Krawall im Kühlhaus

Berlin  Wie der große König Kramnik beim WM-Kandidatenturnier in Berlin kämpft und verliert. Und wie ein Thüringer mit ihm fiebert.

Schach als szenisches Theater: Spitzenreiter Caruana mit Fide-Vizepräsident Gelfer, Zuschauerblick von oben auf So und dessen Partie gegen Kramnik, Ding gegen Mamedyarov. Fotos: Axel Eger

Schach als szenisches Theater: Spitzenreiter Caruana mit Fide-Vizepräsident Gelfer, Zuschauerblick von oben auf So und dessen Partie gegen Kramnik, Ding gegen Mamedyarov. Fotos: Axel Eger

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Vor ein paar Tagen postet der israelische Großmeister Emil Sutovsky bei Facebook ein Bild. Es zeigt ein Wasserglas, der Pegel exakt mittig, dazu die Frage: Halb voll oder halb leer, Wladimir Kramnik? Da sind sieben Runden gespielt beim WM-Kandidatenturnier und der Mitfavorit liegt nach turbulentem Verlauf bei dreieinhalb Punkten.

Im Kühlhaus, jenem mehr als einhundert Jahre alten Klotz am Berliner Gleisdreieck, ermitteln acht Top-Großmeister noch bis kommenden Dienstag den Herausforderer von Schach-Weltmeister Magnus Carlsen. Das Innenleben des hoch aufragenden Baus mit dem Charme von Höhle und Ruine, gleicht Kramniks Spiel. Alles ist weiß oder schwarz. Vor allem schwarz

Es scheint, als färbe die archaische Aura des Hauses mit den steilen Treppen, stählernen Balustraden und nacktem Beton auf Kramniks Spiel ab. So, als betrachte der russische Ex-Weltmeister dieses Turnier der Besten als eine Art Abenteuerspielplatz. Zuletzt hat er wieder zweimal verloren. Nach drei Runden ist er Erster, jetzt Letzter.

Auch Bernd Vökler hat anfangs auf Kramnik gesetzt. „Wir haben beiden schließlich am selben Tag Geburtstag“, lacht er. Der Bundesnachwuchstrainer aus Apolda verfolgt mit einer Schar Talente das Spiel der Topstars . Es ist die Jugend-Nationalmannschaft, die im Juli in Bad Blankenburg bei der Mannschafts-Europameisterschaft spielen wird. Vorige Woche waren die Mädchen da, diese Woche sind es die Jungen. Eine ideale Verbindung von Trainingslager und praktischer Anschauung.

1991 hat Vökler in Groningen selbst einmal gegen Kramnik gespielt. Der spätere Superstar ist da erst 16. Vökler verteidigt sich damals so wie es Kramnik am Sonntag in Berlin gegen den Chinesen Ding tut: mit Turm und Leichtfigur gegen die Dame. Anders als Kramnik, der gegen den Chinesen das Remis hält, aber ohne Erfolg.

Deutsche Talente kommen als Kiebitze

Neben den Besuchen im Kühlhaus trainieren die deutschen Talente in der Akademie des Weltverbandes im Olympiastadion. Mentor der Jungs ist der Weltklassespieler Alexej Schirow, der Ende der 90er-Jahre das Kandidatenfinal-Match gegen Kramnik gewonnen hat. Die Mädchen und Jungs büffeln Theorie und simulieren anhand von Datenbanken und Statistiken die Eröffnungsvorbereitung der Stars in Berlin. Die Variante zwischen dem Armenier Levon Aronian und dem Chinesen Ding Liren haben sie immerhin bis zum zehnten Zug richtig vorhergesagt.

So einfach ist das gar nicht. „Fast alle Spieler haben sich für dieses Turnier praktisch neu erfunden“, staunt der deutsche Großmeister Georg Meier, der einige Partien im Kühlhaus kommentiert hat. „Es gibt Stilbrüche, die sie sich bislang kaum getraut haben“, meint auch Vökler. Nicht immer funktioniert das freilich so gut, wie Kramniks Eröffnungsbombe Th8 nach g8 in der Partie gegen Aronian.

Vor allem Kramnik, dem lange das Attribut des nüchternen Icemans anhaftete, sorgt als Senior des Turniers für die großen Momente. Der kühle Stratege wird zum heißblütigen Taktiker. Gegen Sergej Karjakin opfert er im Stile der Romantiker (leider umsonst) einen ganzen Turm. Und wenn Positionen wie gegen den Amerikaner Wesley So oder Ding Liren eigentlich tot remis sind, spielt Kramnik mit der Kondition eines Bären einfach weiter. Weiter, immer weiter. Dann entstehen Partien voll von Rilkescher Poesie: Ihm ist als ob es tausend Züge gäbe und hinter tausend Zügen keine Welt.

Gegen Grischuk sitzt Kramnik fast sieben Stunden am Brett, tags zuvor gegen Ding gut sechs. Ausgerechnet er, mit 42 deutlich älter als alle anderen, treibt Körper und Kondition ans Äußerste. Manchmal scheint es, als wolle er mit dem Kopf durch die Wand. Jeder Punktverlust macht ihn nur noch rasender. Gegen Shakhryiar Mamedyarow lässt er nach 30 Zügen eine sinnvolle Zugwiederholung und die Punkteteilung aus, schaltet um in den Krawall-Modus – und verliert im Endspiel. Der Erfurter Großmeister Thomas Pähtz fühlt das mit dem Bauernzug nach h4 verbundene Unheil sofort und wettet „einen Kasten Bier und ein halbes Schwein“, dass für Kramnik nichts mehr zu holen ist.

Vielleicht hat ihn sein müheloser Start mit der Jahrhundertpartie gegen Aronian, den zweiten großen gescheiterten Favoriten im Feld, übermütig gemacht? Vielleicht hat ihn aber auch die Niederlage gegen Caruana in Runde vier, in der er zwischenzeitlich glatt auf Gewinn steht, schon den entscheidenden Knacks verpasst. Sekundenlang sitzt er anschließend mit gesenktem Kopf am Brett. Ausgerechnet im Kühlhaus schmelzen die Chancen des Eismanns in der Folge unerbittlich dahin.

Der Preisfonds des Turniers ist mit 420 000 Euro stattlich, doch darum geht es erst in zweiter Linie. Es geht vor allem um die historische Chance, in einem WM-Match zu spielen. Das ist der eigentliche, der unbezahlbare Gewinn. Der, der alle antreibt. Der die einen motiviert. Und die anderen, wie Kramnik oder Aronian, psychologisch geradezu lähmt.

„Auch die Weltspitze kocht nur mit Wasser, das ist beruhigend“, sagt Pähtz mit Blick auf die jüngste Partie von Spitzenreiter Caruana, der gegen Ding eine einfache taktische Lösung übersieht, die ihm statt eines halben mühelos den vollen Punkt gesichert hätte.

Vor den letzten fünf Runden ist Kramniks Glas nicht einmal mehr halbvoll. Er ist raus aus dem Rennen, das auf Caruana oder Mamedyarov hinausläuft. Der Italo-Amerikaner und der Aseri verstehen sich beide auf schöpferisches Angriffsschach, sind zugleich aber typische Vertreter der New Economy im Schach. Effektiv, das Risiko nie überziehend, kontrolliert vor allem Caruana mit einem halben Punkt Vorsprung aus dem Rückspiegel das Feld, wie die Nachrichtenseite Chessbase schreibt.

Caruana mit dem besten Sekundanten

„Keine Frage, jeder ist ein Gegner für Carlsen, so wie Carlsen gegen jeden von ihnen gewinnen kann“, meint Vökler. Vielleicht spricht für Caruana das kleine Detail, dass er in Berlin Rustam Kasimdshanov als Sekundanten zur Seite hat. Der theoriebeschlagene Usbeke besitzt in der Branche einen exzellenten Ruf, seit er vor sieben Jahren als Theorietrainer die deutschen Männer zu Team-Gold bei der Mannschafts-Europameisterschaft geführt hat.

Und wann mischt mal wieder ein Deutscher im Karussell der WM-Kandidaten mit, 47 Jahre nach Wolfgang Uhlmann und 37 nach Robert Hübner? „Das lässt sich nicht sagen“, meint Vökler, der mit Vincent Keymer das derzeit hoffnungsvollste Talent unter seinen Fittichen hat.

Manchmal sind es auch auf den 64 Feldern Kleinigkeiten, die die Weichen stellen. Als der Bayer Arik Braun vor zwölf Jahren Jugend-Weltmeister geworden ist, schreibt Vökler einen Brief an Wladimir Kramnik. Der setzt sich dafür ein, dass Braun einen Platz in der C-Gruppe des renommierten Turniers von Wijk aan Zee bekommt. Und der junge Deutsche, damals gerade 19, startet furios. Vier Siege aus den ersten vier Partien. Dann wird das Duell gegen den Letzten nur remis – und Braun kommt jäh aus dem Tritt. Er verliert die restlichen Runden. Turniersieger wird ein gewisser Fabiana Caruana, der innerhalb von zwei Jahren bis ins A-Turnier aufsteigt und heute, zehn Jahre später, plötzlich der heißeste Anwärter auf ein Match um die Weltmeisterschaft ist.

Kramniks Unsterbliche

Aronian – Kramnik, Spanische Partie: 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 Sf6 4. d3 Lc5 5. Lxc6 dxc6 6. 0-0 De7 7. h3 Tg8! 8. Kh1 Sh5 9. c3 g5! 10. Sxe5 g4! 11. d4 Ld6 12. g3 Lxe5 13. dxe5 Dxe5 14. dd4 De7 15. h4 c5! 16. Dc4 Le6 17. Db5+ c6 18. Da4? f5 19. Lg5? Txg5 20. hxg5 f4 21. Dd1 Td8 22. Dc1 fxg3 23. Sa3 Td3 24. Td1 Ld5 25. f3 gxf3 26. exd5 De2 27. Te1 g2+ Weiß gab auf

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