Thüringer Radprofi Marcel Kittel: Das Ende einer großen Karriere

Erfurt  Für den gebürtigen Arnstädter, der 14 Tagessiege bei der Tour de France feierte, rückt nun die Familie in den Mittelpunkt.

Eingerahmt: Marcel Kittel mit Herzogin Kate und Prinz Harry.

Eingerahmt: Marcel Kittel mit Herzogin Kate und Prinz Harry.

Foto: imago / sportfotodienst

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Deutschlands Tour-Rekordetappenjäger Marcel Kittel hat genug von den Torturen und beendet nach 89 Profisiegen seine glanzvolle Radsport-Karriere. Der 31-Jährige Thüringer zog nach mehrmonatiger Überlegung ei­nen Schlussstrich. „Schmerzen definieren den Sport, die Welt, in der du lebst. Ich habe jede Motivation verloren, mich weiter auf dem Rad zu quälen“, sagte Kittel dem Magazin „Spiegel“ .

Gegenüber dieser Zeitung ergänzte er: „Ich habe mir zu der Entscheidung sehr viele Gedanken gemacht und sie mit meinen engsten Freunden und meiner Familie besprochen.“ Der Prozess sei über längere Zeit abgelaufen: „Es gab während meiner Laufbahn über fast 20 Jahre wahnsinnige Erfolge, aber auch mal schwierige Phasen. Ich bin immer jemand gewesen, der in diesen Situationen offen hinterfragt hat.“ Dieses Denken hätte ihm auch geholfen, alte Pfade zu verlassen und Neues kennenzulernen. „Ich weiß, dass da noch mehr ist als nur Sport, zum Beispiel meine zukünftige eigene Familie.“ Er hätte die Einschränkungen als Spitzensportler auch immer mehr als Verlust an Lebensqualität empfunden „Deshalb bin ich sehr froh, dass ich an diesem Punkt meines Lebens selbstbestimmt eine neue Richtung einschlagen kann.“

Kristina Vogel: „Der Schritt ist sehr mutig, ich kann ihn verstehen.“

Sein Manager Jörg Werner urteilt: „Marcel ist von den Sportlern, die ich betreue, der mit dem meisten Talent und er ist schon immer ein sehr reflektierter Mensch. Das hat es ihm sicher nicht einfacher gemacht. Es gibt mir aber die Gewissheit, dass er weiter seinen Weg gehen wird.“

Die ebenfalls von Werner betreute zweifache Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel äußert: „Marcel kann sehr stolz darauf sein, was er erreicht hat. Der Schritt ist sehr mutig, ich kann ihn verstehen.“ Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler meint: „Damit sagt ein Großer des Sports bye, bye. Für viele Talente ist und bleibt er Vorbild – nicht zuletzt durch den legendären Kittel-Cut.“

Der Thüringer war 2011 Profi geworden und ist mit 14 Tagessiegen deutscher Rekord-Etappensieger der Tour de France, wo er 2013 und 2014 auch jeweils einen Tag das Gelbe Trikot trug. Im Mai hatte er seinen Vertrag beim Team Katusha-Alpecin aufgelöst, weil er kein Vertrauen mehr gespürt habe, „sondern nur Druck, Druck, Druck.“

Seitdem hatte er die Zukunft offen gelassen. Schon 2015 waren Zweifel aufgetaucht, als er krankheitsbedingt monatelang durchhing. Tage habe es damals gegeben, da sei er zehn Kilometer gefahren, „dann habe ich geheult und bin wieder umgedreht“, bekennt er. Kittel suchte psychologische Hilfe, doch die Frage nach dem Warum blieb.

„Als Radfahrer bist du 200 Tage im Jahr unterwegs.“

Als neuer Arbeitgeber war zuletzt der niederländische Rennstall Jumbo-Visma im Gespräch, das Team des befreundeten Kollegen Tony Martin. Doch nun steigt er aus dem Sattel.

„Als Radfahrer bist du 200 Tage im Jahr unterwegs. Ich möchte meinen Sohn nicht über Skype aufwachsen sehen“, meinte Kittel, der mit seiner niederländischen Freundin Tess von Piekartz im November sein erstes Kind erwartet. Ab dem Wintersemester studiert er an der Universität Konstanz Wirtschaft.

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