Rot-Weiß-Insolvenzverwalter Reinhardt: „Das ist ein Rachefeldzug“

Erfurt.  Rot-Weiß-Insolvenzverwalter Volker Reinhardt spricht im Interview über die Klagen der Ex-Investoren und den Stand des Verfahrens.

Volker Reinhardt ist seit Frühjahr 2018 Insolvenzverwalter des FC Rot-Weiß Erfurt.

Volker Reinhardt ist seit Frühjahr 2018 Insolvenzverwalter des FC Rot-Weiß Erfurt.

Foto: Sascha Fromm

Zweieinhalb Jahre währt das Insolvenzverfahren des FC Rot-Weiß Erfurt. Ein Zeitraum, der geprägt ist von großen Hoffnungen wie der avisierten Rückkehr in die 3. Liga und tiefen Enttäuschungen wie der Einstellung des Spielbetriebes im Januar. Zuletzt verschärfte sich zudem ein Rechtsstreit zwischen dem Insolvenzverwalter und ehemaligen Investoren, die sich um Geld betrogen fühlen. Wir sprachen mit Volker Reinhardt über die Vorwürfe, die Hintergründe des Streits, den aktuellen Stand des Verfahrens.

Herr Reinhardt, der ehemalige Hauptinvestor hat einen Vollstreckungstitel gegen Sie erwirkt, Gerichtsvollzieher standen vor Ihrem Haus, sogar ein Insolvenzantrag ist eingereicht worden. Wie bewerten Sie diese Vorgänge?

Wenn zwei sich streiten, müssen die Gerichte entscheiden. Das ist meine Einstellung – nicht nur von Berufs wegen. Hier ist es aber so, dass jemand nicht den Rechtsweg sucht, sondern durch medienwirksame Vollstreckungsversuche versucht, eine Art Vernichtungskrieg gegen mich zu führen. Der macht aber überhaupt keinen Sinn. Wenn der Insolvenzantrag berechtigt wäre, dann müsste der Investor ja sein Geld auch abschreiben.

Tatsächlich ist der aktuelle Stand so, dass ich die Vollstreckungsversuche unterbinden konnte, in dem ich eine Prozessbürgschaft hinterlegt habe. Der Insolvenzantrag entbehrt daher jeder Grundlage. Wenn ich insolvent wäre, hätte mir keine Bank der Welt eine solche Bürgschaft gewährt. Von daher ist das ein Rachefeldzug, der nur dazu dient, mich in der Öffentlichkeit zu diskreditieren und leider auch unbeteiligte Dritte mit einbezieht.

Damit meinen Sie Mitarbeiter Ihrer Kanzlei, denen angeblich die Pfändung ihrer Gehälter drohen würde?

Ja, das ist richtig, obwohl ich logischerweise keine Ansprüche gegen meine eigenen Mitarbeiter haben kann. Insgesamt sind 158 Personen, Unternehmen und Institutionen angeschrieben worden, auch Sponsoren des Vereins – allesamt sind sie an diesem Verfahren nicht beteiligt. Deshalb war von vornherein klar, dass diese Pfändungen ins Leere zielen und nur dem Zweck der negativen Stimmungsmache dienten.

In der vergangenen Woche ist vom Amtsgericht Sömmerda ein Pfändungs- und Überweisungsbeschluss gegen Sie erlassen worden. Wie passt dies mit der Einstellung der Vollstreckung zusammen?

Leider kam es zu einer zeitlichen Überschneidung von einem Tag, weil ich die Prozessbürgschaft auf dem Postweg habe zustellen lassen. Mittlerweile ist das jedoch geklärt und der Pfändungs- und Überweisungsbeschluss eingestellt worden.

Weshalb ist es überhaupt zu einer derartigen Zuspitzung des Rechtsstreits gekommen?

Nach dem Ausstieg des Investors ist mir vorgeworfen worden, ich hätte Gelder zweckentfremdet verwendet. Dabei war von Anfang an alles vertraglich klar geregelt und Herr Zoller, der Rechtsanwalt des Hauptinvestors, stets miteinbezogen. Zudem haben wir explizit während der wochenlangen Vertragsverhandlungen darüber gesprochen.

Beklagt wird die Verwendung der investierten 1,8 Millionen Euro von Ihnen für die Tilgung eines Massedarlehens und Alt-Verbindlichkeiten. Zu Unrecht?

Zwischenzeitlich haben sowohl die Staatsanwaltschaft und das Insolvenzgericht die Verträge geprüft und sind einhellig zu dem Ergebnis gekommen, dass ich berechtigt war, die Gelder so zu verwenden. Und das werden auch die Zivilgerichte so bestätigen.

Die Investoren zweifeln die Vertragsgültigkeit an, weil die Zahlung der Gelder an die Eintragung der GmbH gekoppelt gewesen sein soll. Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie hätten den Investoren verschwiegen, dass die Eintragung ins Handelsregister abgelehnt worden war?

Den Investoren war dies zum Zeitpunkt des Einstiegs sehr wohl bekannt. Das steht so in den Verträgen. Im Übrigen muss die Ausgliederung der Profiabteilung sowohl im Handelsregister als auch im Vereinsregister eingetragen werden. Im Vereinsregister war die Eintragung bereits erfolgt. Und das hat Herr Zoller versucht, mit Drohungen gegen den Rechtspfleger rückgängig zu machen, weil er seinen Investor aus den Verträgen mit weiteren Zahlungsverpflichtungen rauskriegen wollte.

Zur Ausgliederung und Eintragung der GmbH ins Handelsregister ist es nie gekommen. Warum?

Dies weiter zu verfolgen hätte nach dem Ausstieg von Herrn Scheibe als Hauptinvestor keinen Sinn gemacht. Dass dies bis zuletzt möglich gewesen wäre, bestätigt mir das Rechtsgutachten eines externen Kollegen.

Selbst wenn die Schulden-Tilgung rechtskonform war, wurde damit sehenden Auges der Spielbetrieb, ein Regionalliga-Team und die Infrastruktur des Vereins geopfert. War das nicht ein zu hoher Preis?

Die Verträge haben vorgesehen, dass Herr Scheibe weitere Darlehen an die ausgegliederte GmbH zahlt. Das ist nicht mehr geschehen. Um es auf den Punkt zu bringen: Der Investor hatte einen Kaufpreis zu zahlen gehabt, der daraus bestand, die Alt-Verbindlichkeiten zu bedienen und auch die Grundlage für den weiteren Spielbetrieb zu schaffen.

Warum ist der Investor aus Ihrer Sicht diesen Verpflichtungen nicht mehr nachgekommen?

Das Interesse von Herrn Scheibe galt ja nicht nur dem FC Rot-Weiß Erfurt, sondern bestand hauptsächlich darin Bauvorhaben in Erfurt umzusetzen – unter anderem einen Hotelbau, für den er Fördermittel hätte beanspruchen können. Seine Überlegung war die, diese Förderung teilweise an Rot-Weiß weiterzugeben. Als er mit diesem Vorhaben aber nicht weiterkam, hat er die Reißleine gezogen.

Ist das Ihre persönliche Vermutung?

Ich habe mit Vertretern der Stadt gesprochen. Da wurde mir bestätigt, dass Herr Scheibe die Gespräche darüber ebenfalls abgebrochen hat.

Sie waren angetreten, den Verein zu sanieren. Warum ist es während der Insolvenz überhaupt zu einer weiteren Verschuldung in Millionenhöhe gekommen? Durch Fehlplanung?

Nein. Bei der Planung einer Saison geht man von bestimmten Annahmen aus, was Ticket-, Zuschauer- und Sponsoreneinnahmen betrifft. Diese Planannahmen haben mir Marketingexperten zugearbeitet. Leider wurden sehr viele mündliche Zusagen nicht eingehalten. Zudem hat die Mannschaft nicht sehr erfolgreich gespielt, so dass es einen Zuschauerrückgang gab. Das alles hat zu einer Unterdeckung geführt, die ich nur über Massedarlehen ausgleichen konnte. Das war allen potenziellen Investoren, mit denen ich verhandelt habe, bekannt.

Sie fühlen sich nicht nur von den Ex-Investoren, sondern auch Vereinsvertretern, Fans und auch den Medien häufig zu Unrecht kritisiert. Wie würden Sie Ihre Arbeit in dem Verfahren selbst bewerten?

Es waren sehr arbeitsintensive Jahre, in der ich die operative Verantwortung hatte. Ich kann nur sagen, dass ich alles versucht habe, dem Auftrag der Gläubiger an mich gerecht zu werden; nämlich den Verein aufrechtzuerhalten. Dass dies schwieriger war als erwartet, ist das eine. Andererseits ist es mir aber trotz allem gelungen, den Nachwuchsbereich wieder in die Verantwortung des Vereins zu geben; sowie mit Herrn Gerber und seinen Partnern Investoren zu überzeugen, die erste Mannschaft zu übernehmen. Das Resultat ist sicherlich nicht das Traumergebnis von vielen. Doch es ermöglicht dem Verein und der Spielbetriebs-GmbH den Fortbestand.

Wie ist der aktuelle Stand des Insolvenzplans, den Sie beim Gericht einreichen müssen, um das Verfahren beenden zu können?

Wir sind in der Vorbereitungsphase; am Beispiel Chemnitz sieht man ja, dass es nicht so einfach ist, einen Fußballverein über einen Insolvenzplan zu sanieren. Ich werde voraussichtlich im Frühjahr des kommenden Jahres den Plan einreichen. Mein Ziel ist es, am Ende der Saison das Verfahren abgeschlossen zu haben. Bis dahin muss sich der Verein aber eindeutig positionieren, ob die Mitglieder das wollen. Und letztendlich entscheiden weder ich noch das Gericht, sondern ausschließlich die Gläubiger, ob sie dem Verein eine neue Chance geben wollen.

Um wie viele Gläubiger handelt es sich dabei? Und mit welcher Quote haben sie zu rechnen?

Es sind annähernd 150 Gläubiger. Die Quote hängt von den Einnahmen ab, die noch in die Insolvenzmasse fließen. Stand heute ist es deshalb schwer zu prognostizieren.

Woher beziehen Sie nach der Freigabe der ersten Mannschaft und der Nachwuchsabteilung überhaupt Einnahmen für die Insolvenzmasse?

Durch Lizenzgebühren, die ich vereinnahmen kann. Und es gibt auch eine schriftlich fixierte Zusage des Investors, dass er eine Zahlung leistet, um den Gläubigern eine Quote anbieten zu können, wenn der Insolvenzplan angenommen wird.

Welches persönliche Interesse haben Sie, das Verfahren zu beenden? Vielleicht auch ein finanzielles?

Finanzielle Ambitionen habe ich an dieser Stelle überhaupt nicht. Es geht mir um diesen Verein. Ich habe im Laufe des Verfahrens erkannt, wie wichtig der FC Rot-Weiß für viele Menschen in Erfurt ist. Sie haben mich gebeten, den Verein zu erhalten. Das sehe ich als Auftrag an, den ich erfüllen will.

Also ist es durchaus eine emotionale Geschichte für Sie?

Ja, es ist sehr viel Herzblut dabei. Ich war zwar schon immer Fußballfan und habe auch selbst Fußball gespielt. Zum FC Rot-Weiß Erfurt hatte ich zuvor jedoch keine Beziehung. Die ist erst gewachsen im Laufe der Jahre. Schon immer fiebere ich mit Dortmund mit und in meiner alten Heimat mit Kaiserslautern.

Warum hat es der FCK geschafft, ein Insolvenzverfahren innerhalb von zwei Monaten abzuschließen?

Der große Unterschied liegt darin, dass sich dort die Gremien nach einem vorausgegangenen Streit im Verfahren einig waren. In Erfurt gab es immer interne Streits und eine Lagerbildung, die zu einer Spaltung des Vereins geführt hat. Das muss der FC Rot-Weiß hinbekommen, um in Zukunft nachhaltig fortbestehen zu können.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem neuen Präsidium?

Da gibt es kaum Berührungspunkte, weil ich die operative Verantwortung übergeben habe.

Und mit Franz Gerber, der ja schon vor einem Jahr zu den Investoren gehört hatte?

Mit Herrn Gerber bin ich regelmäßig im Gespräch, weil ich als Insolvenzverwalter die Interessen des Vereins in der Spielbetriebs-GmbH vertrete. Wir haben immer einen höflichen und korrekten Umgang miteinander gepflegt. Es war schon damals ein respektvolles Verhältnis gewesen – und das ist es auch geblieben.

Was werden Sie persönlich aus dieser aufregenden Zeit mitnehmen?

Falls mich jemals ein Insolvenzgericht noch einmal beauftragen würde, einen Fußballverein zu sanieren, dann würde ich mir vorher alle Beteiligten an einen Tisch holen und sagen: Entweder ihr zieht mit oder unsere gemeinsame Reise ist sehr kurz. Denn ich hätte jederzeit beim FC Rot-Weiß die Reißleine ziehen und das Verfahren einstellen können.

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