Mit dem Materialwagen auf der letzten Etappe der Deutschland-Tour

Erfurt  Mittendrin, aber nicht dabei: Ein Bericht aus dem Materialwagen auf der letzten Etappe der Deutschland-Rundfahrt.

Im italienischen Materialwagen mit auf Deutschland-Tour: Henryk Goldberg (M.).

Im italienischen Materialwagen mit auf Deutschland-Tour: Henryk Goldberg (M.).

Foto: Vittoria

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Irgendwo hier muss ein Radrennen sein. Ich weiß es genau. Aber ich sehe es nicht, und verstehen kann ich auch nichts. Ich sitze im neutralen Materialwagen des italienischen Reifenherstellers Vittoria. Und natürlich, wie sonst, sind der Fahrer und der Mechaniker Italiener. Was auch bedeutet, dass sie Italienisch sprechen. Laut und fröhlich. Einer sagt fragend: „Italiano?“ Ich erwidere geistesgegenwärtig „prego“ und „Cappuccino“. Sie lächeln und gehen weiter ihren Obliegenheiten nach. Etwas später fällt mir noch „Ti amo“ ein, aber das sage ich nicht. Ohne den Kontext und weitere Erklärungen, das Thema Italienisch ist abgeschlossen, könnte das zu Missverständnissen führen und die Atmosphäre trüben.

Der Mann, der sich hinten neben die Laufräder kauert, reicht mir die Hand nach vorn und sagt: „Fabio“. Nun frage ich, den Fahrer. Der zeigt mir seinen Namen, als ich ihn nicht verstehe, auf seinem Handy und fügt „Google“ hinzu. Ich google und finde Danilo Napolitano. Ich sehe noch mal nach links. Der Mann hat 2007 eine Etappe des Giro d’Italia gewonnen und dabei Robbi McEwen und Alessandro Petacci geschlagen. Wer ein wenig Spaß am Radsport hat, wird einen solchen Mann nicht als seinen Kraftfahrer betrachten. Auch wenn er in dieser Eigenschaft dem Ruf seines Landes alle Ehre macht. Sehr entspannt, sehr lässig, manchmal, wenn die Kurven sich abwärts dem rechten Winkel nähern, benutzt er sogar beide Hände. Und verschafft mir auf der finalen Runde ein Erlebnis, das ich mir aus verschiedenen Gründen noch nie gegönnt habe: mit 105 km/h das Lauentor hinauf. Hier konzentriere ich mich sonst darauf, die geforderten 30 einzuhalten.

Die Schwierigkeit, einen Rennfahrer zu sehen

Aber jetzt konzentriere ich mich auf die schwierige Aufgabe, während eines Radrennens Rennradfahrer zu sehen. Aber ich sehe nur ganz, ganz viele Motorräder, ganz, ganz viel blinkendes Blaulicht und einige Personenkraftwagen. Der neutrale Materialwagen fährt an der Spitze des Rennens, um zu helfen, wenn das eigene Teamfahrzeug zu weit entfernt ist. Ich höre im knarzenden Radio Tour etwas von „Breakaway“, und „two riders“, aber ich sehe die beiden nicht. Einmal läuft es gut. Ein Fahrer des kleinen Teams Lotto Kernhaus setzt sich ab, gewinnt eine Minute. Natürlich hat er keine Chance gegen ein Feld, in dem zwei Tour-de-France-Sieger fahren und Julian Alaphilippe, der Mann, der Frankreich in diesem Jahr verzückte, als er bei der Tour über Tage das Gelbe Trikot verteidigte. Aber für den unbekannten Fahrer ist es ein schönes Erlebnis und für mich auch.

Denn die Teamfahrzeuge fahren in der Reihenfolge, in der ihre Fahrer platziert sind, und natürlich war sein Wagen hinten. Also dürfen wir, und ich sehe, tatsächlich, wie der Junge kämpft und sich quält. Er hält sich nicht lange vorn und also wir auch nicht.

Aber irgendwie schön ist es doch. Wir sind die fröhlichen Italiener. Am Straßenrand stehen die Leute, wo ich sonst stehe bei solcher Gelegenheit. Danilo lässt sein fröhliches Horn ertönen, eine normale Hupe ist das nicht, und wir winken, was das Zeug hält. Manchmal entsteht für den Teil einer Sekunde ein Blickkontakt mit einem unbekannten Menschen, ein Lächeln wird erwidert. Hat auch was.

Aber dennoch habe ich jetzt einen Hunger-Ast. Am Morgen war es mir zu früh zum Essen, ich verließ mich auf die Vip-Schnittchen. Aber sie haben mich nicht reingelassen.

Kurz vor dem Ziel müssen wir abbiegen. Ich schaue mir das Finish auf dem Handy an. Zu Hause der Bildschirm ist größer. Ich war mittendrin, aber nicht wirklich dabei.

Aber es war trotzdem schön.

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