht mehr, darin liegt eine Gefahr. Ich hoffe, dass der Thüringer Verband mit intelligenten, fähigen Leuten wieder etwas Attraktives aufbaut. Das ist weniger eine Frage des Geldes, als eine des Konzeptes. Ich würde das auch mit meinen Erfahrungen unterstützen.

Erwin Erdmann: Wie sehr bedauern Sie, dass zahlreiche deutsche Talente, auch Thüringer, nicht den Sprung zu den Profis geschafft haben?

Das ist extrem traurig, wenn ich nur an die Arnstädter Zwillinge Maximilian und Sebastian May denke. Es fehlt nach der Dopingkrise, welche die Generation davor verschuldet hatte, wieder ein erstklassiges Team in Deutschland - und damit an Profi-Arbeitsstellen. Dafür werde ich mich mit meinen Thüringer Rad-Kollegen Marcel Kittel und John Degenkolb immer wieder einsetzen. Die Hoffnung ist auf jeden Fall da. Es zeigen sich einige für solch ein Projekt offen.

Konrad Geßner: Hatten Sie einst Probleme, den Sprung aus der U-23-Altersklasse heraus zu verkraften?

Nein, ich stand da nie vor einer Klippe. Damals gab es ja auch noch die Konkurrenz-Situation zwischen den großen Teams T-Mobile und Gerolsteiner. Für letztere hatte ich damals als Probefahrer gleich ein Profi-Zeitfahren gewonnen. Das war einer der Impulse, nach denen der Schritt zum T-Mobile-Nachfolgeteam Columbia und dann Highroad reibungslos verlief. Aber ich weiß: Das ist die Sonnenseite.

Volkmar Lübeck: Sie leben, wie zahlreiche andere deutsche Radsportler schon länger, seit vier Jahren, in Kreuzlingen. Was macht die Schweiz als Wohnort so attraktiv?

Es ist einfach ein optimales Umfeld. Erstens topografisch - ich kann von dort aus sowohl Berge trainieren als auch Flachstücke, was fürs Zeitfahren wichtig ist. Zweitens ist es klimatisch durch die Nähe zum Bodensee auch im Winter erträglich. Drittens bin ich in 45 Minuten am Flughafen mit weltweit sehr guten Verbindungen. Das ist wichtig.

Vor allem Letzteres ist in Erfurt nicht so - aber ich möchte keinesfalls schlecht über Thüringen reden. Erfurt ist als Stadt toll und als Radsportstandort. Es gibt hier viele Leute, denen ich meine Karriere zu verdanken habe - mein Manager Jörg Werner, meine früheren Trainer Jens Lang und Michael Beckert. Und viele Freunde. Und deshalb befällt mich immer schon etwas Heimweh, wenn ich nach den zuletzt leider nur kurzen Urlaubsaufenthalten wieder weg muss.

Jens Nitschke: Nun fahren Sie für die belgische Mannschaft Omega-Pharma-Quickstep. Gibt Ihnen jemand - wie in den Nachwuchs-Altersklassen oder wie im früheren DDR-Radsport - die Trainingspläne vor, an die Sie sich strikt halten müssen?

Ich arbeite seit vier Jahren mit Sebastian Weber zusammen, der einen sehr guten Ruf hat und unter anderem auch Sprinter André Greipel betreut. Das ist aber kein stures Ableisten; ich habe da einige Freiheiten. Es ist ein Dialog, in dem wir optimale Lösungen finden. Mitunter staunen wir dann beide über das Ergebnis. Hinzu kommen zahlreiche Tests. Ganz wichtig: die Aerodynamik fürs Zeitfahren.

Jonathan Dinkler: Wie würden Sie Ihren Führungsstil als Kapitän beschreiben?

Das ist ein stetiger Lernprozess - in der U-23-Klasse bin ich da noch mitunter gescheitert. Es ist ein hartes Geschäft - deshalb bin ich für klare Ansagen. Man muss auch mal deutlich äußern: Das war heute Mist, wie du oder du gefahren bist. Aber ich möchte trotz allem eine Balance hinbekommen. Da schmeißt man abends mal eine Runde - das hebt die Motivation. Und auch dabei kann man ernste Sachen besprechen.

Erwin Erdmann: Früher, zum Beispiel zu Friedensfahrt-Zeiten, war nicht automatisch der stärkste Fahrer Kapitän. Sondern der erfahrenste Sportler, der die Strippen zieht und sich letztlich für die Siegfahrer aufopfert - wie einst der Geraer Thomas Barth für Olaf Ludwig oder Uwe Ampler. Wie stehen Sie zu diesem Modell?

Das ist etwas, das gegenwärtig heiß diskutiert wird. Möglich, dass da in einigen Mannschaften ein Umdenken erfolgt.

Kurt Liebeskind: Welche Freiheiten haben Sie im Team? Reichen Sie Ihnen aus?

Ich habe keinerlei Star-Allüren. Ich bin ein Teamplayer, der auch für Kameraden wie den Polen Michal Kwiatkowski oder den Kolumbianer Rigoberto Uran im Wind den Buckel krumm machen und Löcher zufahren kann. Ich feiere Zeitfahr-Siege genauso gern wie die vom Team vorbereiteten Sprint-Erfolge von Mark Cavendish.

Mein Vertrag endet 2014. Ich bin sehr zufrieden im Team. Die Planung geht jedoch weiter. Die Ausrichtung der Mannschaft muss stimmen.

Kurt Liebeskind: Sie waren als Jugendlicher auch ein guter Bahnfahrer. Trauen Sie sich zu, den Stundenweltrekord zu knacken?

Im Vordergrund stehen bei meinen Zielen weiter ganz klar die Zeitfahr-WM-Titel auf der Straße und in der Ferne Olympia 2016 in Rio, wo die flache Strecke entlang der Copacabana mir entgegenkommen soll. Meine Rivalen Fabian Cancellara und Bradley Wiggins beabsichtigen ja ebenfalls in Richtung Stundenweltrekord zu gehen. Das beobachte ich, habe diese Ambitionen aber auch selbst im Hinterkopf: Der schnellste Mann der Welt zu sein, wäre doch ein schöner Titel.

Frieder Aurich: Ich erlebe täglich in meiner Arbeit mit Kindern, welch ein großes Vorbild Sie bereits für Zehn- bis Zwölfjährige sind. Haben Sie diese Rolle verinnerlicht?

Es freut mich, macht mich stolz. Das ist der schönste Lohn. Ich gebe aber zu: Da ich ein recht zurückhaltender Mensch bin, habe ich eine Weile gebraucht, um das zu verinnerlichen und zu begreifen, was da alles auf mich einstürmt. Aber ich nehme diese Rolle gern an.

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