Jens Voigt: In naher Zukunft ist „kein deutscher Toursieger in Sicht“

Erfurt  Rad-Legende Jens Voigt im Interview über deutsche Chancen in Frankreich, Kristina Vogel und einen Triumph in Erfurt vor 13 Jahren.

Rad-Legende Jens Voigt fuhr zwischen 1998 und 2014 ohne Unterbrechung bei der Tour de France und schaffte es so auf 17 Teilnahmen.

Rad-Legende Jens Voigt fuhr zwischen 1998 und 2014 ohne Unterbrechung bei der Tour de France und schaffte es so auf 17 Teilnahmen.

Foto: Christoph Hardt/Imago

Jens Voigt gehörte einst zu den populärsten deutschen Radprofis, bis er 2014 seine Karriere beendete. 17-mal nahm der gebürtige Mecklenburger, der mit seiner Familie in Berlin lebt, an der Tour de France teil. Dem Radsport ist er treu geblieben, als Botschafter der Tour Down under oder als Kommentator für das amerikanische Fernsehen. Bei der Deutschland-Tour, die am 1. September mit der Etappe von Eisenach nach Erfurt endet, engagiert sich der 47-Jährige für den Radsport-Nachwuchs.

Wann sind Sie das letzte Mal mit dem Rad gefahren?

Das war gestern, mit meiner Frau. Wir waren vielleicht eine Stunde unterwegs und sind zu einem Café gefahren. Ich genieße solche Momente.

Keine Lust auf ein Radrennen?

Ich habe null Bock auf ein Comeback. Ich bin im DDR-System groß geworden, bin auf die Kinder- und Jugendsportschule gegangen, war 33 Jahre lang Radsportler. Das ist ein Drittel eines Jahrhunderts. Keine Zelle meines Körpers will sich noch einmal so quälen. Auf der anderen Seite möchte ich natürlich auch keine Sekunde missen, die ich als Radsportler erlebt habe.

Sie haben sechs Kinder. Gibt es irgendwann einen großen Radsportler aus dem Hause Voigt?

Nein, gewiss nicht. Meine Kinder fahren sehr gerne mit dem Rad. Aber eher zur Uni oder um zur Schule zu kommen.

Haben Sie als Eltern nicht auch ein ungutes Gefühl, wenn sich ihre Kinder in Berlin durch den Großstadtverkehr schlagen müssen?

Ja, klar. Das beschäftigt uns als Eltern. Ich habe meine Kinder erlebt, wie sie auf dem Rad herumgezappelt haben. Ich habe ihnen gesagt, dass sie ein Fahrzeugführer sind, selbst wenn sie auf einem Rad sitzen. Sie tragen in diesen Momenten für sich und andere die Verantwortung.

Deshalb engagieren Sie sich auch als Botschafter der „Kinder+Sport Mini-Tour“ im Rahmen der Deutschland-Tour?

Ja, das liegt mir am Herzen. Es geht vor allem darum, dass die Kinder sich sicher auf dem Rad bewegen. Deshalb werden wir drei Stationen aufbauen. Auf einem sogenannten Pump-Track geht es um die Stabilität auf dem Rad, auf einem Parcours wird die Geschicklichkeit geübt und auf dem Fahrrad-Simulator sehen die Kinder ein Video und müssen wie im Straßenverkehr richtig reagieren, ob sie zum Beispiel Vorfahrt haben. Am Ende erhält jedes Kind einen Fahrradführerschein.

Gibt es gar keine Rennen?

Doch, auch das ist Teil des Programms. Es wird ein Laufradrennen für Kinder zwischen zwei und fünf Jahren auf den letzten 100 Metern der Profistrecke geben sowie eine Bike-Parade der 6 bis 12-Jährigen, die dann eine längere Strecke fahren. Hier geht es aber nicht darum, wer als Erster im Ziel ist, sondern mehr um das gemeinsame Radfahren bei einer so tollen Kulisse.

Sie werden in Erfurt auch Kristina Vogel treffen, die mit dem Handbike unterwegs sein will. Bewundern Sie, wie sie es schafft, die Folgen ihres Unfalls zu meistern?

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Radsport kein Tischtennis ist. Ich habe 2011 einen Kameraden verloren, als mein Teamkollege Wouter Weyland beim Giro d` Italia gestürzt ist und starb. Das sind die Schattenseiten des Radsports. Oder 2009, als ich bei der Tour de France selbst schwer gestützt bin. Im Fernsehen hieß es, die Chancen, dass Jens Voigt überlebt, stehen bei 50:50. Und meine Kinder haben das gehört. Das war fürchterlich. Ich weiß nicht, ob ich wie Kristina Vogel die Stärke gehabt hätte, mit solch einem Unfall so umzugehen. Deshalb kann ich nur sagen: Ja, ich bewundere sie.

2006 haben Sie in Erfurt den Klassiker „Rund um die Hainleite“ gewonnen. Sind davon noch ein paar Erinnerungen hängen geblieben?

Ja, na klar. Ich habe damals an einem Wochenende zwei Siege mit etwas kuriosen Begleitumständen gefeiert. Ich habe mich durch die Arnstädter Hohle gequält und hatte im Ziel als Sieger 41 Sekunden Vorsprung. Hinter mir aber hat Robert Retschke als Zweitplatzierter die Arme hochgerissen, weil er dachte, dass er gewonnen hat. Hatte er aber nicht. Tags darauf ist mir das Gleiche bei einem Rennen in Bochum passiert. So etwas vergisst man natürlich nicht.

Wie nehmen Sie die Tour de France als inzwischen Außenstehender wahr?

Ich habe viel mehr Respekt für die Fahrer. Und es sind ja nicht nur 176 Radsportler am Start. Die Tour als das größte jährlich stattfindende Sportereignis der Welt bewegt täglich 3500 Menschen. Das ist beeindruckend.

Kommt da keine Wehmut auf?

Doch, das ist so. Aber wenn die Radsportler später ins Ziel kommen, gezeichnet von Stürzen, abgemagert oder von der Sonne verbrannt, dann bin ich ganz froh, nicht mehr dabei zu sein.

Wann wird es einen deutschen Fahrer geben, der die Tour de France gewinnt?

Ich sehe ehrlich gesagt in absehbarer Zeit keinen, der das schaffen kann.

Warum glauben Sie das?

Das deutsche System ist nicht darauf ausgelegt. Schon im Nachwuchs werden für dieses Ziel die falschen Rennen angeboten. Da werden meistens viele flache Runden durch irgendwelche Industriegebiete gefahren. In Italien ist das anders. Da gibt es Jugendrennen, wo auch mal schwere Berge im Weg stehen. Unter diesen Umständen wird es in Deutschland immer gute Sprinter geben. Aber für die Gesamtwertung wie bei der Tour de France wird es schwer.

Auch ein Maximilian Schachmann ist aus Ihrer Sicht kein Kandidat auf den Gesamtsieg?

Er ist ein großartiger Radsportler und hat wohl mehr Talent als ich es je hatte. Aber um in Paris Gelb zu tragen, musst du zweimal durch das Hochgebirge. Da kann man mal einen Tag überbrücken. Aber aus meiner Sicht ist Maximilian zu groß und athletisch, um drei Wochen so erfolgreich zu fahren, dass er die Tour gewinnt. Er kann es schaffen, Etappen dort zu gewinnen und vielleicht Platz fünf oder sechs zu belegen. Aber die Gesamtwertung, das wird - glaube ich - sehr schwer.

Was bedeutet die Wiederbelebung der Deutschland-Tour für den Radsport hierzulande?

Ich bin froh, dass sie wieder da ist. Sie ist das Aushängeschild des deutschen Radsports. Ziel muss es sein, die Tour auf eine Woche zu verlängern und vielleicht mal von Hamburg bis nach Bayern in die Berge zu fahren.

Wie haben Sie das Comeback der Deutschland-Tour im vergangenen Jahr erlebt?

Die Menschen an den Strecken waren begeistert. Ich glaube, es ist der richtige Weg, dass die Deutschland-Tour für die ganze Familie etwas bietet. Dazu ist ja zum Beispiel auch die „Kinder+Sport Mini-Tour“ für die Kinder da. Und dass in diesem Jahr solche Stars wie Julian Alaphilippe oder Geraint Thomas mitfahren, zeigte ja die Attraktivität dieses Rennens.

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