Rad-Neuprofi John Degenkolb im Interview

Er könnte der künftige Klassiker-Jäger des Welt-Radsports werden. Auf Mallorca holt sich der Erfurter John Degenkolb ab Sonntag für seine erste Profisaison viele nötige Trainingskilometer. Der Vize-Weltmeister, deutsche U-23-Meister und Thüringenrundfahrt-Sieger - der vorige Woche seinen 22. Geburtstag feierte - will im weltweit erfolgreichsten Rennstall HTC-Highroad einer großen Zukunft entgegenfahren.

Dauer-Jubel: John Degenkolb, hier beim Thüringenrundfahrt-Sieg hatte im Vorjahr im Energie-Team eine überragende Saison. Foto: Sascha Fromm

Dauer-Jubel: John Degenkolb, hier beim Thüringenrundfahrt-Sieg hatte im Vorjahr im Energie-Team eine überragende Saison. Foto: Sascha Fromm

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Verfluchen Sie als Sommersportler diesen Winter?

Nein. Dafür mag ich Skisport zu sehr. Ich war zuletzt mehrfach in Oberhof zum Langlauf und sogar im Steigerwald auf Brettern aktiv. Viele sagen, ich kann das ganz passabel. Auch Alpin. Ich komme dabei sogar schwarze Pisten heil runter. Nur werde ich diese Saison dafür leider keine Zeit haben. Ich bin dieses Jahr auch schon fünf Stunden am Stück Rad gefahren, Richtung Arnstadt. Außerhalb von Erfurt scheinen die Straßen besser geräumt zu werden. Nur Schutzbleche müssen ans Rennrad, sonst wird’s durch das Matschgespritze ungemütlich. Hinzu kommt das Rollentraining im Olympiastützpunkt. Ich liege im Soll.

Und wie war’s in Kalifornien?

Toll, vor allem an der Küste von Malibu und in den Canyons im Hinterland! Nur sind wir Mitte Dezember rund um die Teampräsentation zunächst von Termin zu Termin gejagt. Die letzten Tage wurde es in Los Angeles ruhiger. Da haben wir herrliche Touren unternommen. Je- doch kamen dann Unwetter und Überschwemmungen dazwischen. Aber wir sind heil rausgekommen.

In den Jahren zuvor sind bereits Tony Martin und Patrick Gretsch vom Thüringer Energie-Team zu Highroad gewechselt - macht sich da Stimmung wie bei einem Klassentreffen breit?

Na, es ist jedenfalls schön, vertraute Leute bei so einem großen Schritt um sich zu haben. Es spricht auch sicher für die gute Ausbildung in Erfurt. Klar gibt’s da mal einen Spaß für Thüringer Insider. Aber mit Ex-Weltmeister Bert Grabsch sind wir nur vier Deutsche. Es ist deshalb auch ein komisches Gefühl: Du denkst, es ist der Nachfolger von T-Mobile. Aber es ist nun ein riesiges amerikanisches Team mit Elite-Fahrern aus 15 Nationen. Allerdings sind auch viele der Betreuer Deutsche.

Auf welche Stars freuen Sie sich, wenn Sie gemeinsam mit denen im Peloton fahren?

Je näher man dran ist, desto mehr will man seinen eigenen Weg gehen, und um so weniger Idole gibt es. Es wird ja oft gesagt: Ich sei von den Anlagen her ein ähnlicher Fahrer wie Olaf Ludwig. Den Friedensfahrt- und Olympiasieger habe ich als Kind ja noch sprinten sehen. Klar, das hätte gereizt. Doch er ist schon 50. Das geht also nicht, leider.

Es kursiert die Legende: Sie haben als Elfjähriger bitterlich geweint, nachdem Sie verpasst hatten, dass Ihre Trainingsgruppe Jan Ullrich traf - weil Sie bei dieser Fahrt eher als die älteren Radsportler umkehren mussten. Wären Sie gern mit oder gegen den nunmehr 37-jährigen Tour-de-France-Sieger von 1997 gefahren?

Ja, das fände ich auch jetzt noch verlockend. Trotz allem, was war und was gemutmaßt wird. Denn es war geschichtsträchtig, was er 1997 geschafft hat. Sei’s drum - vielleicht gelingt es ja in Zukunft einem anderen deutschen Fahrer. Unter anderen Vorzeichen.

Steht Ihr Rennprogramm fest?

Zumindest der Saisoneinstieg Anfang Februar bei der Mallorca-Challenge. Danach folgt die Algarve-Rundfahrt und dann der Halbklassiker Het Volk.

Und der martialische Kopfstein-Klassiker Paris - Roubaix gegen Ende April?

Ich bin zuversichtlich, ihn zu fahren. Doch das ist eines der wenigen Rennen, das auch in den USA im TV läuft. Da müssen unbedingt die besten acht des Teams antreten. Dafür muss ich mich also empfehlen, um mir diesen Traum zu erfüllen.

Manche sagen, Sie gewinnen diese Tortur als erster Deutscher seit Josef Fischer 1896.

Ich hoffe es, in ein paar Jahren. Olaf Ludwig hatte in den 90er Jahren als Zweiter, Dritter und Vierter große Auftritte. Aber vielleicht mache ich’s noch besser. Es gehört viel Leidensfähigkeit, Instinkt und auch Glück dazu.

Olaf Ludwig, der in Ihrer Geburtsstadt Gera einst Ihr sogenannter Rad-Pate war, sagt: "Jemand wie John muss aufpassen, im ersten Jahr nicht zu ehrgeizig heranzugehen. Man darf ihn mit Erwartungen nicht überfrachten."

Ist richtig. Ich sehe selbst die Gefahr und will lernen in dieser anderen Welt. Wichtig ist, dass ich mich immer steigere. Ich denke, mit Jens Lang als Trainer, Jörg Werner als Manager, Erik Zabel und Jan Schaffrath als Sportliche Leiter habe ich Leute um mich, die ihre Hände über mich halten und mit mir abwägen. Aber: Ohne gesundes Zutrauen und Ehrgeiz gewinnt niemand große Klassiker.

Ihr Saisonziel lautet . . .

. . . ein Profi-Rennen gewinnen - egal, welche Kategorie. Und mir einen guten Namen für später, für größere Aufgaben erarbeiten. Ich weiß, es wird ein hartes Brot.

Was ändert sich - was bleibt?

Die Zahl der Trainingskilometer bleibt etwa gleich. Letzte Saison waren es 24 000. Dafür wird die Zahl und Härte der Wettkampfkilometer drastisch steigen. Zwar hat Columbia mit dem Kölner Sebastian Weber einen guten Coach, der auch Tony Martin betreut und der Leistungsdiagnostik-Tests mit mir vornimmt. Doch das Team hat akzeptiert, dass Jens Lang mein Heimtrainer bleibt. Auch werde ich weiter in Erfurt wohnen. Obwohl meine Eltern kurz nach der Wende nach Bayern zogen, habe ich hier meinen Freundeskreis.

Eine Seite neben dem Sport ist Ihr Job als Polizeimeister. Können Sie sich derzeit vorstellen, nach Ihrer Karriere in diesem Beruf zu arbeiten?

Durchaus, es ist interessant und abwechslungsreich. Das habe ich in den Diensttagen meiner Probezeit in den letzten drei Monaten gespürt. Am 28. Januar werde ich dann zum Beamten auf Lebenszeit ernannt, aber unbezahlt freigestellt. Ein Beruf ist jedenfalls in solchen nicht gerade rosigen Radsportzeiten wichtig - wer so was als Rückhalt hat, muss sich nicht auf Doping und andere Risiken einlassen.

Was haben Sie in Ihren Polizei-Diensttagen gemacht?

Zum Beispiel den Erfurter Weihnachtsbaum und andere Schwerlast-Transporte eskortiert. Beim Fußballderby Erfurt gegen Jena habe ich mit Kollegen den Verkehr geregelt. Zudem blitzten wir Autos mit überhöhter Geschwindigkeit und Fahrer mit Handy am Ohr und ohne Gurt. Ist mitunter Wahnsinn, was man da erlebt.

Und wurde mal einer der Erwischten pampig?

Nicht nur einer. Aber obwohl ich nicht auf den Mund gefallen bin, sehe ich mich eher als vermittelnder Typ. Es gab keine Handgreiflichkeiten.

Und hat jemand erkannt, dass er von einem Top-Radsportler angehalten wurde?

Das kam schon vor. War komisch, weil ich doch gar nicht aus Erfurt stamme. Das hatte ich wirklich nicht erwartet.

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